> > > Berliner Weihnacht a cappella: Sirventes Berlin, Stefan Schuck
Montag, 20. Januar 2020

Berliner Weihnacht a cappella - Sirventes Berlin, Stefan Schuck

Berliner Weihnacht


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Ensemble sirventes berlin hat eine niveauvoll gesungene, programmatisch relevante Platte vorgelegt.

Alle Jahre wieder beginnt im späten Herbst die Suche nach Alternativen im adventlichen und weihnachtlichen Repertoire – am besten etwas abseits von Schütz, Bach und anderem Barock, dennoch ernsthaft in ästhetischer Ambition und musikalischem Gehalt. Stefan Schuck hat sich mit seinem Ensemble sirventes berlin auf die Suche begeben und ist dabei einem vielversprechenden Pfad gefolgt: Er hat zurückgeschaut in die lange Tradition Berliner Vokalmusik, zum Beispiel in den Bereich der 1791 gegründeten Sing-Akademie zu Berlin oder des heutigen Staats- und Domchors, früher als Königlicher Domchor bekannt und mit Wurzeln bis ins Jahr 1465. Entlang dieser Linie zu suchen war eine ungemein fruchtbare Idee. Viel Schönes aus dem 19. und 20. Jahrhundert haben die Vokalisten jetzt unter dem Titel 'Berliner Weihnacht' zu einem stimmigen, durchaus nicht nur harmlosen Programm versammelt.

Für gesteigerte kompositorische Ambition stehen Felix Mendelssohn Bartholdy, Max Bruch, Albert Becker, Heinrich von Herzogenberg, dazu Peter Cornelius – hier in kongenialen Bearbeitungen von Clytus Gottwald zu erleben –, Günter Raphael und Hugo Distler. Dazu, etwas jüngeren Datums, Helmut Barbe und Frank Schwemmer. Andere Sätze, etwa von Carl Thiel, Ludwig Erk, Franz Wüllner oder Max Gulbins, sind eher stimmungsorientiert gehalten und weniger an Struktur und Tiefe interessiert. Doch auch sie erfüllen im Kontext des Programms ihre Aufgaben.

Es gibt wirklich originelle, auch etwas größer geratene Arbeiten, wie Bruchs 'In der Christnacht', Albert Beckers 'Weihnachtsmotette' oder 'Ihr Himmel, tauet hernieder', dann Herzogenbergs 'Schifferlied' und die vielteiligen Variationen über 'Es ist ein Ros entsprungen' von Distler – letztere möglicherweise der Kern des Programms. Genauso wichtig sind die hervorragenden Bearbeitungen bekannter Melodien: Wie Frank Schwemmer 'O Heiland, reiß die Himmel auf' durchdringt, wie Günter Raphael 'Maria durch ein Dornwald ging' aufgreift und vollendet, wie Helmut Barbe 'O Tannenbaum, du trägst ein grünes Kleid' verlebendigt – auch das ist wirklich große Kunst in manchmal kleiner Form, auch das beansprucht berechtigt Aufmerksamkeit.

Schlank und flexibel

Das Ensemble sirventes berlin ist schon mehrfach vernehmlich hervorgetreten, vor allem eine stil- und effektsichere Platte mit Motetten von Homilius ist in guter Erinnerung: sehr gelungen seinerzeit, wie sicher der Ton zwischen satztechnischer Ambition und schlichter Grundgeste getroffen wurde. Und der mit zwölf Stimmen besetzten Formation ist auch das Weihnachtsprogramm ein echtes Anliegen: Alle Vokalisten investieren in charmante, ausgeglichene Register, alle tragen zu einem schlanken und flexiblen Klang bei, der angesichts deutlich wechselnder Besetzungen in den verschiedenen Aufnahmesitzungen von erstaunlicher Kontinuität ist.

Die Intonation ist makellos, auch das für ein nicht ständig gemeinsam musizierendes Ensemble durchaus erwähnenswert. Stefan Schuck lässt das Programm in verhalten fließenden Tempi singen – ohne heimelig zu entschleunigen und allein dem schönen Augenblick zu frönen, aber doch angemessen ruhevoll. Dynamisch nutzen die Interpreten alle Möglichkeiten ihrer schlanken Besetzung beinahe lustvoll aus. Lyrischer Glanz wird souverän mit ansprechender Textsensibilität verbunden. Das Klangbild ist räumlich passend, wirkt erwärmt, gleichzeitig gut organisiert und mit erstaunlich wenig Brüchen zwischen den Ergebnissen der verschiedenen Aufnahmetermine.

Insgesamt also eine schöne Alternative im Repertoire, das auf jeden Fall. Und sogar noch mehr: Denn die CD lässt sich auch ohne die – zugegeben – etwas nervöse Suche nach dem Anderen einfach als niveauvoll gesungene, programmatisch relevante Platte hören.


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Berliner Weihnacht a cappella: Sirventes Berlin, Stefan Schuck

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Carus
1
05.10.2018
Medium:
EAN:

CD
4009350834934


Cover vergössern

Carus

Der Name Carus steht weltweit als ein Synonym für höchsten Anspruch und Qualität auf dem Gebiet geistlicher Chormusik. Dies betrifft nicht nur unsere zuverlässigen Noteneditionen vieler zu Unrecht in Vergessenheit geratener Werke. Es ist uns ein besonderes Anliegen, gerade diese Werke - oft als Weltersteinspielungen - auch in exemplarischen Interpretationen durch hochrangige Interpreten und Ensembles auf CD vorzulegen. Der weltweite Erfolg unseres Labels führte zur Erweiterung unseres Katalogs: Neben der Chormusik, die weiterhin den Schwerpunkt des Labels bildet, haben gerade in den letzten Jahren einige Aufnahmen barocker Instrumentalwerke internationale Beachtung gefunden. Unsere Zusammenarbeit mit erstklassigen Interpreten führte zu einer hohen Klangkultur, die mit der Verleihung vieler internationaler Preise honoriert wurde (Diapason d'Or, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Gramophone - Editor's choice).


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Carus:

  • Zur Kritik... Das Beste von Calmus: Wenn das kein fröhlicher Anlass ist: Das Calmus Ensemble wird 20 und präsentiert zum Jubiläum eine persönliche Auswahl seiner besten Lieder. Weiter...
    (Maxi Einenkel, )
  • Zur Kritik... Finale: Was für eine Großtat von Hans-Christoph Rademann und seinen Ensembles. Schütz komplett – das gibt es jetzt auf hohem und höchstem Niveau. Für Enthusiasten ist die Reihe unverzichtbar. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Ertragreiche Seitenwege: Gesamteinspielungen schreiten auch Seitenwege ab – mit einigem Ertrag. Das unterstreicht diese vorletzte Platte der der Schütz-Reihe, die Hans-Christoph Rademann mit seinen bewährten Kräften bei Carus vorgelegt hat. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Carus...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Palestrina ganz frisch: So ist die Tour durch das geistliche Werk Palestrinas ein echtes Vergnügen: Harry Christophers und The Sixteen mit einer wirklich gelungenen achten Folge ihrer Reihe. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Klangpracht: Musik des Baltikums lohnt eigentlich immer, auch Juris Karlsons, dessen attraktive Kompositionen vom Lettischen Radiochor kongenial gesungen werden. Musik, die ästhetisch den Rückspiegel nicht aus den Augen verliert, nie aber im Kern rückwärtsgewandt ist. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Renaissance: Ein kräftiger Impuls für Händels Brockes-Passion aus dem Hause der Academy of Ancient Music: editorisch vorbildlich, musikalisch auf sehr hohem Niveau. Richard Egarr setzt seinen Weg mit ambitionierten Großprojekten verlässlich fort. Sehr schön. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Vitaler Vivaldi: Vivaldis Oboenkonzerte, von Joris van den Hauwe hervorragend interpretiert. Weiter...
    (Michaela Schabel, )
  • Zur Kritik... Romantisch: 2013 starteten vier polnische Musiker so etwas wie ein Start-up. Als Chopin Piano Quartet gewannen sie Preise und gingen auf Tournee. Dann verschwanden sie. Ihr Vermächtnis ist eine DVD. Weiter...
    (Christiane Franke, )
  • Zur Kritik... In die erste Reihe: Eine weitere Großleistung in der Haydn-Edition des London Haydn Quartet. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (1/2020) herunterladen (2483 KByte) Class aktuell (4/2019) herunterladen (4308 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Liv Migdal im Portrait "Man spielt mit den Ohren!"
Liv Migdal im Gespräch mit klassik.com.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich