> > > Verdi, Giuseppe: Macbeth: Podlasie Opera & Philharmonic Choir, Europa Galante, Fabio Biondi
Donnerstag, 18. Juli 2019

Verdi, Giuseppe: Macbeth - Podlasie Opera & Philharmonic Choir, Europa Galante, Fabio Biondi

Spannender 'Macbeth' mit eklatanter Schwäche


Label/Verlag: Glossa
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Gäbe es in einer zentralen Partie keinen Totalausfall, müsste man diesen 'Macbeth' dringend empfehlen. So bleibt er ein Dokument für historisch Interessierte oder eingefleischte Fans einzelner Künstler.

Mit seinem Originalklang-Ensemble Europa Galante hat der Violinist und Dirigent Fabio Biondi bereits mehrfach Ausflüge ins Opernrepertoire unternommen, die abseits der mit ihm verbundenen Barockmusik liegen. Seine mitreißende 'Norma' 2010 in Warschau – die noch immer auf eine Veröffentlichung wartet – oder die wunderbar herbe Interpretation von Bellinis 'I Capuleti e i Montecchi' ein paar Jahre später gehören zu den spannendsten Belcanto-Lesarten der letzten Zeit. Sie brechen mit Hörgewohnheiten allein durch die Vibratoarmut im Orchesterklang sowie das Hinzuziehen von ungewöhnlichen Farben wie einem Hammerklavier bei Bellini. Die Erwartungshaltung ist entsprechend hoch, wenn sich Fabio Biondi einer Oper des 19. Jahrhunderts annimmt, die sonst eher zu den großdimensionierten Werken des internationalen Repertoires gehört.

Nun ist also beim Label Glossa Giuseppe Verdis 'Macbeth' mit Europa Galante unter Fabio Biondis Leitung herausgekommen, und zwar in der stilistisch geschlosseneren Urfassung von 1847, ohne 'La luce langue' oder das Duett am Ende des dritten Aktes. Die Aufnahme entstand im August 2017 im Rahmen einer konzertanten Produktion in Warschau. In vielerlei Hinsicht ist das Ergebnis beeindruckend: Der Dirigent und sein Ensemble lassen Verdis Partitur mit einer Raffinesse und Virtuosität erklingen, die vielen anderen Opernorchestern in Anflügen von Schwerfälligkeit abgeht. Das zeigt sich nicht nur in den teils raschen Tempi, sondern vor allem in der Genauigkeit von Läufen, Punktierungen und dynamischen Extremen. Manchem Hörer mag das vielleicht zu leichtgewichtig erscheinen, aber es gelingt den Musikern eben eine bei 'Macbeth' selten gehörten Farbenfülle. Licht und Dunkel huschen durch die draufgängerischen Streicher, das Blech schneidet sich bedrohlich ins Ohr und im Holz flackert und irrlichtert es, dass es eine Wonne ist. Nicht nur die Hexenchöre werden so kongenial unterstützt, aber sie mutieren tatsächlich zu einer Hauptattraktion der Einspielung – eindrücklich vom Podlasie Opera and Philharmonic Choir bestritten, der auch in den Massenszenen eine akustisch mehr als gute Figur macht.

Giovanni Meoni gibt einen geschundenen Macbeth mit charaktervollem Bariton. Das ist kein purer Schönklang, sondern eine ausdrucksstarke Interpretation, die auch vor fahlen Eintrübungen und schroffen Momenten nicht zurückschreckt, gleichzeitig aber von einer anrührenden Zartheit und lebenserfahrenen Tiefe ist – ein äußerst glaubwürdiges Rollenporträt. Als Banco trumpft Fabrizio Beggi mit mächtigem Bass auf. Seine Arie im zweiten Akt ist eine klangvolle Visitenkarte und auch im Ensemble weiß der Sänger auf sich aufmerksam zu machen. Ähnlich verhält es sich mit dem Interpreten des Macduff, Giuseppe Valentino Buzza. Er zieht in der eigentlich undankbaren Partie alle Register, verleiht dem Sextett im ersten Akt eine überaus edle Note, um dann in 'Ah la paterna mano' ein wenig übers Ziel hinauszuschießen – wunderbar intoniert mit vielversprechendem Material, aber stilistisch mit ein paar Schluchzern und schmerzerfüllten Tonansätzen zuviel garniert, was freilich Geschmackssache bleibt.

Eine einzige Schwachstelle

Weniger Geschmackssache ist vermutlich die zentrale Schwachstelle der ansonsten homogenen Einspielung: Nadja Michael als Lady Macbeth. Ehrlicherweise muss man sogar die Frage stellen, wie Glossa diese Aufnahme überhaupt veröffentlichen konnte, wo die Interpretin der Lady mit ihrer Partie ohrenfällig derart überfordert ist. Das ist in erster Linie tragisch, denn Nadja Michael war und ist eine Künstlerin mit einem vollen, edlen Mezzosopran und unbedingtem Gestaltungswillen. Letzterer bricht sich auch in ihrer hier dokumentierten Lady Macbeth Bahn: Michael wirft sich schonungslos ins Zeug, lotet die Kraft des Textes in zahlreichen Facetten differenziert aus, ist intensiv und ohne Frage als kluge Interpretin erkennbar. Aber die Stimme macht in der Sopranlage nicht mehr mit. Unentwegt schrammt sie nicht nur knapp an der Intonation vorbei, trüben das unkontrollierte Vibrato und zu tief angesetzte Töne den Hörgenuss entschieden – vom gefürchteten Schlusston der Schlafwandelszene ganz zu schweigen, der hier (als einer unter vielen) in absoluter Überforderung kurz angeschubst, aber nicht getroffen wird, eher einem Geräusch gleichend als einer Note. Da mag vieles in gewisser Weise mit Verdis überlieferter Vorstellung der Lady-Macbeth-Stimme zu entschuldigen sein: Sie sollte nicht schön klingen (tut Michaels Stimme aber!) und sie sollte eher deklamieren als singen (was Nadja Michael beherrscht). Aber in regelmäßigen Abständen die Intonation zu unterlaufen, so dass man als Hörer nur noch mitzittert, ob sie wohl die nächste Hürde nimmt, kann nicht intendiert gewesen sein. Man wünschte sich, Nadja Michael würde das so vehement ertrotzte Soprangebiet zu Gunsten ihres früheren Repertoires verlassen und in wieder glaubhaften und passenden Partien ihr Publikum verdient zum Staunen bringen.

Für die ansonsten große Qualität dieses 'Macbeth' spricht auch die blendende Besetzung in den kleineren Rollen: ein glänzender Malcolm von Marco Ciaponi, die herrliche Kammerfrau von Valentina Marghinotti und der noble Bass von Federico Benetti als Arzt und Diener. Wäre der Totalausfall in der Partie der Lady nicht, müsste man diesen 'Macbeth' dringend empfehlen. So bleibt er ein Dokument für historisch Interessierte oder eingefleischte Fans einzelner Künstler.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Verdi, Giuseppe: Macbeth: Podlasie Opera & Philharmonic Choir, Europa Galante, Fabio Biondi

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Glossa
1
09.11.2018
Medium:
EAN:

CD
8424562234116


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Verdi, Giuseppe


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Glossa

Spaniens renommiertestes Klassiklabel wurde 1992 von Carlos Céster und den Brüdern José Miguel und Emilio Moreno gegründet. Sein "Hauptquartier" hat es in San Lorenzo del Escorial in den Bergen nahe Madrid. Zahlreiche herausragende Künstler und Ensembles aus dem Bereich der Alten Musik (z.B. Frans Brüggen und das Orchestra of the 18th Century, La Venexiana, Paolo Pandolfo, Hervé Niquet und sein Concert Spirituel u.v.a.) finden sich im Katalog des Labels. Doch machte GLOSSA von Anfang an auch wegen der innovativen Gestaltung und Produktionsverfahren von sich reden. Zu nennen wären hier die Einführung des Digipacks auf dem Klassikmarkt und dessen konsequente Verwendung, der Einsatz von Multimedia Tracks oder die Platinum-Serie mit ihrem avantgardistischen Design. Innerhalb der vergangenen knapp zwei Jahrzehnte konnte GLOSSA so zu einem der interessantesten Klassiklabels auf dem Markt avancieren. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt auch dem Spiritus rector und Gesicht des Labels, Carlos Céster.


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