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Sonntag, 31. Mai 2020

Shostakovich - Schubert - Aris Quartett

Grenzüberschreitend


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit zwei berühmten Streichquartetten von Schostakowitsch und Schubert zeigt das Aris Quartett auf beeindruckende Weise, was auf ihren Instrumenten möglich ist. Die Interpretation ist von höchstem Niveau und überzeugt vor allem durch ihre Ausdruckstiefe.

So unterschiedlich die beiden hier präsentierten Streichquartette auch sind, sowohl in ihrem Inhalt als auch in ihrer kompositorischen Sprache, so sinnvoll erscheint es doch, sie auf einem Tonträger zu vereinen – zumindest nachdem man die vorliegende Aufnahme des Aris Quartett gehört hat, die 2018 im Label Genuin Classics veröffentlicht wurde. Schon der Beginn beider Werke, die zu den bekanntesten und berühmtesten Streichquartetten von Schostakowitsch und Schubert gehören, könnte unterschiedlicher nicht sein. Das 8. Streichquartett von Schostakowitsch in c-moll wird von einem langgezogenen, schlichten Viertonmotiv eröffnet, dessen Töne D-Es-C-H gleichzeitig die Initialen des Komponisten Dmitri Schostakowitsch darstellen. Schuberts Streichquartett 'Der Tod und das Mädchen' dagegen wirft den Zuhörer schonungslos in eine Welt voller innerer Dramatik und Panik, was sich musikalisch an vollen Akkorden, prägnanten Rhythmen und abrupten dynamischen Wechseln zeigt. Den MusikerInnen des Aris Quartett gelingt es in beiden Fällen, die Stimmung des jeweiligen Werkes bereits in den ersten Takten einzufangen und dem Hörer zu vermitteln, und sie schrecken besonders im Schostakowitsch-Quartett auch nicht davor zurück, die typischen Klangideale ihrer Instrumente aufzuweichen und mit neuen Nuancen anzureichern. So bemüht sich der Cellist, der den musikalischen Auftakt des Werkes bildet, gar nicht erst darum, sein Instrument singen zu lassen und den Ton in ein warmes Vibrato zu hüllen, sondern gibt dem ersten Motiv einen fahlen, beinahe spröden Charakter, der von den anderen Instrumenten übernommen wird und auf den ersten Höreindruck möglicherweise befremdlich wirkt, dafür aber der inhaltlichen Aussage umso mehr entgegenkommt.

Mehr als nur ‚schöne‘ Klänge

Wer hier den üblichen ‚schönen‘ Klang des Streichquartetts vermisst, rufe sich in Erinnerung, vor welchem Hintergrund Schostakowitsch das Werk geschrieben hat. Im Untertitel heißt es, dass er das Quartett dem Gedächtnis der Opfer von Faschismus und Krieg widmet, gleichzeitig ist es aber auch eines seiner persönlichsten Werke, in denen er mit seinem eigenen Schicksal hadert und mit den Aufgaben, die es ihm abverlangt. Im musikalischen Verlauf der fünf Sätze wechseln die Stimmungen drastisch, besonders abrupt ist der Gegensatz zwischen den ersten beiden Sätzen. Auf die anfängliche Resignation und die regelrechte Kraft- und Ausdruckslosigkeit im Largo folgt nahezu übergangslos ein dramatisch aufgewühltes Allegro molto, das die vier Musiker mit einer solchen Unbarmherzigkeit und Schonungslosigkeit präsentieren, dass dem Zuhörer buchstäblich Hören und Sehen vergeht. Allein das Tempo ist so atemberaubend, dass es unter den zahlreichen Aufnahmen des Werkes sicherlich unter den ersten Plätzen rangiert und wohl nur noch von der Interpretation des Kronos Quartet auf deren Album 'Black Angels' (1990) übertroffen wird. In diesem Satz wird den Instrumenten alles abverlangt, was spieltechnisch machbar ist, wobei der Hörer den Eindruck erhält, dass die Musiker teilweise sogar über die bisher geläufigen Grenzen hinausgehen und ihren Instrumenten Töne abverlangen, die bewusst den schönen, wohlgeformten Klang vermeiden und stattdessen auch mal kratzen, knarzen und fiepen, um der Stimmung der Musik gerecht zu werden.

'Der Tod und das Mädchen' neu interpretiert

Das Gedicht von Matthias Claudius und die gleichnamige Liedvertonung von Schubert sind für Klassikfreunde schon untrennbar miteinander verbunden. Während Schubert sich jedoch im Lied damit begnügt, beide Dialogpartner – den Tod und das Mädchen – gegenüberzustellen und ihre unterschiedlichen Charaktere wiederzugeben, lassen sich im Streichquartett noch viel mehr Aspekte einfangen, die an ein vollständiges musikalisches Psychogramm erinnern. Das Erstaunliche an dieser Aufnahme ist es, dass die Musiker es schaffen, auch den eingefleischtesten Klassikkenner von der Neuartigkeit ihrer Interpretation zu überzeugen, indem sie ihn das Werk mit völlig anderen Ohren hören lassen. So zeugen bereits die ersten Takte von einer inneren Ruhelosigkeit, die sich durch das ganze Werk zieht und sämtliche Facetten wie Angst, Verzweiflung, aber auch Hingabe und Leidenschaft beinhaltet. Beeindruckend sind sowohl die extremen dynamischen Gegensätze auf engstem Raum als auch die stetige Tendenz, das rhythmische Element hervorstechen zu lassen, gerade in den vorrangig lyrischen Passagen wie z. B. dem Beginn des zweiten Satzes. Neben dem ruhigen Kantilenen-Thema in den Oberstimmen kommt hier besonders der schreitende Marschrhythmus zur Geltung, der im Gegensatz zum klagenden Gesang der Oberstimmen luftig und leicht präsentiert wird und so auch dem Tod eine weniger grausame und vor allem weniger schwermütige Facette zugesteht, als es viele andere Interpretationen suggerieren.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Shostakovich - Schubert: Aris Quartett

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
07.09.2018
Medium:
EAN:

CD
4260036256178


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Schostakowitsch, Dimitri
Schubert, Franz


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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