> > > Bach, Johann Sebastian: Weihnachtsoratorium BWV 248: Musica Fiorita, Danial Dolci
Donnerstag, 1. Oktober 2020

Bach, Johann Sebastian: Weihnachtsoratorium BWV 248 - Musica Fiorita, Danial Dolci

Luzide


Label/Verlag: Passacaille
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Bachs Weihnachtsoratorium mit der Musica Fiorita kammermusikalisch: Das funktioniert ästhetisch gut. Nach den Explorationen und Erkenntnissen der letzten Jahrzehnte ist man geneigt zu fragen: Warum auch nicht?

Das Ensemble Musica Fiorita der Italienerin Daniela Dolci hat jetzt bei Pan Classics seine Deutung des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach vorgelegt. Und das quasi als Kammer-Oratorium, in betont schlanker Besetzung. So, wie dieselben Akteure das schon von einigen Jahren mit Händels 'Messias' getan haben. Seinerzeit mit beachtlichem Erfolg und erfreulichen Ergebnissen: Das auch deshalb, weil bei Händels Großwerk gerade im chorischen Bereich der schmale Ansatz deutlich seltener – freilich auch historisch schwerer begründbar – ist. Ästhetisch jedenfalls war die Einspielung ein Gewinn, ausgewogen in den Beiträgen des Chors, des gleichfalls konzentrierten Orchesters und der betont leicht besetzten Solistenriege. Nun also eines der Kernwerke von Bach, das seinerseits schon deutlich häufiger auch mit schmalen Besetzungen angegangen wurde. Weshalb es etwas schwieriger als beim 'Messias' ist, diskografisch deutliche Akzente zu setzen. Auch der bei Dolci erklingende zwölfköpfige Chor inklusive Solisten ist erprobte Praxis und funktioniert selbstverständlich. Die solistisch besetzten Instrumente der Musica Fiorita tragen und unterstützen den luziden Ansatz.

Erprobte Kräfte

Orchestral ergibt das notwendigerweise ein klares, transparentes Bild, das die einzelnen Beiträge betont, gleichzeitig aber auch ein harmonisches Ganzes ergibt. Der Basso continuo spielt in seiner Präsenz angesichts solistischer Streicher klanglich eine etwas größere Rolle – hier oft zum Beispiel fein gezupft, was im Zusammenspiel mit dem elegant knarzenden Fagott schöne Effekte ergibt. Das instrumentale Spiel ist ein Fest klar motivierter, bewusster Artikulation, die jede einzelne Stimme durchdringt, ohne zum Selbstzweck zu degenerieren. Die Naturtrompeten ohne Spielhilfen haben einen verhaltenen Klang voller Charme; die von Jean-Francois Madeuf, einem der wenigen eminenten Experten auf diesem heiklen Feld, gespielte erste Trompete macht deutlich, dass man hörend doch Intonationstrübungen hinzunehmen hat, wenn die Annäherung an diese Form der Historizität gewagt wird – selbst bei einem solchen Könner.

Auch das klingende Bild des Chores ist besetzungsgemäß schlank, die Register sind von ansprechender Beweglichkeit und feinem Kern; die leuchtenden Soprane ragen aus dem harmonischen Bild noch etwas heraus. In der bewegten Szene manches fugierten Satzes hätte eine explosivere Konsonantik gut getan.

Den Evangelisten gibt Hans Jörg Mammel als glaubwürdigen Erzähler, stimmlich souverän, auch die heiklen Passagen im Blick und im Griff, dabei die Höhe klug dosiert ansteuernd: Vehementen Überschwang bietet er vielleicht nicht, aber eine ungemein natürliche, plastische Sprachgestalt. Arios zeigt er sich gleichfalls unangefochten, auf nicht leichtem Terrain. Ihren – im Weihnachtsoratorium ja gar nicht so häufig geforderten – klaren Stimmstrahl lässt die Sopranistin Gunta Smirnova hören: Im Ton bei aller Konzentration durchaus modulationsfähig, mit charmanten Lyrismen und entspannt-natürlicher Diktion leistet sie zweifellos den neben Mammel solistisch stärksten Beitrag der Einspielung.

Gemischter Befund

Der Eindruck des Altisten Flavio Ferri-Benedetti war bei Händels 'Messias' überaus positiv. Und auch hier bringt er seine klar konturierte Stimme mit Gewinn ein, beweglich in der Führung, die Wiederholungen der großen Arien maßvoll verzierend. Aber auch mit einigen Schwierigkeiten: Manche Schärfe ist zu hören, die lineare Bindung gerade größerer Intervalle ist nicht ideal. Und im Willen, besonders deutlich zu sprechen, gerät die – übrigens komplette Verständlichkeit sichernde – Diktion etwas zu künstlich. Der Befund bezüglich des Baritons Raitis Grigalis und ‚seines‘ Bach gerät gleichfalls gemischt: War die weiche, leichte Stimme bei Händel noch eine positive Überraschung, auch, weil Grigalis tendenziell mit diesen Stimmmerkmalen gegen die diskografische Tradition besetzt war, ist es hier etwas schwieriger: Natürlich fällt die luftige Entfaltung in die Höhe positiv ins Gewicht. In der Tiefe täte etwas mehr Volumen hier und da schon gut. Schwieriger noch: In der Tendenz ist die Diktion unausgewogen. Der Vokalausgleich ist nicht immer souverän, einige a-Laute fallen aus der Linie heraus; der Eindruck eines wirklich idiomatischen Ansatzes will sich nicht dauerhaft einstellen. Dafür erweist sich Grigalis im Duett 'Herr, dein Mitleid' und den weiteren Ensembles als idealer, ungemein aufmerksamer Partner für die anderen Vokalisten. Daniela Dolci wählt überraschenderweise oft vergleichsweise verhaltene Tempi – die kleine Besetzung agiert selten funkensprühend-spritzig, gelegentlich wird das ohnehin Langsame noch betont, so in der großen Arie des zweiten Teils 'Schlafe, mein Liebster'.

Technisch wirkt das Klangbild dem interpretatorischen Ideal entsprechend hell, aufgeräumt und konzentriert, durchaus knackig und voll plastischer Qualität. Teils scheint es auch sehr direkt und damit um einige Prozente räumlicher Korona gebracht. Der Chor, abgesehen vom Sopran, wirkt entfernt, was ebenfalls technische Ursachen haben kann. Bachs Weihnachtsoratorium mit der Musica Fiorita kammermusikalisch: Das funktioniert ästhetisch gut. Nach den Explorationen und Erkenntnissen der letzten Jahrzehnte ist man geneigt zu fragen: Warum auch nicht? Vokalsolistisch ist das Bild ein wenig zu heterogen für absolute Erstrangigkeit: Altus und Bass wirken nicht immer ganz glücklich mit Bachs Idiom aus komplexer Linearität und veritabler Sprachmacht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Weihnachtsoratorium BWV 248: Musica Fiorita, Danial Dolci

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Passacaille
2
05.10.2018
Medium:
EAN:

CD
7619990103931


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Passacaille

Das belgische Label PASSACAILLE wurde 1995 gegründet und sollte von Anfang an eine Plattform für hochrangige belgische Künstler der historischen Aufführungspraxis sein. Das Barockorchester il Fondamento mit seinem Leiter Paul Dombrecht und der Hammerklavierspezialist Jan Vermeulen gehörten zu den ersten, die für das Label aufnahmen. Später erweiterte sich der Künstlerkreis um weitere prominente Namen wie Wieland Kuijken oder das Ensemble Octophorus. Bald erhielten die Aufnahme internationale Preise, was als zusätzlicher Anreiz gesehen wurde, sich im künstlerischen Bereich auch internationalen Künstlern und Ensembles zu öffnen. Ab 2000 begann die Zusammenarbeit mit Künstlern aus verschiedenen europäischen und transatlantischen Ländern. 2006 übernahm der belgische Traversflötist und Musikwissenschaftler Jan de Winne das Label und erweiterte den Künstlerkreis des Labels erneut um international renommierte Künstler wie zum Beispiel Graham O'Reillys Ensemble Européen William Byrd und Lorenzo Ghielmis Ensemble La Divina armonia, das hier erst kürzlich eine fulminante Aufnahme von Händels Orgelkonzerte Op.4 vorgelegt hat. Als weitere Neuzugänge seien noch der brasilianische Cembalist Nicolau de Figueiredo, der Cellist Sergei Istomin und der Fortepianist Alexei Lubimov zu nennen. Im Rahmen der Neuorganisation des Labels möchte Jan de Winne den bewährten ursprünglichen Schwerpunkt Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beibehalten, aber auch nach und nach Musik späterer Epochen in das Programm integrieren.


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