> > > Haydn, Joseph: Il ritorno di Tobia: Arnold Schoenberg Chor, Orchestra La Scintilla, Nikolaus Harnoncourt
Mittwoch, 24. April 2019

Haydn, Joseph: Il ritorno di Tobia - Arnold Schoenberg Chor, Orchestra La Scintilla, Nikolaus Harnoncourt

Der Funke will nicht überspringen


Label/Verlag: ORFEO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wenn Nikolaus Harnoncourt Raritäten ausgräbt, dann ist das zumeist vielversprechend. Und als CD-Erscheinung für alle Entdeckungsfreudigen eigentlich ein Muss. Schade nur, wenn der Funke der Begeisterung auf den Zuhörer nicht so recht überspringen mag.

Wenn Nikolaus Harnoncourt Raritäten ausgräbt, dann ist das zumeist vielversprechend. Und als CD-Erscheinung für alle Entdeckungsfreudigen eigentlich ein Muss. Schade nur, wenn der Funke der Begeisterung auf den Zuhörer nicht so recht überspringen mag. Das ist nämlich der Fall beim vorliegenden Konzertmitschnitt von Joseph Haydns Oratorium 'Il ritorno di Tobia', einer biblischen Episode, die Haydn 1775 in Wien in musikalischem Gewand zur Uraufführung brachte. Man vergisst es wirklich immer wieder: Haydn hat in Sachen Oratorium nicht nur die 'Jahreszeiten' und die 'Schöpfung' hinterlassen. Aber die Übermacht dieser beiden Großtaten ist so stark, dass 'Il ritorno di Tobia' in den Bereich der Rarität gedrängt wurde und überaus selten auf den Spielplänen auftaucht. Die Diskographie ist dementsprechend übersichtlich: zwei Einspielungen aus den 1970ern – darunter eine unter der Leitung von Antal Dorati mit der jungen Barbara Hendricks und Philip Langridge – und eine Deutschlandfunk-Produktion von 2006 beim Label Naxos. Nun reiht sich der Mitschnitt von Salzburger Festspielen 2013 in den kleinen Reigen ein, mit Verspätung beim Label Orfeo auf zwei ordentlich gefüllten CDs erschienen.

Vieles an 'Il ritorno di Tobia' ist ungemein opernhaft. Harnoncourt zieht Parallelen zur neapolitanischen Oper und deren Konventionen, die Haydn freilich neu deutet und für seine Zwecke einrichtet. Eine üppige Handlung hat der 'Tobia' nicht zu bieten: Der blinde Tobit und seine Frau Anna warten auf die Rückkehr des Sohnes Tobia. Dieser kommt auch tatsächlich in Begleitung einer neuen Frau und eines Erzengels, um den Vater von seiner Blindheit zu heilen. Das war‘s.

Interessant sind hier aber die verschiedenen Affekte, die Seelenzustände der beteiligten Personen. Einige der Arien sind tatsächlich von großer Schönheit und teilweise auch fesselnd. Und doch wird man als Zuhörer schnell müde vom beständigen Wechsel zwischen Arien und Rezitativen mit wenigen Chören – und zwar nicht, weil diese Seria-Konvention per se anstrengend wäre, sondern weil Haydn eher subtil als effektvoll zu Werke geht. Bei aller damaligen Neuartigkeit der Musik und all den mutigen Harmonien, die Harnoncourt dem 'Tobia' abgewinnen kann, entsteht kein größerer Spannungsbogen, bleiben dem Zuhörer die Figuren fremd. Das ist nicht zwingend Harnoncourts Schuld, denn der Dirigent ist hörbar Feuer und Flamme für die Partitur und bringt mit der ihm eigenen Vehemenz und Leidenschaft feine Details ans Licht. Aber Haydn kann man die Langatmigkeit durchaus anlasten, unter anderem auch, weil die Behandlung der überlangen Rezitative, wie auch in so mancher seiner Opern, recht ziellos daherkommt.

Anstrengendes Hörerlebnis

Das Orchester La Scintilla folgt Harnoncourt auf Schritt und Tritt, agiert durchsichtig und wendig, holt alles aus der Partitur heraus, was da zu finden ist. Auch der Arnold Schönberg Chor wirft sich mit prachtvollem Klang ins Zeug, während die Solisten nicht in allen Fällen genügend vokale Persönlichkeit mitbringen, um dem anstrengenden Hörerlebnis die notwendige Portion Leben einzuhauchen. So perlen bei Sen Guo als Engel Raffaelle mühelos die Koloraturen und ihr höhensicherer, glockenklarer Sopran kennt kaum Grenzen. Über das notengetreue Absingen kommt sie allerdings nicht hinaus. Auch Mauro Peter als Tobia beeindruckt mit seinem ungemein schönen und gepflegten Tenor und seiner guten Artikulation. Es fehlt aber an Ecken und Kanten, dem Mut zur darüber hinaus gehenden Gestaltung. Valentina Farcas gelingt dies zumindest teilweise als Sara. Allerdings hat sie auch die dankbareren Nummern, in denen sie über ihren seelenvollen Gesang hinaus ein paar mehr Register ziehen kann.

Wesentlich zupackender agieren Ruben Drole und Ann Hallenberg, wenn auch mit unterschiedlichen Ergebnissen. Während Drole in eher grobe Fahrwasser gerät und der Partie eine gute Portion Stimmkultur schuldig bleibt, lässt Ann Hallenberg alle anderen Kollegen weit hinter sich. Ihr gelingt das Kunststück, zwischen Oratorium und Oper zu wandeln und dramatische Akzente zu setzen, wo es vonnöten ist. Ihre Anna ist von der ersten Sekunde an griffig und glaubwürdig. Vielleicht macht das auch die langjährige Rollenerfahrung: Ann Hallenberg war bereits 2006 unter Spering die Anna und hat Haydns Oratorien-Rarität auch schon Jahre vor dem Harnoncourt-Konzert auf internationalen Podien gesungen.

Laut Beiheft, das absurderweise den kompletten italienischen Text ohne jegliche Übersetzung beinhaltet, hat Nikolaus Harnoncourt vor dem Konzert seinem Publikum folgenden Hinweis mit auf den Weg gegeben: ‚Das ist nicht leicht zu hören, aber wenn Sie es hören, dann spüren Sie auch etwas.‘ Für den Konzertmitschnitt trifft diese Prophezeiung leider nicht zu. Vielleicht muss man ihn öfter hören. Vielleicht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Haydn, Joseph: Il ritorno di Tobia: Arnold Schoenberg Chor, Orchestra La Scintilla, Nikolaus Harnoncourt

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ORFEO
2
09.11.2018
EAN:

4011790952222


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Haydn, Joseph


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ORFEO

Erschienen die ersten Aufnahmen des 1979 in München gegründeten Labels noch in Lizenz bei RCA und EMI, produziert und vertreibt ORFEO seit 1982 unter eigenem Namen. Durch konsequente Repertoire- und Künstlerpolitik konnte sich das Label seit seinem aufsehenerregenden Auftritt am Anfang der Digital-Ära dauerhafte Präsenz auf dem Markt verschaffen. Nicht nur bekannte Werke, sondern auch weniger gängige Musikliteratur und interessante Raritäten - davon viele in Ersteinspielungen - wurden dem Publikum in herausragenden Interpretationen zugänglich gemacht. Dabei ist es unser Bestreben, auch mit Überraschungen Treue zu klassischer Qualität zu beweisen.
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Zu den Künstlern zählen die besten Sängerinnen und Sänger, Instrumentalisten, Orchester und Dirigenten der letzten drei Jahrzehnte. Die Förderung aufstrebender Künstler der jüngeren Generation war und ist ORFEO stets ein Anliegen. Viele, die heute zu den Großen der Musikszene zählen, errangen bei uns ihre ersten Schallplattenerfolge.
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