> > > Strawinsky, Igor: Petrushka, Jeu de Cartes: Mariinsky Orchestra, Valery Gergiev
Sonntag, 20. Oktober 2019

Strawinsky, Igor: Petrushka, Jeu de Cartes - Mariinsky Orchestra, Valery Gergiev

Puppen- und Kartenspiele


Label/Verlag: Mariinsky
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Referenzstatus im Mehrkanalbereich: Dieser 'Petruschka' mit Gergiew und dem Mariinsky-Orchester dürfte höchsten Ansprüchen genügen.

Mehrkanal-Aufnahmen von Igor Strawinskys Ballett 'Petruschka' gibt es zwar bereits zwei, die vorliegende mit dem Orchester des Mariinsky-Theaters aus St. Petersburg unter seinem Chefdirigenten Valery Gergiew kann mit dem Concertgebouw Orchestra unter Mariss Jansons oder dem Bergen Philharmonic Orchestra unter Andrew Litton jedoch mehr als mithalten. Das liegt weniger daran, dass Strawinsky in der Nähe von St. Petersburg geboren wurde oder die Handlung des Balletts auf dem dortigen Platz der Admiralität spielt. Vielmehr merkt man ab der ersten Sekunde, dass das traditionsstarke Mariinsky-Orchester als einer der größten russischen Klangkörper sich hier auf heimischen Boden bewegt. Technische Fragen oder solche nach dem Idiom der russischen musikalischen Moderne bei Strawinsky kommen gar nicht erst auf.

Die Frage lautet vielmehr: Was machen Gergiew und ‚sein‘ Orchester hier anders? Denn dieser 'Petruschka' klingt so gar nicht nach dem Stereotyp von der russischen Expressivität, die auf erdenschwerer Melancholie gründet. Anstatt einer von Streichern geprägten Klangästhetik, wie man sie von Tschaikowsky her erwarten würde, stehen die Holz- und Blechbläser im Klangbild beziehungsweise von der Balance her gleichberechtigt neben ihnen. Der Gesamtklang tönt erstaunlich luftig, dabei maximal transparent, sodass immer wieder erstaunen muss, was für instrumentatorische Wunderwerke und kompositorische Kunstgriffe Strawinsky in Petruschka vollbringt. Das liegt zum einen sicher an der ungewöhnlich klaren und zugleich schwebenden Akustik der Mariinsky Theatre Concert Hall sowie an der exzellenten Tontechnik, die vom ‚unanständigen‘ Fagottsolo über das solistische Klavier bis zum flirrenden Mischklang die Instrumentation im Surround-Modus grandios sauber gestaffelt abbildet. Zum anderen aber hört man eben sofort, dass das Mariinsky-Orchester auch in der Gegenwart noch ein internationales Spitzenorchester mit herausragenden Solisten ist, von der Trompetenfanfare der Ballerina über die Volkslied-Oboe bis zu den gleißenden Streichern.

Strawinskys Klassik

Nicht zuletzt malt Gergiew hier nicht mit dem breiten Pinsel, sondern zeigt mit behutsamer Übersicht Strawinskys moderne kompositorische Gestaltung auf – von quasi filmischen Übergängen, sorgsam ausbalancierten Klangkollagen bis zu urplötzlichen Wendungen. Das tänzerisch-theatralische Element kommt dabei nie zu kurz, wird jedoch nicht übermäßig forciert. Es wird deutlich, dass 'Petruschka' hier in erster Hinsicht ein gestenreiches Orchesterwerk ist, das außerdem auch noch eine Ballettmusik darstellt. Gleiches gilt für 'Jeu de Cartes', das zweite Ballett auf dieser hybriden SACD. Das vom Ablauf her an einem Pokerspiel mit drei Setzrunden orientierte, rund 20 Minuten dauernde Stück stammt im Gegensatz zu 'Petruschka' aus Strawinskys mittlerer klassizistischer Phase, Anspielungen unter anderem auf Rossini inbegriffen. Auch hier bleibt Gergiews Zugriff angenehm entspannt, sodass der mit zahlreichen Modernismem angereicherte ‚klassische Stil‘ Strawinskys wunderbar zum Vorschein gelangt.



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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Strawinsky, Igor: Petrushka, Jeu de Cartes: Mariinsky Orchestra, Valery Gergiev

Label:
Anzahl Medien:
Mariinsky
1
Medium:
EAN:

CD
822231859420


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Strawinsky, Igor


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Mariinsky

Das Mariinsky-Theater gehört zu den renommiertesten Opernhäusern der Welt. Zu Sowjetzeiten in Kirow Theater unbenannt, trägt es seit 1992 wieder seinen ursprünglichen Namen. Seit 1996 ist Valery Gergiev dem Haus als künstlerischer Leiter und Intendant verbunden. Auf dem hauseigenen Label werden die herausragende künstlerische Leistung dieses traditionsreichen Hauses dokumentiert. Das Repertoire umfasst neben Oper auch das große symphonische und konzertante Repertoire des 19. und 20. Jahrhunderts.


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