> > > Rossini, Gioacchino: Aureliano in Palmira: Virtuosi Brunensis, José Miguel Pérez-Sierra
Samstag, 6. Juni 2020

Rossini, Gioacchino: Aureliano in Palmira - Virtuosi Brunensis, José Miguel Pérez-Sierra

Aureliano auf dem Weg zum Barbier


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Zweitverwertungen von Opernmaterial sind im 18. und frühen 19. Jahrhundert nicht selten: Hier kann man den genetisch älteren Halbbruder des 'Barbiers von Sevilla' als beherzten Live-Mitschnitt aus Bad Wildbad kennenlernen.

Musikalisch ist manches aus diesem ‚Dramma serio‘ von 1813 äußerst bekannt: So verwendete der 21-jährige Giacchino Rossini bereits die Sinfonia und auch die folgende Chor-Introduzione – dort als Kavantine des Grafen Almaviva – im 'Barbier von Sevilla' (1816). Schön auch der irritierende Effekt einer Wiederkehr des Ouvertürenbeginns Mitte des zweiten Akts zu Beginn der dritten CD (eine gelungene Pointe der CD-Editoren, meint man doch zunächst, nochmal CD 1 eingelegt zu haben). Natürlich dürfte all das der Verbreitung dieser Musik als Heroen-Oper mit römisch-historischem Sujet etwas im Wege gestanden haben. Zwar wurde 'Aureliano' am Uraufführungsort Mailand noch bis 1831 gespielt, Bühnenproduktionen dort und andernorts sind im 19. Jahrhundert wohl nach 1835 nicht mehr belegt (einiges dazu referiert der gute deutsche Einführungstext von Bernd-Rüdiger Kern). Offenbar fiel es dem Publikum lange nicht leicht, musikalische Idiome, die nun nachhaltig mit der beliebten Commedia um den Barbiere konnotiert werden, auch als identische Ausdrucksformen in einem historischen Drama zu akzeptieren.

Keine ausgeprägte Rezeptionsgeschichte

Dennoch existieren seit 1982 gerade im entdeckungsfreudigen frühen CD-Zeitalter bereits mehrere Live-Mitschnitte von Wiederbelebungen des 'Aureliano' auch auf der Bühne, zuvorderst unter Giacomo Zani aus Genua und Lucca (die dem Rezensenten leider nicht vorliegen). Wie Zani setzen auch die Festivalmacher in Wildbad leider nicht darauf, die zweite ‚männliche‘ Hauptrolle des Arsace – wie von Rossini einmalig in seinem Schaffen vorgesehen – rekonstruktiv mit einem ‚Kastraten‘ bzw. Countertenor zu besetzen, sondern vertrauen diesen Part einer Mezzosopranistin an. Der persische Prinz Arsace, als Geliebter der militärisch wie politisch drangsalierten Königin Zenobia von Palmyra Gegenspieler von Aureliano, ist keine historische Figur, aber hinsichtlich des lyrischen ‚sentimento‘ dieser Oper von größter Wichtigkeit, und Marina Viotti beeindruckt in dieser Rolle mit größter Klangschönheit und kultivierter Stimmführung am meisten innerhalb einer äußerst engagierten und nirgends wirklich enttäuschenden Sängerriege. Gerade die mit 21 Minuten lange, formal sehr offen verschiedene musikalische Bausteine aneinanderreihende Nummer 10 in der Mitte des zweiten Aktes bewältigt sie, oft im Dialog mit dem Chor, grandios – hier und in vielen anderen ‚zusammengesetzten‘ Nummern zeigen sich übrigens auch besonders schön die großen musikdramaturgischen Fortschritte Rossinis in diesem zu wenig geachteten Werk.

Mitreißende Live-Darbietungen

Wie sehr diese Musik zu zünden vermag, machen mitunter fast frenetischen Applause zwischen den Nummern deutlich. Man kann diese ‚werkexternen‘ Unterbrechungen zwar durchaus als störend empfinden, aber die Qualitäten der aus drei Live-Aufführungen im Juli 2017 erstellten Montage überrragen auch die eher selten auftretenden Intonationsprobleme und kleinere Schwächen des Orchesters – die angesichts der zweieinhalbstündigen Daueranforderungen dieser Partitur weniger ins Gewicht fallen als das spürbare, begeisterte Engagement aller Sänger und des Dirigenten José Miguel Pérez-Sierra, der sogar die altbekannte Ouvertüre gleich mitreißend rasant und in den dynamischen und agogischen Effekten trotzdem sorgfältig präsentiert. Bemerkenswert auch die lebendige Fortepiano-Begleitung der Rezitative durch Fabio Maggio. Juan Francisco Gatell in der Titelrolle des römischen Kaisers Aurelian, der das Liebespaar am Ende (noch in bewährter Manier musiktheatraler Fürstenhuldigung) großzügig weiter in Palmira walten und lieben lässt, schlägt sich angesichts ihrer immensen Anforderungen – trotz einiger rauer und in den Koloraturen auch mal leicht ‚krähender‘ Momente, die sich live wohl kaum vermeiden lassen – als stattlicher, sowohl lyrisch als auch dramatisch geforderter Spinto-Tenor sehr beachtlich. Silvia Dalla Benetta als Zenobia harmoniert mit ihm wie mit Marina Viottis Mezzo ebenfalls ganz ausgezeichnet; einzig Baurzhan Anderzhanovs nur kurz eingebundener Hohepriester fällt in der Eingangsphase des ersten Aktes mit seiner im historischen Kontext hier einmal durchaus etwas zu buffonesk wirkenden, leider stellenweise recht unpräzise vorgetragenen Arie ein wenig ab. Hört man die Oper in einem durch, kann man sich der ganz eigenen Stimmung sowohl des Werks als auch dieser engagierten Aufführung wohl kaum entziehen und sich durchaus der Begeisterung des Wildbader Publikums anschließen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Rossini, Gioacchino: Aureliano in Palmira: Virtuosi Brunensis, José Miguel Pérez-Sierra

Label:
Anzahl Medien:
Naxos
3
Medium:
EAN:

CD
730099044875


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Rossini, Gioacchino


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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