> > > Bizet, Georges: Carmen: Chor der Wiener Staatsoper, Wiener Philharmoniker, Herbert von Karajan
Freitag, 3. Juli 2020

Bizet, Georges: Carmen - Chor der Wiener Staatsoper, Wiener Philharmoniker, Herbert von Karajan

Klangregisseur im Fokus


Label/Verlag: ORFEO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Karajan konnte Carmen. Zu den vielen vorhandenen Mitschnitten kommt nun diese Aufzeichnung vom 29. Juli 1967 hinzu – eine der ersten Stereo-Produktionen des ORF. Sie fokussiert auf hervorragende Sänger und den detailreichen Perfektionismus des Dirigenten.

Das Problem jener 1966 die Salzburger Festspiel eröffnenden 'Carmen'-Produktion war der Bühnen-Regisseur Karajan: Im historisch ausgezeichnet charakterisierenden Einführungstext kann man unter anderem den schönen Verriss der Inszenierung durch Helmut Schmidt-Garre im Münchner Merkur vom Juli 1966 nachlesen, der bei der neugebauten Breitwand-Kulisse des Großen Festspielhauses ansetzte und deren nahezu cineastische Verlockungen als Hemmschuh für die musikalische Inszenierung ausmachte: ‚Diese Bühne arbeitet gegen das Theater, sie zwingt platten Realismus da herbei, wo sie ihn überhöhen müsste‘. Die mit der Aufführungsserie im Folgejahr 1967 entstandene, einstmals überaus bekannte Verfilmung (Deutsche Grammophon/Unitel) macht das mit ihrem bildgewaltigen pseudospanischen Folklorismus, in dem sich die Sänger mitunter fast unscheinbar verlieren, immer noch deutlich: ‚Sevilla à la Oberammergau‘ hieß es dazu auch in der Frankfurter Allgemeinen.

Ausblendung der visuellen Über-Inszenierung

Insofern könnte man fast zynisch davon sprechen, dass diese Salzburger 'Carmen' nur davon zu profitieren scheint, dass Karajan als oft recht bieder denkender Bühnenregisseur hinter dem genialen musikalischen Leiter der Aufführung und seiner überwiegend hervorragenden Crew fast völlig zurücktritt (was davon noch übrig bleibt, sind die bei größeren Massenszenen und in den erweiterten Ballett-Musiken durchaus ebenfalls noch gewaltigen Bühnen-Nebengeräusche). Man nimmt wirklich war, welches Händchen Karajan hier für die Tempi und dynamischen Kurven dieser auch in älterem, engerem Stereo farbenfrohen Musik hat. Hier greifen Einfühlungsvermögen des Dirigenten und penible Präzision nach spürbar intensiven Proben ineinander (mit wenigen ‚live‘ ohne Retuschen eines heute üblichen Zusammenschnitts fast unvermeidlichen Ausnahmen). Jedes Vorspiel überzeugt, jede Formulierung in den Ensembles wie den Solistennummern wird von den Wiener Philharmonikern so perfekt wie möglich getragen und in die großen Bögen der musikalischen Szene eingebunden: Die Spannungskurven, denen Karajans Breitwand-Inszenierung im Visuellen entgegenwirkte, wirken nun im rein Audiophilen so überzeugend und vor allem lebendig wie sonst selten in Einspielungen dieser Oper (es gibt allerdings, einer Behauptung in der ansonsten hervorragenden Einführung von Gottfried Kraus einmal zum Trotz, doch noch einen früheren Live-Mitschnitt dieser Oper unter Karajan 1955 aus Mailand mit Giulietta Simionato und Giuseppe di Stefano, die in viel schlechterem Klangbild dennoch eine ähnliche tragende Souveränität des Kapellmeisters vermittelt).

Drei Asse und ein Bube im Hauptrollen-Quartett

Mit Grace Bumbry und Jon Vickers ist sind die beiden Hauptrollen – wie auch im Film – szenisch wie sängerisch eindrucksvoll besetzt. Vickers‘ Timbre ist vielleicht für manche gewöhnungsbedürftig, doch seine dramatische Intensität überzeugt (Beispiel 'La fleur que tu m‘avais jetée') wie in vielen anderen seiner Einspielungen aus den 1960er Jahren. Mirelli Freni, jüngst verstorben, galt nicht nur als die ‚beste Mimì aller Zeiten‘ (auch in Karajans Produktionen live und im Studio mehrfach dokumentiert), sondern besetzte als Micaela zweifellos den gleichen Rang, auch als lyrische Insel dieser Aufnahme. Problematisch nur der stimmlich so ganz und gar nicht in Karajans ästhetisches Konzept passende Torero Don Escamillo von Justino Diaz, dessen optischer Statur der Film eher schmeichelt als nun diese Nahaufnahme seiner nur vordergründig klangschönen, unter Beanspruchung auch brüchigeren und vor allem oft unpräzise aus dem von Karajan immer sauber vorgegebenen rhythmischen Rahmen fallenden Stimme. Dass ein gerade im Metrischen so wenig sicherer Sänger solche Rollen unter dem Perfektionisten Karajan singen durfte, verwundert, und man vermisst tatsächlich eine Alternative wie (später) José van Dam. Unter dem Strich ist dieses Salzburger Dokument, dem man verdiente Aufmerksamkeit wünschen möchte, aber zweifellos ein Gewinn für Karajans Fans und Forscher, für die sich vielleicht mit Kopfhörer ganz auf die Musik konzentrierenden Liebhaber einer gekonnten ‚bilderlosen‘ Ebene der Operninszenierung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bizet, Georges: Carmen: Chor der Wiener Staatsoper, Wiener Philharmoniker, Herbert von Karajan

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ORFEO
3
12.10.2018
Medium:
EAN:

CD
4011790866321


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Bizet, Georges


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ORFEO

Erschienen die ersten Aufnahmen des 1979 in München gegründeten Labels noch in Lizenz bei RCA und EMI, produziert und vertreibt ORFEO seit 1982 unter eigenem Namen. Durch konsequente Repertoire- und Künstlerpolitik konnte sich das Label seit seinem aufsehenerregenden Auftritt am Anfang der Digital-Ära dauerhafte Präsenz auf dem Markt verschaffen. Nicht nur bekannte Werke, sondern auch weniger gängige Musikliteratur und interessante Raritäten - davon viele in Ersteinspielungen - wurden dem Publikum in herausragenden Interpretationen zugänglich gemacht. Dabei ist es unser Bestreben, auch mit Überraschungen Treue zu klassischer Qualität zu beweisen.
Der Musik der Moderne wird mit den gleichen Qualitätsstandards Beachtung geschenkt - in exemplarischen Neuaufnahmen wie in Mitschnitten bedeutender Uraufführungen. Wichtige Akzente setzen dabei die Serien Edition zeitgenössisches Lied, die bis in die unmittelbare Gegenwart vorstößt, und Musica Rediviva mit Werken verbotener oder zu Unrecht vergessener Komponisten.
Zu den Künstlern zählen die besten Sängerinnen und Sänger, Instrumentalisten, Orchester und Dirigenten der letzten drei Jahrzehnte. Die Förderung aufstrebender Künstler der jüngeren Generation war und ist ORFEO stets ein Anliegen. Viele, die heute zu den Großen der Musikszene zählen, errangen bei uns ihre ersten Schallplattenerfolge.
Mit der Serie ORFEO D'OR wird auf die große interpretatorische Vergangenheit zurückgegriffen; legendäre Aufführungen u.a. aus Bayreuth, München, Wien und Salzburg werden dokumentiert. Hierbei wurde von Anfang an besonderer Wert auf sorgfältige Edition gelegt; durch - das dürfte auf dem Markt für historische Aufnahmen heute sehr selten sein - offizielle Zusammenarbeit mit den Künstlern, Erben und Institutionen hat ORFEO D'OR jeweils exklusiven Zugriff auf die besten erhaltenen Originalquellen.
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