> > > Herzogenberg, Heinrich von: Columbus: Grazer Philharmoniker, Dirk Kaftan
Dienstag, 19. Februar 2019

Herzogenberg, Heinrich von: Columbus - Grazer Philharmoniker, Dirk Kaftan

Mit einem Grazer auf hoher See


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Heinrich von Herzogenbergs dramatische Kantate 'Columbus' ist 147 Jahre nach ihrer Uraufführung nach Graz zurückgekehrt und hat ihren Weg auf zwei CDs gefunden – in illustrer Besetzung.

Das Label cpo hat bereits zahlreiche CD-Veröffentlichungen dem Schaffen Heinrich von Herzogenbergs (1843–1900) gewidmet. Der in Graz geborene Komponist ist trotz aller Wiederbelebungsversuche seiner Musik noch immer eine Randerscheinung im Repertoire. Daran hat sich cpo noch nie wirklich gestört – schließlich steht das Label für Raritäten und mutige Mitschnitte und Einspielungen, die abseits ausgetretener Pfade wandeln. Wo wäre also die Ersteinspielung von Herzogenbergs dramatischer Kantate 'Columbus' in erfahreneren Produzenten-Händen? Auf zwei CDs mit einer Gesamtlänge von nicht ganz 90 Minuten ist der 'Columbus' nun in illustrer Besetzung erschienen, aufgezeichnet bei zwei konzertanten Aufführungen im Mai 2017 in Herzogenbergs Geburtsstadt.

Die Konzerte waren der Abschied des damaligen Generalmusikdirektors Dirk Kaftan, der seine Grazer Philharmoniker mit Verve und Energie und hörbarer Lust durch die Klangwogen peitscht. In 'Columbus' ist nämlich ordentlich Dramatik gefordert, obwohl die Kantate nicht als genuines Bühnenstück konzipiert ist. Herzogenberg schrieb sich selbst ein passendes Libretto in zwanzig Szenen und zwei Teilen, um eine erdachte Episode aus Columbus‘  Entdeckerfahrt in Musik setzen zu können: Bei der Überfahrt verliert die Besatzung seines Schiffs den Mut. Aufgestachelt vom Bootsmann, wollen sie Columbus über Bord werfen, falls kein Land in Sicht kommen sollte. Columbus fügt sich in sein Schicksal, während sein Freund Fernando von der Situation und der verlorenen Moral entsetzt ist. In letzter Sekunde taucht amerikanisches Festland am Horizont auf. Columbus vergibt seinen Männern und dem Bootsmann. Alle preisen die Güte Gottes. Umrahmt wird das Geschehen von einem kommentierenden gemischten Chor à la Griechische Tragödie.

Brausende Atlantikstürme

Ob Richard Wagner zur Zeit der Entstehung des 'Columbus', also um 1870, noch zu den Vorbildern Herzogenbergs gehörte, ist bei der überbordenden Brahms-Verehrung des Komponisten mächtig anzuzweifeln, und doch klingen die Neuerungen Wagners (noch) aus unzähligen ‚Poren‘ der dramatischen Kantate. Schon in den ersten Takten fühlt man sich an den Venusberg des 'Tannhäuser' erinnert und nicht nur bei den Matrosenchören winkt der 'Fliegende Holländer' aus der Ferne. Leitmotivtechnik findet ebenso ihre Verwendung, gleichzeitig erweist sich Herzogenberg auch als musikalischer Handwerker im besten Sinne, wenn er vorführt, wie eine Fuge funktioniert. Herzogenbergs Atlantikstürme brausen teils in wild modulierten Bahnen, sekundiert von ausdrucksstarken Monologen, können aber auch schulmeisterlich und wenig originell voranschreiten. Es ist diese unentschiedene Mischung der Partitur, die ein Überspringen des zündenden Funkens auf Tonträger verhindert, obwohl dieser 'Columbus' so manch hinreißende Passage bereithält.

Allen voran ist Andrè Schuen ein kraftvoll zupackender und differenziert gestaltender Columbus. Sein edles Timbre und die klare Artikulation wecken tatsächlich Empathie mit dem bedrohten Entdecker. Im ersten Teil findet Schuen zu nahezu prophetischer Größe. Gleich zu Beginn des zweiten Teils begeistert er mit intimen, zarten Tönen in der wohl lyrischsten Stelle der Kantate, 'Wie blinkt mit feuergleichem Schäumen', Columbus‘ vermeintlich letzte Nacht vor seinem erwarteten Tod. Schuens Fachkollege Markus Butter leiht dem schäumenden Bootsmann seine kernige Stimme. Mit etwas hochdosiertem Vibrato und expressiver Geste zeichnet Butter einen überaus effektvollen Gegenspieler. Als Fernando gibt es ein Wiederhören mit dem hell timbrierten Mozart-Tenor von Michael Schade, der offenbar ins dramatischere Fach unterwegs ist. Ob dieser Wechsel gelingen wird, bleibt abzuwarten. In diesem Mitschnitt klingt Schade in den Durchschlagskraft erfordernden Höhen durchaus angestrengt, wenngleich charaktervoll.

Eine hervorragende Leistung bieten Chor und Extrachor der Oper Graz: dynamisch agil, rhythmisch präzise und mit einem homogenen Gesamtklang. Diese Ausgrabung des Herzogenbergschen 'Columbus' ist für die Stadt Graz 147 Jahre nach der dortigen Uraufführung eine lohnende Großtat. Und auch auf CD ergänzt die Kantate in dieser engagiert musizierten Version den Raritäten-Katalog auf willkommene Art und Weise. Eine Rückkehr des 'Columbus' in andere Konzertsäle als Teil lebendigen Repertoires dürfte weiterhin eine Ausnahme bleiben.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Herzogenberg, Heinrich von: Columbus: Grazer Philharmoniker, Dirk Kaftan

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
EAN:

761203517824


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Herzogenberg, Heinrich von
 - Columbus - Idealer Chor
 - Columbus - Zwischensatz
 - Columbus - Chor der Matrosen
 - Columbus - Bootsmann, Chor der Matrosen
 - Columbus - Chor der Matrosen
 - Columbus - Columbus
 - Columbus - Chor der Matrosen, Bootsmann, Fernando
 - Columbus - Columbus
 - Columbus - Idealer Chor


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Dirigent(en):Kaftan, Dirk
Orchester/Ensemble:Grazer Philharmonisches Orchester


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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