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Sonntag, 20. Oktober 2019

Die Domorgeln von Friedrich Ladegast - Jan Ernst, Orgel

Würdiges Geburtstagsgeschenk


Label/Verlag: Querstand
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Michael Schönheit und Jan Ernst überzeugen auf Instrumenten des renommierten Orgelbauers Friedrich Ladegast.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts begannen grundlegende Umwälzungen im Orgelbau, mit der Folge höchst ambitionierter Kompositionen, die von einfachen Gemeindeorganisten kaum mehr zu realisieren waren. Der Siegeszug der ‚Königin der Instrumente‘ ist nicht zuletzt mit dem Namen Franz Liszt verbunden, dessen 'Phantasie und Fuge über ‚Ad nos, ad salutarem undam‘' aus der Meyerbeers Oper 'Le prophète' im Rahmen der Friedrich-Ladegast-Orgel im Merseburger Dom St. Johannes und St. Laurentius, die am 26. September 1855 feierlich geweiht wurde, zu hören war. Dieses Weihekonzert präsentierte zum einen die außerordentlichen Möglichkeiten des neuen Instruments in Form von neu geschaffenen Solowerken von David Hermann Engel (dem damaligen Merseburger Domorganisten), Franz Liszt (die genannte ‚Choral‘-Phantasie) und Hermann Schellenberg (eine echte Choralphantasie über 'Ein feste Burg ist unser Gott' op. 3) sowie eine Orgeltranskription von Bachs Fuge cis-Moll aus dem 'Wohltemperirten Clavier' durch August Gottfried Ritter. Zum anderen wurde die Raumakustik durch bereits im Repertoire befindliche Sologesänge mit Orgel vorgestellt (zwei Sologesänge von Johann Wolfgang Franck sowie zwei Arien von Bach bzw. Mendelssohn Bartholdy), die dem Publikum also schon bekannt sein konnten.

Vielfalt und Profundität

Während beim Weihekonzert vier Organisten tätig waren, übernimmt Domorganist Michael Schönheit hier alle Orgelpartien und brilliert, wie wir es von ihm kennen, in jedem einzelnen Beitrag. Das Gegeneinanderstellen der Epochen und der verschiedenen Möglichkeiten ‚seiner‘ Orgel, die auch in folgenden Generationen berühmt bleiben sollte, spiegelt die Vielfalt und Profundität seiner musikalischen Fähigkeiten. Das Instrument, das zuletzt von 2000 bis 2004 restauriert wurde, zeigt sich nicht weniger in Bestform, und da Michael Schönheit natürlich das Instrument wie die Kirchenakustik ‚aus der Westentasche‘ kennt, vermittelt die vorliegende Produktion ein vorbildliches Porträt des Instruments und seines Erbauers. Unterstützt wird der Organist durch die Mezzosopranistin Britta Schwarz, den Bariton Andreas Scheibner und den Geiger Andreas Hartmann. Leider wurden die beiden Sänger wie auch der Geiger nicht ganz optimal mikrofoniert – ihr Klang ist teilweise eher ‚indirekt‘, so dass Scheibners Stimme, der man lokalen Dialekt nicht ganz absprechen kann, etwas zu trompetenhaft klingt. ‚Unter der Lupe‘ ist Schwarz‘ Stimme an mancher Stelle fast zu laut und nicht zuletzt auch dadurch nicht immer ganz klar durchhörbar (oder die Raumakustik macht ihr einen Strich durch die Rechnung). Insgesamt aber, gerade in den organistischen Beiträgen, eine herausragende Produktion und erfreuliche Ergänzung zu Schönheits Diskografie.

Am 3. Oktober 1871 wurde eine zweite Ladegast-Domorgel geweiht, diesmal im Dom St. Marien und St. Johannis in Schwerin. Mit 84 Registern ist das Instrument sogar noch um drei Register umfangreicher als das Merseburger, doch schon das Programm des Weihekonzerts war weniger ambitioniert. Zwar wurde das Programm durch eine pompöse vierhändige Orgelphantasie von Adolph Friedrich Hesse eröffnet, doch scheint keine einzige Originalkomposition zu diesem Anlass erklungen zu sein. Auch sonst wurden eher kürzere Einzelstücke denn ambitionierte Werke größeren Umfanges gegeben, etwa das Adagio aus Mendelssohns Orgelsonate f-Moll, das Larghetto aus Mozarts Klarinettenquintett in Orgelfassung und das Adagio aus Bachs Sonate E-Dur für Violine und Tasteninstrument, dazu Bachs Präludium und Fuge a-Moll und Christian Heinrich Rincks Andante mit Variationen op. 70.

Domorganist Jan Ernst (beim ersten Werk unterstützt durch Xaver Schult) präsentiert sein Instrument nicht weniger überzeugend als Schönheit in Merseburg. Der Geiger Dietrich Hempel überzeugt deutlich stärker als Hartmann dort. Eine Kuriosität ist Schuberts 'Ave Maria' in einer Fassung für Harfe und Orgel; hier ist Verena Lorenz eine vollwertige Partnerin, auch wenn die Bearbeitung doch arg in die Ecke des Gefühligen zu rücken ist. The Goethles, das Kammermusikblasensemble des Musikgymnasiums Schwerin, sind in Johann Peter Emilius Hartmanns 'Trauermarsch zu Thorwaldsens Beisetzung' keine gleichwertigen Partner Ernsts, das Zusammenspiel bleibt zumeist doch eher vereinzelt als harmonisch voll aufeinander abgestimmt. Matthias Vieweg steuert in einer Arie aus Mendelssohns 'Paulus' und einem geistlichen Lied Bachs (das zweimal programmiert wurde) den vokalen Teil bei – eine sympathische helle Baritonstimme, für die lyrischen Aspekte des Programms bestens geeignet. Die Organisten selbst scheinen jeweils die Booklettexte verfasst zu haben – in Merseburg fühlt sich der Rezensent schlussendlich noch etwas besser informiert als in den Schweriner Ausführungen. Die gemeinschaftliche Veröffentlichung scheint ein Nachgedanke zu sein, der sich nur im Design der Bookletgestaltungen niedergeschlagen hat.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Die Domorgeln von Friedrich Ladegast: Jan Ernst, Orgel

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Querstand
2
29.08.2018
Medium:
EAN:

CD
4025796018165


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Bach, Johann Sebastian
Franck, Johann Wolfgang
Hesse, Adolph Friedrich
Liszt, Franz
Mendelssohn Bartholdy, Felix
Mozart, Wolfgang Amadeus
Rinck, Johann Christian Heinrich
Schubert, Franz


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Querstand

Mit viel Liebe zum Detail bringt das querstand-Label dem interessierten Hörer die Vielfalt und Schönheit der klassischen Musik auf wenig ausgetretenen Pfaden näher. Das Label hat sich seit 1994 durch die Produktion hochwertiger klassischer CDs einen ausgezeichneten Ruf erworben. Über 500 Produktionen werden weltweit vertrieben, wobei ein Augenmerk auf Orgelmusik liegt. Die Gesamteinspielung der Orgelwerke von Johann Ludwig Krebs (bisher 11 CDs) und des Kantaten- und Orchesterwerkes des berühmten Bachschülers bilden ein Glanzlicht des Labels, dem mit der Serie ?Die Orgeln von Gottfried Silbermann? (8 CDs) ein weiteres zur Seite gestellt wurde (Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2003). Auch im kammermusikalischen und sinfonischen Bereich wurden zahlreiche CDs veröffentlicht, etwa mit dem Gewandhausorchester Leipzig. Mit der Aufnahme des Passionsoratoriums ?Der Tod Jesu? von Carl Heinrich Graun mit dem MDR Rundfunkchor und dem MDR Sinfonieorchester unter Howard Arman gewann das Label 2005 einen ECHO Klassik-Award. Im Jahre 2013 erhielt die 9-CD-Box mit allen Sinfonien Anton Bruckners, eingespielt von Herbert Blomstedt mit dem Gewandhausorchester Leipzig, den ICMA (International Classical Music Award). Mit Verlagssitz im Thüringischen Altenburg kann querstand von der einzigartigen Vielfalt der mitteldeutschen Musiklandschaft profitieren, die sich auch im Verlagsprogramm niederschlägt. Neben den vielseitigen Einflüssen der fantastischen Orgellandschaft der Region, ist es auch die Nähe zur Musikstadt Leipzig mit ihrer wunderbaren Tradition und facettenreichen Szene, auf die das Label besonderes Augenmerk richtet.


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