> > > Telemann, Georg Philipp: Moralische Cantaten: Benno Schachtner, Hamburger Ratsmusik, Simone Eckert
Montag, 23. September 2019

Telemann, Georg Philipp: Moralische Cantaten - Benno Schachtner, Hamburger Ratsmusik, Simone Eckert

Die reinste Telemann-Freude


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Intensiv und intim, edel und sensibel: Benno Schachtner und die Hamburger Ratsmusik gebieten bei der Deutung der 'Moralischen Kantaten' Telemanns über alles, was man für diese bemerkenswert munteren Werklein braucht.

Georg Philipp Telemann (1681–1767) war ein Meister nahezu aller Klassen zeitgenössischer Musik. Ein Mann, der dem Publikumsgeschmack geschickt folgte, ohne seine künstlerische Ambition je in Frage zu stellen. Das zeigt sich auch auf einer jetzt bei cpo publizierten Platte: Der Altus Benno Schachtner und Simone Eckerts Ensemble Hamburger Ratsmusik verschränken darauf sehr sinnfällig zwei Sphären miteinander: Die sechs 'Moralischen Kantaten' TWV 20:23-28 und vier der erst 2015 wiederentdeckten Solofantasien für Viola da gamba. Beide Sammlungen veröffentlichte Telemann in der zweiten Jahreshälfte 1735, druckte sie im eigenen Verlag und brachte sie per Subskription unter das interessierte Publikum – wegen der zeitlichen Nähe der Entstehung und Veröffentlichung genauso wie wegen der typischen Verbindung des findigen Geschäftsmanns und des genialen Tonsetzers eine sehr charmante Konstellation.

Fasslich, knapp und pointiert

Die Kantaten haben entgegen möglicher heutiger Zuschreibungen mit Blick auf ihren Titel nichts Überernstes oder Saures an sich. Es sind zu den Themen Zeit, Hoffnung, Großmut, Glück, Falschheit und Geiz kleine Schmuckstücke der Kammermusik auf deutsche Texte von Daniel Stoppe, aus dessen Feder Telemann noch Etliches mehr vertont hat. Diese textliche Ebene verbindet die Kantaten mit den Telemannschen Liedern, etwas aus den 'Singe-, Spiel- und Generalbassübungen'. Es ist auch die Sphäre der Musik selbst, die einem Übermaß an Ernst verlässlich entgegensteht: In der konstanten Folge von Arie-Rezitativ-Arie gebaut, sind die Werklein fasslich, knapp und pointiert, zu Zeiten subtil in der Textdeutung, aber auch keineswegs schüchtern und gar immer wieder handfest. Ein nicht unerheblicher Humor muss Telemann zu eigen gewesen sein. Technisch ist das Geschehen in der solistischen Vokalstimme über weite Strecken nicht außergewöhnlich ambitioniert. Aber Telemann fordert auch das, wenn etwa der Sänger in der Schlussarie der Falschheits-Kantate durch ausgedehnte Melismen gejagt wird – das freilich nicht als Selbstzweck, sondern im Sinne intensiver Textdeutung.

Die Gamben-Fantasien als Folgen charismatischer Sätze haben in den drei Jahren seit ihrer Entdeckung bereits eine gewisse Prominenz erlangt. Sie funktionieren auch hier, gewissermaßen als instrumentale Interludien ganz vorzüglich; sattgehört haben dürfte sich an dieser köstlichen Musik in der Kürze der Zeit ihrer Bekanntheit ohnehin noch niemand.

Herausragend und harmonisch

Ein sehr apartes Programm also, das durch die erstklassigen Interpreten kongenial veredelt wird. Benno Schachtner hat diskografisch bislang einen ganz vorzüglichen Eindruck hinterlassen. Im englischen Repertoire, bei Bach oder Händel und jetzt hier bei Telemann glänzt er mit einem herrlichen Stimmstrahl von homogener Qualität durch alle Lagen hindurch. Die Beweglichkeit ist elegant zu nennen, das lineare Vermögen beeindruckt. Doch verlässt sich der Bachpreisträger von 2012 nicht auf reinen Schönklang: Er ist auch bereit, in expressive Randbereiche vorzudringen, wenn es der Deutung dient. Seine Diktion ist vorbildlich: Wie er singend spricht, ist eine hervorragende Qualität, die er bislang verlässlich fruchtbar macht. Auch in dynamischen und expressiven Randbereichen.

Begleitet wird er von der schmal besetzten Hamburger Ratsmusik, mit Simone Eckert auf der Viola da gamba, Anke Dennert auf dem Cembalo und Ulrich Wedemeier auf Theorbe und Barockgitarre. Die drei Instrumentalisten grundieren verlässlich und aufmerksam, sorgen für perkussiven Drive, machen aus der Musik aber auch nichts vordergründig Spektakuläres. Das alles vollzieht sich erstaunlich variabel in der Geste. Gemeinsam mit Schachtner sind sie artikulatorisch ganz den Texten und Affekten verpflichtet und liegen damit goldrichtig.

Simone Eckert kultiviert in den Fantasien einen plastischen, konzentrierten Ton, nimmt durch behändes Spiel für sich ein, arbeitet die sehr stimmungsvollen ruhigen Sätze gleichermaßen mit Geduld und wachem Klangsinn aus. Eine Gesamtaufnahme der Fantasien auch von ihr wäre unbedingt willkommen: Diese interpretatorische Autorität würde man gern zyklisch erleben. Das Klangbild ist auf die kammermusikalische Geste konzentriert, licht und klar, dazu angenehm erwärmt und um feine räumliche Noten erweitert.

Intensiv und intim, edel und sensibel: Benno Schachtner und die Hamburger Ratsmusik verfügen über alles, was man für diese bemerkenswert munteren Werklein braucht – die in Abgrenzung vom heutigen Verständnis des Titels der 'Moralischen Kantaten' im besten Sinne gewitzt sind. Es möge sich also kein Skeptiker schrecken lassen. Dazu die Deutung: Alle Protagonisten agieren auf beglückend hohem Niveau. Die reinste Telemann-Freude.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Telemann, Georg Philipp: Moralische Cantaten: Benno Schachtner, Hamburger Ratsmusik, Simone Eckert

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203514120


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Telemann, Georg Philipp
 - Die Zeit TWV 20:23 - Aria Die Zeit verzehrt die eignen Kinder
 - Die Zeit TWV 20:23 - Recitative Der Anfang lieget stets beym Ende
 - Die Zeit TWV 20:23 - Fahrt, reitet, spielt Karten
 - Fantasia A-Dur TWV 40:33 - Allegro
 - Fantasia A-Dur TWV 40:33 - Grave
 - Fantasia A-Dur TWV 40:33 - Vivace
 - Der Geiz TWV 20:26 - Aria Ihr Hungerleider! Ruht einmal von Eurer selbstgemachten Qual
 - Der Geiz TWV 20:26 - Recitative Wem hebt ihr alles auf?
 - Der Geiz TWV 20:26 - Aria Ihr Thaler, lasst Euch nicht verlangen!


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Dirigent(en):Eckert, Simone
Interpret(en):Schachtner, Benno


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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