> > > Arcadelt, Jacques: Motetti: Choeur de chambre de Namur, Cappella Mediterranea Doulce Mémoire
Dienstag, 19. Februar 2019

Arcadelt, Jacques: Motetti - Choeur de chambre de Namur, Cappella Mediterranea Doulce Mémoire

Ein Meister


Label/Verlag: Ricercar
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein Meilenstein für die Arcadelt-Rezeption: Nicht weniger ist diese Box von Ricercar.

Jacques Arcadelt (1507–1568) hat merkwürdigerweise diskografisch bislang nicht den Rang, der ihm mit Blick auf die Qualität seiner Kompositionen zustünde. Dem Abhilfe zu schaffen ist jetzt eine Box mit drei CDs gewidmet, die Jérôme Lejeune bei seinem Label Ricercar herausgegeben hat. Einen so umfassenden Blick auf Leben und vor allem Werk Arcadelts gab es bislang noch nicht – neben wenigen exklusiven Produktionen war der Komponist vor allem mit einigen seiner Madrigale in Sammelprogrammen vertreten. Hier nun wird der in seiner flämischen Heimat, in Italien wie in Frankreich gleichermaßen erfolgreiche Meister in seiner ganzen Bandbreite vorgestellt. Natürlich als Komponist komplexer Motettenkunst. Dann als früher Protagonist des italienischen Madrigals. Und schließlich als Meister edler französischer Chansons. Lejeune flankiert das mit einem 25seitigen Riesen-Essay von Tiefe und Prägnanz. Diese Beigabe wird wie die Texte in drei Sprachen geboten – ein Aufwand, der dem Rang der Produktion angemessen ist.

Motetten

Auf der ersten Platte sind zehn Motetten und Messsätze versammelt. Ein Kontrapunkt von erlesenem Ebenmaß ist zu hören – man muss schon sehr hoch ins Regal vergleichbarer Kunstfertigkeit greifen, zu Josquin Desprez vielleicht, um etwas Ähnliches zu finden. Arcadelt verknüpft mit stupender Seriosität lineare Weite mit substanzieller Bewegtheit. Der Chœur de Chambre de Namur ist mit 15 Vokalisten besetzt – alle mit dem Potenzial für das Ensemble wie für feine Soli in diesem heiklen Repertoire. Weshalb der Chor in sehr verschiedenen kleineren Konstellationen ebenso überzeugt wie gemeinsam. Die Choristen verlebendigen das alles andere als leicht fassliche Gewebe, ohne die Wirkungen ins Spektakuläre zu weiten, gleichwohl in klanglicher Prägnanz.

Madrigale

Die gleichfalls von Leonardo García Alarcón geleitete Cappella Mediterranea widmet sich einer feinen Auswahl von 23 Madrigalen. Man sollte sich dieser Musik als Rezipient nicht von Monteverdis Madrigalen her nähern, nicht einmal aus der Richtung von Marenzio oder d‘India. Arcadelt agiert in den fünf Bänden seiner Madrigalbücher musikalisch noch sehr viel keuscher. Wenngleich sich zentrale Elemente – expressivere Linien, gestische Bewegtheit oder eine echte Annäherung an den affektiven Gehalt der Texte – bereits spürbar ankündigen.

Die Cappella Mediterranea ist hochkarätig besetzt, mit Mariana Flores und Julie Roset im Sopran, mit dem Altus, Carlo Vistoli, den Tenören Valerio Contaldo und Francisco Fernández Rueda und dem Bass Matteo Bellotto. Diese exzellente Riege fährt nicht furios in die Musik drein, sondern leuchtet sie behutsam aus. Durchaus nicht immer schüchtern, sondern mit kultivierter Expressivität und solistischem Vermögen. Gerahmt und getragen wird das von einer schmalen Instrumentalbegleitung aus Laute, Gitarre, Cembalo und Orgel.

Chansons

Schließlich die Platte mit den französischen Chansons, die fein rhythmisiert sind, ästhetisch noch um entscheidende Nuancen leichter und beschwingter als die Madrigale. 126 Sätze sind überliefert, von denen 24 erklingen, etwas abseits so zentraler Größen der Gattung wie Sermisy oder Janequin platziert. Der Kontrapunkt Arcadelts ist hier untergründig, aber stabil. Doch gewinnen Oberflächenphänomene und fassliche Linien viel mehr Raum als noch in den Madrigalen.

Das famose Ensemble Doulce Mémoire von Denis Raisin Dadre ist wie gemacht für die Delikatesse dieser Musik. Mit Clara Coutouly im Sopran, Paulin Bündgen im Altus, dem Tenor Hugues Primard, dem Bariton Matthieu Le Levreur und dem balsamischen Bass Marc Busnuel agiert hier eine fabelhaft harmonische Besetzung, die sich souverän auf dem schmalen Grat von affektiver Schlichtheit und mitklingender Komplexität verströmt. Eine besondere Note bekommt die Präsentation durch die gelegentlich hinzutretenden Instrumente. Neben Harfe, Laute und Gitarre sind es vor allem die Flöten als besondere Spezialität des Ensembles und seines Gründers Denis Raisin Dadre, die das Bild veredeln. Aber auch rein gezupfte Sätze bereichern die Szene.

Das Klangbild wirkt trotz zweier verschiedener Aufnahmeorte überaus gesammelt und klar, bei leichten Differenzen: Die Motetten sind mit einer vorzüglichen räumlichen Korona versehen, während die kleineren Formen konzentrierter abgebildet sind. Ein Meilenstein für die Arcadelt-Rezeption: Nicht weniger ist diese Box von Ricercar.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Arcadelt, Jacques: Motetti: Choeur de chambre de Namur, Cappella Mediterranea Doulce Mémoire

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ricercar
3
20.08.2018
EAN:

5400439003927


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Arcadelt, Jacques


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Ricercar

Von Haus aus Musikwissenschaftler und Gambist (und hier immerhin Schüler von Wieland Kuijken), gründete der Belgier Jérôme Lejeune 1980 sein Label RICERCAR, das schnell zu einem der wichtigsten im Bereich der Alten Musik wurde. Das war nicht nur durch die musikwissenschaftliche Arbeit Lejeunes nahe liegend, sondern auch dem Umstand geschuldet, dass Belgien von je her zu den führenden Nationen im Bereich der historischen Aufführungspraxis gehörte. Die Künstler, die für RICERCAR aufnehmen bzw. aufgenommen haben, lesen sich ohne Übertreibung wie das Who-is-Who der Alten Musik-Szene: Hier machte zum Beispiel Philippe Herreweghe genauso seine allerersten Aufnahmen wie das Ricercar Consort, Jos van Immerseel oder Mark Minkowski (sowohl als Fagottist als auch als Dirigent). Zu den Künstlern und Ensembles, die derzeit dem Label verbunden sind, gehören so prominente Namen wie der Organist Bernard Foccroulle, die Sopranistin Sophie Karthäuser sowie die Ensemble La Fenice und Continens Paradisi. Nach wie vor bietet Lejeune dabei jungen Künstlern und Ensembles eine künstlerische Plattform und er beweist dabei stets ein besonders glückliches Händchen. Viele der nicht weniger als 250 Aufnahmen, die hier veröffentlicht wurden, waren klingende Lektionen in Musikgeschichte, die in mehrteiligen Reihen solche Themen wie Bach und seine Vorgänger, die franko-flämische Polyphonie oder Instrumentenkunde behandelten und so etwas wie zu einem Markenzeichen des Labels wurden. Das erstaunliche dabei war auch, dass nahezu alle Produktionen des Labels von Lejeune sowohl wissenschaftlich als künstlerisch und technisch betreut wurden.


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