> > > Dmitry Hvorostovsky: Live Recordings 1994-2016
Samstag, 19. Januar 2019

Dmitry Hvorostovsky - Live Recordings 1994-2016

Wiener Hommage


Label/Verlag: ORFEO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese randvolle CD erinnert an Dmitri Hvorostovskys Wirken auf der Bühne der Wiener Staatsoper – mit Tschaikowsky, Bellini, Rossini und vor allem viel Verdi.

Ende November des vergangenen Jahres starb der Bariton Dmitri Hvorostovsky nach jahrelangen Kämpfen gegen einen Gehirntumor, gezeichnet von seiner Krankheit, aber immer noch im Besitz seiner stimmlichen Präsenz, seiner unverwechselbaren Kunst. Beim Label ORFEO erinnert nun eine randvolle CD an Hvorostovskys Wirken auf der Bühne der Wiener Staatsoper. Vor allem im Verdi-Fach konnte man den Sänger hier seit den späten 1990er-Jahren erleben, nachdem er mit Bellini debütiert hatte.

Die ausgewählten Ausschnitte sind nahezu chronologisch angeordnet. Und so eröffnet die Zusammenstellung mit der Arie des Riccardo aus Bellinis 'I Puritani', ein Mitschnitt von jenem Debüt-Abend im Mai 1994 – am Pult steht Plácido Domingo. Mit welchem Schmelz und dennoch dramatischem Drängen Hvorostovsky diese Partie singen konnte, wusste die Opernwelt damals bereits von seinem gerade zwei Jahre alten ‚Bel Canto‘-Album bei Philips und seinem Rollenporträt an Covent Garden. Nun konnte sich auch Wien von der Besonderheit des jungen Baritons überzeugen.

Bewegende Bedingungslosigkeit

Es ist beeindruckend, beim Hören der vorliegenden CD die gesamte Spanne seiner Wiener Karriere nachvollziehen zu können, vom ersten bis zum letzten Auftritt am 29. November 2016, ein Jahr vor seinem viel zu frühen Tod. An diesem finalen Wiener Abend sang er den Germont in Verdis 'La Traviata' an der Seite von Marina Rebeka. Die große Szene der beiden aus dem zweiten Akt geht unter die Haut. Da mag aus heutiger Sicht das Wissen um diesen letzten Wiener Auftritt mitschwingen, aber die Bedingungslosigkeit, mit der Hvorostovsky diese Szene gestaltet, sein schonungsloser Einsatz der vokalen und dramatischen Mittel sind schlicht bewegend. Und im Vergleich zu seinem Debüt von 1994 muss man feststellen, dass die Klangschönheit und Melancholie der Stimme erhalten geblieben sind. Man hört zwar, welche Kraft Hvorostovsky dieser Auftritt kostet, aber es ist mitnichten der Abgesang einer Legende. Der Sänger bündelt vielmehr all sein über die Jahre erworbenes Wissen, seine Erfahrung mit Verdis Musik, sein technisches Können, um alles in den Dienst eines Charakterporträts zu stellen. Konnte man einst noch bei der Philips-Studioaufnahme der 'Traviata' von 1992 den eigentlich viel zu jugendlich klingenden Germont ob seiner vokalen Überlegenheit bewundern, so authentisch und kraftvoll ist diese Partie im Jahr 2016 herangereift, ohne den Kern von Hvorostovskys Ausnahmestimme verloren zu haben.

Als die Zeit stehenblieb

Zwischen 'Puritani' und dieser 'Traviata'-Vorstellung sind auf dem Album auch viele weitere Partien dokumentiert. Als nobler und recht blasierter Onegin hatte Hvorostovsky keine Konkurrenz zu fürchten. Das hört man auch in Onegins Arie aus dem ersten Akt vom Juni 2010 unter dem Dirigat von Kirill Petrenko. Auch gab es zu seiner Zeit letztlich keinen vergleichbaren Jeletzky in der 'Pique Dame', der zwar nur mit einer Arie gesegnet ist, aber wenn Hvorostovsky diese sang, blieb eben die Zeit stehen. Im Juni 1999 sang diese Liebeserklärung an die Lisa von Galina Gorchakova – ein magischer Augenblick.

Hvorostovskys komisches Talent belegt das Duett aus Rossinis 'Il barbiere di Siviglia' – eine Titelpartie, die man bei all den großen Verdi-Rollen in Hvorostovskys Repertoire gerne mal vergisst. Hier kann man erstaunt feststellen, wie geschickt der Sänger mit den schnellen Notenwerten und Verzierungen umzugehen weiß und dabei eine ungewohnte Leichtigkeit entwickelt. Herrlich auch Michael Schade als Almaviva an seiner Seite.

Die Wiener Verdi-Partien sind weiterhin mit dem Posa in 'Don Carlo' an der Seite von Miriam Gauci und Violeta Urmana vom Mai 1999 und einem kernig zupackenden Rigoletto mit Patrizia Ciofi als Gilda vom November 2010 vertreten. Im Juni 2016 sang Hvorostovsky in Wien den Simon Boccanegra. Hieraus erklingt das Finale des ersten Aktes mit Barbara Frittoli, Ferruccio Furlanetto und Francesco Meli. Auch hier ist Hvorostovskys Charisma mit Händen greifbar, der Klang seines Baritons fast schon prophetisch. Abschließend führt uns das ‚Eri tu‘ aus 'Un ballo in maschera' vom April 2016 noch einmal vor Augen, was für einen Sängerdarsteller die Opernwelt verloren hat.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Dmitry Hvorostovsky: Live Recordings 1994-2016

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ORFEO
1
14.09.2018
EAN:

4011790966120


Cover vergössern

Bellini, Vincenzo
Rossini, Gioacchino
Tschaikowsky, Peter
Verdi, Giuseppe


Cover vergössern

ORFEO

Erschienen die ersten Aufnahmen des 1979 in München gegründeten Labels noch in Lizenz bei RCA und EMI, produziert und vertreibt ORFEO seit 1982 unter eigenem Namen. Durch konsequente Repertoire- und Künstlerpolitik konnte sich das Label seit seinem aufsehenerregenden Auftritt am Anfang der Digital-Ära dauerhafte Präsenz auf dem Markt verschaffen. Nicht nur bekannte Werke, sondern auch weniger gängige Musikliteratur und interessante Raritäten - davon viele in Ersteinspielungen - wurden dem Publikum in herausragenden Interpretationen zugänglich gemacht. Dabei ist es unser Bestreben, auch mit Überraschungen Treue zu klassischer Qualität zu beweisen.
Der Musik der Moderne wird mit den gleichen Qualitätsstandards Beachtung geschenkt - in exemplarischen Neuaufnahmen wie in Mitschnitten bedeutender Uraufführungen. Wichtige Akzente setzen dabei die Serien Edition zeitgenössisches Lied, die bis in die unmittelbare Gegenwart vorstößt, und Musica Rediviva mit Werken verbotener oder zu Unrecht vergessener Komponisten.
Zu den Künstlern zählen die besten Sängerinnen und Sänger, Instrumentalisten, Orchester und Dirigenten der letzten drei Jahrzehnte. Die Förderung aufstrebender Künstler der jüngeren Generation war und ist ORFEO stets ein Anliegen. Viele, die heute zu den Großen der Musikszene zählen, errangen bei uns ihre ersten Schallplattenerfolge.
Mit der Serie ORFEO D'OR wird auf die große interpretatorische Vergangenheit zurückgegriffen; legendäre Aufführungen u.a. aus Bayreuth, München, Wien und Salzburg werden dokumentiert. Hierbei wurde von Anfang an besonderer Wert auf sorgfältige Edition gelegt; durch - das dürfte auf dem Markt für historische Aufnahmen heute sehr selten sein - offizielle Zusammenarbeit mit den Künstlern, Erben und Institutionen hat ORFEO D'OR jeweils exklusiven Zugriff auf die besten erhaltenen Originalquellen.
Unser Ziel: Die Faszination, die klassische Musik ausüben kann, über die Generationen lebendig nahe zubringen.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag ORFEO:

  • Zur Kritik... In jeder Hinsicht besonders: Es ist ein in jeder Hinsicht sehr besonderer Liederabend, den man auf der neuen CD von Elisabeth Kulman beim Label Orfeo nun nachhören kann. Das liegt einerseits an einer spannenden Liedauswahl, andererseits am zwingenden Charme des Lied-Duos Elisabeth Ku Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Pralinen zum Dessert: Dieser Salzburger Liederabend zeigt die vier namhaften Solisten und ihre Begleiter in Höchstform: schwungvoll, mitreißend, begeisternd. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Facettenreichtum aus zehn Jahren: Die Sopranistin Nina Stemme zieht den Hörer mit Liveausschnitten aus einigen Werken Richard Wagners aus der Wiener Staatsoper aus den Jahren 2003 bis 2013 in ihren Bann. Weiter...
    (Silke Meier-Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von ORFEO...

Weitere CD-Besprechungen von Benjamin Künzel:

  • Zur Kritik... Spannender 'Macbeth' mit eklatanter Schwäche: Gäbe es in einer zentralen Partie keinen Totalausfall, müsste man diesen 'Macbeth' dringend empfehlen. So bleibt er ein Dokument für historisch Interessierte oder eingefleischte Fans einzelner Künstler. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Kuschel-Klassik: 'Puccini In Love' bringt nichts unerhört Neues und ist ein vermutlich gut zu vermarktendes Dokument für Fans, das ohne Frage genießbar ist. Den Komponisten drängt diese Kuschel-CD aber in eine gefährliche Kitsch-Ecke. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Dresdner Archiv-Juwel: Endlich ist sie zugänglich: die Dresdner 'Daphne' von 1950. Für Sammler ist diese Doppel-CD ein Muss! Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Benjamin Künzel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Goldstandard: Das Orlando Consort steht seit einigen Jahren für den Goldstandard bei Guillaume de Machaut. Und die Vokalisten setzen das im sechsten Teil ihrer Reihe ohne Mühe fort. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Spannender 'Macbeth' mit eklatanter Schwäche: Gäbe es in einer zentralen Partie keinen Totalausfall, müsste man diesen 'Macbeth' dringend empfehlen. So bleibt er ein Dokument für historisch Interessierte oder eingefleischte Fans einzelner Künstler. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Lebendige Musik: Rubén Dubrovsky interpretiert zusammen mit Andreas Scholl, dem Salzburger Bachchor und dem Bach Consort Wien Werke von Antonio Vivaldi aus seiner Zeit als künstlerischer Leiter in einem venezianischen Waisenhaus. Weiter...
    (Anneke Link, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (4/2018) herunterladen (2986 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (1/2019) herunterladen (2248 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Max Bruch: Die Loreley - 1. Akt - Rührt Euch frisch

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich