> > > Zelenka, Jan Dismas: Missa Sancti Josephi: Kammerchor Stuttgart, Barockorchester Stuttgart, Frieder Bernius
Sonntag, 15. September 2019

Zelenka, Jan Dismas: Missa Sancti Josephi - Kammerchor Stuttgart, Barockorchester Stuttgart, Frieder Bernius

Frisch im Duktus


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Frieder Bernius und seine Stuttgarter Ensembles legen eine weitere Einspielung einer Zelenka-Messe vor. Die lässt sich hören.

Als im Jahr 1945 Dresden brannte, brannte auch das Manuskript der 'Missa Sancti Josephi' von Jan Dismas Zelenka, dessen Todestag zu jenem Datum genau 200 Jahre zurücklag. Damals kümmerte das begreiflicherweise nur wenige. Wenn jetzt, Jahrzehnte später, die Partitur in einer von dem Zelenka-Forscher Wolfgang Horn rekonstruierten Fassung erschienen ist, dürfte ihr Aufmerksamkeit umso sicherer sein – zumal sie auch gleich klingend auf Tonträger gebannt wurde: Mit Frieder Bernius sowie dem Stuttgarter Kammerchor und Barockorchester sind Spezialisten am Werk, deren Engagement für Zelenka beste Tradition ist.

Musikalisch setzt Bernius den Ansatz fort, den er nun schon seit geraumer Zeit in Sachen Zelenka verfolgt. Vielleicht ist dieser Ansatz in der Zwischenzeit etwas gesetzter geworden, aber das heißt nicht, dass er nicht noch immer angemessen und überzeugend wäre. Schlank und transparent im Klang, frisch im Duktus, rhythmisch wach, mitunter (wie hier im 'Laudamus') swingend – so kennt man Bernius‘ Zelenka-Interpretationen, und so klingt auch diese.

Farbe und Charme

Bernius verfügt wieder über erstklassige musikalische Kräfte, allen voran seinen Stuttgarter Kammerchor, der virtuos und makellos agiert, klanglich schlackenlos und elegant wie eh und je. Selbst zirzensiche Anforderungen – wie das neckisch mit lombardischem Rhythmus und Tonsprüngen operierende Fugenthema des 'Cum sancto spiritu' – scheinen den Chor vor keine Herausforderungen zu stellen. Das Stuttgarter Barockorchester agiert in gleichem Sinn: die Streicher mit gedeckter Farbigkeit und atmosphärischer Dichte im 'Et in terra pax', die Bläser mit zusätzlicher Farbe und Charme im 'Laudamus'. Unter den Vokalsolisten sticht Julia Lezhneva heraus: Ihr glasklarer, dunkel gefärbter Sopran ist außerordentlich virtuos, bewegt sich auf- und abwärts ohne Angestrengtheit ('Benedictus'). Die übrigen Solisten wirken weniger exponiert, aber auf Augenhöhe – im 'Laudamus' etwa gestalten Tilman Lichdi (Tenor) und Jonathan Sells (Bass) zuverlässig und charaktervoll.

Teils unauffällig

Beigegeben sind der knapp vierzigminütigen Messe auf dieser CD zwei Psalmen, das 'De profundis' ZWV 50 und das 'In exitu Israel' ZWV 84. Das sind willkommene Dreingaben, die nicht nur den Charakter von Zelenkas Musik, sondern auch den des hier gepflegten Interpretationsstils klarer hervortreten lassen. Man erinnert sich an die Einspielung des 'De profundis' durch Il Fondamento unter Paul Dombrecht, die kräftiger, farbiger, emotional intensiver wirkt. Jene eigenartige Sperrigkeit und zugleich Dringlichkeit, die die 'Sustinuit'-Arie bei Dombrecht entfaltet, fehlt der hier zu hörenden Einspielung. Diese mag bewusst auf einen getragenen Duktus setzen, aber das besagte Stück – eigentlich ja das Herzstück der dichten Komposition – kommt eher unauffällig daher. Gelungen ist demgegenüber der archaische Charakter der Cantus-firmus-Passagen im 'In exitu Israel', die einem Orchester-Unisono von tiefer Färbung kontrastiert werden. Mit diesem dunklen, schnell dahinfließenden Klang bleibt die Einspielung im Ohr.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Zelenka, Jan Dismas: Missa Sancti Josephi: Kammerchor Stuttgart, Barockorchester Stuttgart, Frieder Bernius

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Carus
1
05.10.2018
Medium:
EAN:

CD
4009350832794


Cover vergössern

Zelenka, Jan Dismas


Cover vergössern

Carus

Der Name Carus steht weltweit als ein Synonym für höchsten Anspruch und Qualität auf dem Gebiet geistlicher Chormusik. Dies betrifft nicht nur unsere zuverlässigen Noteneditionen vieler zu Unrecht in Vergessenheit geratener Werke. Es ist uns ein besonderes Anliegen, gerade diese Werke - oft als Weltersteinspielungen - auch in exemplarischen Interpretationen durch hochrangige Interpreten und Ensembles auf CD vorzulegen. Der weltweite Erfolg unseres Labels führte zur Erweiterung unseres Katalogs: Neben der Chormusik, die weiterhin den Schwerpunkt des Labels bildet, haben gerade in den letzten Jahren einige Aufnahmen barocker Instrumentalwerke internationale Beachtung gefunden. Unsere Zusammenarbeit mit erstklassigen Interpreten führte zu einer hohen Klangkultur, die mit der Verleihung vieler internationaler Preise honoriert wurde (Diapason d'Or, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Gramophone - Editor's choice).


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Von Gero Schreier zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

  • Zur Kritik... Schwung und Schauer: Frieder Bernius, ein Quartett hochkarätiger Solisten, der Kammerchor und das Barockorchester Stuttgart veröffentlichen mit der Einspielung von Zelenkas 'Missa votiva' bei Carus einen Ohrenschmaus aus Dresden. Weiter...
    (Susanne Ziese, 05.10.2010)
  • Zur Kritik... Ein großartiges musikalisches Dankesopfer: Eine niveauvolle Einspielung eines mitreißenden Meisterwerkes barocker Kirchenmusik. Weiter...
    (Dr. Franz Gratl, 07.09.2009)

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Carus:

  • Zur Kritik... Finale: Was für eine Großtat von Hans-Christoph Rademann und seinen Ensembles. Schütz komplett – das gibt es jetzt auf hohem und höchstem Niveau. Für Enthusiasten ist die Reihe unverzichtbar. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Ertragreiche Seitenwege: Gesamteinspielungen schreiten auch Seitenwege ab – mit einigem Ertrag. Das unterstreicht diese vorletzte Platte der der Schütz-Reihe, die Hans-Christoph Rademann mit seinen bewährten Kräften bei Carus vorgelegt hat. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Weltreise: Eine Calmus-Platte voller Saft und Kraft, mit starken Einzelstimmen, die sich zu einem unverwechselbaren Ganzen formen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Carus...

Weitere CD-Besprechungen von Gero Schreier:

  • Zur Kritik... Explosiv, dissonant, introvertiert: Das Arcadia-Quartett hat Béla Bartóks Streichquartette eingespielt. Frühere Aufnahmen des Ensembles weckten hohe Erwartungen. Weiter...
    (Gero Schreier, )
  • Zur Kritik... Über die Liebe: Einen Erkundungsgang ins musikalische Mittelalter bietet das Ensemble Trobar e Cantar. Die Liebe ist das verbindende Thema. Weiter...
    (Gero Schreier, )
  • Zur Kritik... Nichts Elektrisierendes: Luca Ranieris Aufnahme von Hindemiths Sonaten für Bratsche allein bei Brilliant Classics fehlt es trotz einiger guter Ansätze an interpretatorischem Profil und spieltechnischem Niveau. Weiter...
    (Gero Schreier, )
blättern

Alle Kritiken von Gero Schreier...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Starke Crossover-Platte: Das WDR Funkhausorchester Köln serviert drei Symphonic-Jazz-Leckerbissen für Klarinette und Orchester. Weiter...
    (Manuel Stangorra, )
  • Zur Kritik... Formexperimente: Piet Kuijken bietet ein überzeugendes Plädoyer für Johann Ladislav Dussek. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Mehr als nur Tonleitern: Zwei schöne, leider fast nie aufgeführte Violinsonaten von Carl Czerny haben Kolja Lessing, Rainer Maria Klaas und Anton Kuerti auf dieser CD aufgenommen – nur ein kleiner, aber sehr interessanter Auszug aus Czernys gigantischem Oeuvre. Weiter...
    (Susanna Morper, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (8/2019) herunterladen (3670 KByte) Class aktuell (3/2019) herunterladen (8670 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 Folkwang Kammerorchester Essen im Portrait Mit Vollgas ins Haus des Teufels
Das Folkwang Kammerorchester Essen ? jung, energiegeladen, hochmusikalisch

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich