> > > Trip to Russia: Daniel Müller-Schott, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Aziz Shokhakimov
Mittwoch, 29. Januar 2020

Trip to Russia - Daniel Müller-Schott, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Aziz Shokhakimov

Melodieselige Cello-Virtuosität


Label/Verlag: ORFEO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Original-Werke und melodieselige Arrangements für Cello und Orchester von russischen Komponisten präsentiert Daniel-Müller Schott hier auf höchsten Niveau.

Daniel Müller-Schotts Diskographie kann sich sehen lassen. Der Cellist hat fast alle gängigen Konzerte des Repertoires (etwa von Haydn, Schumann, Schostakowitsch und Dvořák) eingespielt, daneben auch selten zu hörende Werke von Volkmann, Raff und Walton. Doch nicht nur die große Konzertliteratur liegt ihm am Herzen, auch als Kammermusik-Partner hat er zahlreiche CDs vorgelegt. Mit seiner neuesten Veröffentlichung widmet sich Müller-Schott drei russischen Komponisten, die zwar nicht ein ‚klassisches‘ Cellokonzert geschrieben haben, aber doch Werke für Cello und Orchester.

Der berühmteste der drei Tondichter ist ohne Zweifel Peter Tschaikowsky, dessen 'Rokkoko-Variationen' bereits vielfach aufgenommen wurden. Deutlich seltener zu hören sind hingegen die übrigen Werke dieser als 'Trip to Russia' betitelten Silberscheibe: Das 'Pezzo capriccioso' op. 62, 'Souvenir d‘un lieu cher' op. 42, 'Nocturne' op. 19 und 'Andante cantabile' op. 11 (alle vier Stücke ebenfalls von Tschaikowsky), die 'Zwei Stücke' op. 20 und der 'Chant du ménestrel' op. 71 von Alexander Glasunov sowie die kurze Serenade op. 37 von Nikolai Rimsky-Korsakov. Das deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter Aziz Shokhakimov begleitet Müller-Schott in den (meist kurzen) Stücken; lediglich das 'Souvenir d‘un lieu cher' und die 'Rokkoko-Variationen' haben eine etwas größere Ausdehnung.

Lyrisch und kantabel

 

Der Titel von Glasunovs 'Chant du ménestrel' könnte ohne Weiteres als Motto über der gesamten Veröffentlichung stehen, denn ‚Chant‘ – also Gesang – spielt hier die zentrale Rolle. Dass man auf dem Cello gleichsam singen, also die menschliche Stimme imitieren könne, ist ein Kompliment, das guten Cellisten gerne gemacht wird. Doch wenige haben es so verinnerlicht wie Müller-Schott; die lyrisch-kantable Dimension seines Instrumentes kostet er hier so überragend aus, dass die Virtuosität fast ein wenig ins Hintertreffen gerät. Die 'Meditation' beispielweise, der erste der drei Abschnitte aus 'Souvenir d‘un lieu cher' ist gleichsam ein einziger (Klage-)Gesang auf dem Cello, wirklich überragend musiziert. Die Orchestermusiker müssen da freilich ein gutes Stück in den Hintergrund treten, das Glasunov-Arrangement ist gänzlich auf die melodische Strahlkraft des Solisten zugeschnitten. Über diese verfügt Müller-Schott in scheinbar unbegrenztem Maße, so dass ihm auch noch genügend Spielraum für feinste dynamische Nuancen bleibt.

Energischer Trip

Die 'Rokkoko-Variationen' sorgen dann dafür, dass auch Freunde des virtuosen Cello-Spiels auf ihre Kosten kommen. Das gerne als ‚inoffizielles Tschaikowsky-Cellokonzert‘ betitelte Werk greift Müller-Schott mit hörbarer Lust am rasanten Spiel so energisch an, dass das Orchester an einigen Stellen fast nicht hinterherkommt. Shokhakimov hat alle Hände voll zu tun, dem Solisten auf seinem hier in der Tat höchst energischen Trip zu folgen. Anders als in den übrigen Stücken und Arrangements darf das Orchester hier ein gewichtiges Wort mitreden, im Laufe der Variationen können sich vor allem die Holzbläser profilieren. Die Klangqualität ist insgesamt sehr gut, der Solist steht zwar ein wenig stark im Vordergrund, doch dies dürfte den Erwartungen der meisten Hörer an eine CD mit Konzerten (oder konzertanten Stücken) entsprechen.

Die übrigen, kürzeren Stücke fallen gegenüber den 'Rokkoko-Variationen' und dem 'Chant du ménestrel' zwar ein wenig ab, zeigen aber immer noch die bekannten Tugenden Müller-Schotts: höchste Gestaltungskraft auf seinem Instrument bei Wahrung einer optimalen Balance zwischen Sanglichkeit und Virtuosität. Da kann man beglückt zuhören und vergisst beinahe, wie heftig angefeindet Tschaikowskys Musik (und ihr Publikum) einst von der Avantgarde wurde. Doch das ist lange her – heute kann man fast schon darüber lächeln. Ganz ohne Kitsch, ganz ohne Klischee zeigt Müller-Schott mit seinem 'Trip to Russia', dass Tschaikowskys Musik völlig zu Recht fest im Repertoire verankert ist. Da darf es ruhig hier und da melodieselig werden.


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Trip to Russia: Daniel Müller-Schott, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Aziz Shokhakimov

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ORFEO
1
12.10.2018
Medium:
EAN:

CD
4011790933122


Cover vergössern

Glasunow, Alexander
Rimsky-Korsakow, Nikolai
Tschaikowsky, Peter


Cover vergössern

ORFEO

Erschienen die ersten Aufnahmen des 1979 in München gegründeten Labels noch in Lizenz bei RCA und EMI, produziert und vertreibt ORFEO seit 1982 unter eigenem Namen. Durch konsequente Repertoire- und Künstlerpolitik konnte sich das Label seit seinem aufsehenerregenden Auftritt am Anfang der Digital-Ära dauerhafte Präsenz auf dem Markt verschaffen. Nicht nur bekannte Werke, sondern auch weniger gängige Musikliteratur und interessante Raritäten - davon viele in Ersteinspielungen - wurden dem Publikum in herausragenden Interpretationen zugänglich gemacht. Dabei ist es unser Bestreben, auch mit Überraschungen Treue zu klassischer Qualität zu beweisen.
Der Musik der Moderne wird mit den gleichen Qualitätsstandards Beachtung geschenkt - in exemplarischen Neuaufnahmen wie in Mitschnitten bedeutender Uraufführungen. Wichtige Akzente setzen dabei die Serien Edition zeitgenössisches Lied, die bis in die unmittelbare Gegenwart vorstößt, und Musica Rediviva mit Werken verbotener oder zu Unrecht vergessener Komponisten.
Zu den Künstlern zählen die besten Sängerinnen und Sänger, Instrumentalisten, Orchester und Dirigenten der letzten drei Jahrzehnte. Die Förderung aufstrebender Künstler der jüngeren Generation war und ist ORFEO stets ein Anliegen. Viele, die heute zu den Großen der Musikszene zählen, errangen bei uns ihre ersten Schallplattenerfolge.
Mit der Serie ORFEO D'OR wird auf die große interpretatorische Vergangenheit zurückgegriffen; legendäre Aufführungen u.a. aus Bayreuth, München, Wien und Salzburg werden dokumentiert. Hierbei wurde von Anfang an besonderer Wert auf sorgfältige Edition gelegt; durch - das dürfte auf dem Markt für historische Aufnahmen heute sehr selten sein - offizielle Zusammenarbeit mit den Künstlern, Erben und Institutionen hat ORFEO D'OR jeweils exklusiven Zugriff auf die besten erhaltenen Originalquellen.
Unser Ziel: Die Faszination, die klassische Musik ausüben kann, über die Generationen lebendig nahe zubringen.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag ORFEO:

  • Zur Kritik... Opernhandwerk: Die deutschsprachige ORF-Produktion von Daniel-François-Esprit Aubers Oper 'Le Maçon' erinnert an historische Rundfunkzeiten. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Nicht nur Wagner und Strauss: Mit dieser Veröffentlichung hat Orfeo viel dazu beigetragen, Johan Botha nicht nur als bedeutenden Heldentenor des deutschen Fachs im Gedächtnis zu behalten, sondern seine Vielfältigkeit und überzeugende Italianità zu unterstreichen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Packendes Plädoyer: Jörg Widmann und das Irish Chamber Orchestra widmen sich Mendelssohns Musik mit Hingabe und Kompentenz, wie auch diese weitere Folge ihrer Interpretationsreihe zeigt. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
blättern

Alle Kritiken von ORFEO...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Michael Loos:

  • Zur Kritik... Tonschönheit und Risiko: Von den drei hier zu hörenden Werken für Violine und Orchester kann zwar nur das Konzert von Carl Nielsen überzeugen – dieses jedoch vollauf. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Akrobatische Klarinettenkunst: Zwei Komponisten, die wenig miteinander gemeinsam haben, außer dass sie jeweils ein Klarinetten-Konzert geschrieben haben, präsentieren hier in erstklassiger Manier Paolo Beltramini und das Orchester der italienischen Schweiz unter Alain Lombard. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Geniale Stimmungsbilder: Ob 'Ascanio', 'Les Barbares' oder 'Andromaque' – auch in seinen wenig bekannten Werken für Ballett und Musiktheater war Camille Saint-Saëns ein herausragender Komponist, wie Jun Märkl und das Symphonieorchester Malmö mit dieser CD belegen. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Michael Loos...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Das fehlende Glied: Ist Natale Monferrato das fehlende Glied einer musikhistorischen Kette? Jedenfalls ein Komponist, der gehört werden sollte. Eine erstrangige Repertoirebereicherung. Und ein tolles Medium für einen so begabten Altisten wie Paulin Bündgen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Aus einem Guss: Ronald Brautigam und die Kölner Akademie musizieren Beethoven für das 21. Jahrhundert. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Leuchtendes Rotgold: Die Compagnia del Madrigale begreift Gesualdos zweites Madrigalbuch absolut zutreffend: Die Vokalisten überfrachten die Musik nicht mit den ästhetischen Ansprüchen der späteren Sammlungen. Und sie singen ganz einfach hinreißend. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (1/2020) herunterladen (2483 KByte) Class aktuell (4/2019) herunterladen (4308 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Felix Draeseke: String Quartet No.1 op. 27 - Menuetto - Intermezzo

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich