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Mittwoch, 20. Februar 2019

Mendelssohn-Bartholdy, Felix: Organ Works - Christoph Schoener, Orgel

Mendelssohn aus dem Michel


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Bearbeitungen für Orgel von Werken Felix Mendelssohns Bartholdys mit einer raffinierten Klangraumdramaturgie.

Wie schon bei der letzten Brahms-Aufnahme aus dem Hamburger Michel von Christoph Schoener zeichnet sich auch diese hybride SACD mit Orgelwerken Felix Mendelssohn Bartholdys durch zwei besondere Eigenschaften aus. Zum einen handelt es sich fast durchweg um gelungene Bearbeitungen für die Königin der Instrumente. Dem Booklet-Text zufolge sind nur 'Thema mit Variationen' von 1844 und 'Choral mit Variationen' ursprünglich für die Orgel gesetzt. Die 'Sechs Präludien und Fugen' op. 35 übertrug Christoph Bossert so gekonnt vom Klavier auf die Orgel, dass es nicht klingt wie eine Bearbeitung. Den berühmten 'Hochzeitsmarsch' op.61 kennt man aus 'Ein Sommernachtstraum'. Und der 'Trauermarsch', dessen erstes Thema stark an den Beginn der Fünften Sinfonie von Mahler erinnert, ist eine ‚freie Konzertbearbeitung‘ von Siegfried Karg Elert, in der das 'Lied ohne Worte' op. 102 Nr. 6 und das 'Kinderstück' in Es-Dur op. 72 Nr. 2 miteinander verschmelzen. Zum anderen kommen im großen Rund der Sankt Michaeliskiche mit der Großen Orgel, der Konzertorgel sowie der Carl-Philip-Emanuel-Bach-Orgel gleich drei Instrumente zum Einsatz. Nicht zu vergessen das Fernwerk, das von der Decke aus gleichsam vom Himmel herab klingt.

Vielfältige Klangkombinationen

Dem Organisten Christoph Schoener steht also ein ganzes Arsenal an Klangkombinationen zur Verfügung, dies zumal vom zentralen Spieltisch die Große Orgel und die Konzertorgel plus Fernwerk zugleich angespielt werden können. Von diesen Möglichkeiten macht Schoener dann auch reichlich auf beeindruckende Weise Gebrauch. So erklingt das 'Lied ohne Worte' op. 102 Nr. 6 nur mit dem Fernwerk. Wer über Höhenlautsprecher und die entsprechenden Abspielgeräte verfügt, kommt hier also in den Genuss, von oben beschallt zu werden. Besonders wirksam werden die Effekte dieser Klangraumdramaturgie jedoch, wenn sich die Musik auf die verschiedenen Instrumente verteilt und man so, auch dank der ausgezeichneten Klangtechnik, eine Art gesteigerte Surrounderfahrung erlebt. Gegen Ende der B-Dur-Fuge Nr. 6 etwa bewegen sich frei im Sinne der durchbrochenen Arbeit die Läufe von der Mitte aus bis ganz nach rechts, also von der Großen Orgel hin zur Konzertorgel. Es entstehen also Bewegungen durch den Klangraum, wie man sie sonst nur aus dem Film kennt und die das Herz jedes Surround-Liebhabers höher schlagen lassen (wer die SACD alleine in Stereo hört, bekommt davon kaum etwas mit).

Ähnlich wirksam ist es, wenn in der f-Moll-Fuge Nr. 5 plötzlich das Fernwerk zum Einsatz kommt, so dass die Musik um einen Echoeffekt bereichert wird, der auf dem Klavier so natürlich nie möglich wäre. Dass Christoph Schoener aufgrund der romantischen Klangästhetik mit viel Hall in einigen Stücken ein eher gemäßigtes Tempo vorlegt, um volle Durchhörbarkeit zu garantieren, ist da verständlich. Hört man die Präludien und Fugen op. 35 im Vergleich auf dem Klavier, klingen sie dort strukturell um einiges klarer, während die Bearbeitungen ihr verborgenes sinfonisches Potenzial offenlegen. Wer also über eine passene HiFi-Anlage mit entsprechenden Boxen verfügt, sollte sich diesen Mendelssohn aus dem Michel nicht entgehen lassen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mendelssohn-Bartholdy, Felix: Organ Works: Christoph Schoener, Orgel

Label:
Anzahl Medien:
MDG
1
EAN:

760623209661


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Mendelssohn Bartholdy, Felix


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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