> > > Bernstein/Korngold/Rozsa: American Concertos: Baiba Skride, Gothenburg Symphony, Tampere Philharmonic, Santtu-Matias Rouvali
Donnerstag, 1. Oktober 2020

Bernstein/Korngold/Rozsa: American Concertos - Baiba Skride, Gothenburg Symphony, Tampere Philharmonic, Santtu-Matias Rouvali

Schöner Amerikaner nie klingen


Label/Verlag: ORFEO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Baiba Skride ist ganz klar aktuell Referenz hinsichtlich ihrer Ausdrucksintensität und Makellosigkeit der Tonbildung. Die drei hier vorliegenden amerikanischen Violinkonzerte unterstreichen das eindrucksvoll.

Baiba Skride arbeitet sich kontinuierlich durch das Repertoire aller wichtigen Konzertkompositionen für Geige und Orchester, und das hier vertretene, manchen deutschen Konzertgängern vielleicht nicht ganz so geläufige Repertoire kommt ihren Qualitäten ganz besonders entgegen. Es braucht keine billige Anbiederung über vorhandene Schnittmengen von ‚U- und E-Musik‘ dieser Musik auf dem Hüllentext: Wer expressionistische Härten und Dissonanzen wie der Teufel das Weihwasser scheut oder durchgängig West-Side-Story-Romantik erwartet, ist in manchen Teilen der 'Serenade after Plato's Symposium' von Leonard Bernstein aus dem Jahr 1954 sicherlich ebenso überfordert – das humoristische Fugenduell von 'Eryximachos' wird hier z. B. gnadenlos umgesetzt – wie im kontinuierlichen harmonischen und gestischen Changieren des ein Jahr älteren Konzerts von Hollywood-Legende Miklós Rózsa (u. a. Musik zu 'Ben Hur').

Natürlich haben diese Werke – wie auch das überraschend hier nicht vertretene Gattungsmeisterwerk von Samuel Barber – auch berückend schöne sangliche Episoden (aber eben Episoden), setzen aber einen durchaus erfahrenen Hörer voraus, der zumindest mit intensiver, teils hektisch-überwältigender Filmmusik etwas anfangen kann – und die ist keineswegs ‚U-Musik‘, sondern in vielerlei Hinsicht mehr als funktional und ästhetischer Spiegel unserer Zeit. Das alte Thema von Kunst versus Unterhaltung, gerade auch mit Blick auf falsch verstandene Verdikte Theodor Adornos und der Neuen Musik, kann man sich inzwischen wirklich sparen und läuft dann auch nicht Gefahr, diese großartige Musik hier populistisch ungerechtfertigt zu verniedlichen.

In der Tradition von Heifetz und Francescatti

Wie unterschiedlich gerade auch im Expressiven man etwa das Konzert von Erich Wolfgang Korngold musizieren kann, zeigt dessen lange und breite Aufnahmegeschichte: Berühmt, ja populär wurde es vor allem durch den Einsatz von Jascha Heifetz, der – wie der informativ dichte und jenseits der U-Musik-Apologien ästhetisch treffende Booklet-Text von Christoph Schlüren hier ausführt – aufgrund der immensen spieltechnischen Anforderungen die Uraufführung anstelle des keineswegs geigerisch unbedarften Komponistenfreundes Bronislaw Huberman übernahm. Vergleicht man Heifetz‘ berühmte Einspielungen der Konzerte von Korngold (1953 mit Alfred Wallenstein) und Rósza (1956 in Dallas mit Walter Hendl) mit den neuen von Baiba Skride, darf man das gängige Attribut ‚unerreicht‘ tatsächlich skrupellos streichen: In wirklich allen Details liefert Skride ebenso Überzeugendes, unterstützt von zweifellos noch besseren Orchestern in viel brillanterem Sound (obwohl auch der historische Klang der alten RCA-Aufnahmen in seiner relativen Durchhörbarkeit und Präsenz des Solisten Heifetz noch zu beeindrucken vermag). Man höre zum Vergleich nur die unglaublich expressive, lange Solo-Kadenz im Kopfsatz des Rózsa-Konzerts mit perfekten Flageolett-Tönen als Vermittlungsgrundlage herzzerreißend sentimentaler Empfindungen.

In Bernsteins 'Serenade' hingegen orientiert sich Skride keineswegs am eigenwilligeren, etwas kühlen Geigenton der bekanntesten Aufnahme mit Gidon Kremer (DGG), sondern ist wiederum eher mit dem Solisten der früheren Stereo-Aufnahme von 1965 unter dem Dirigenten Bernstein, Zino Francescatti, zu vergleichen – ebenfalls jemand, der Wert auf einen warmen, elegant singenden Ton gelegt hat und die expressiven Momente über einen prominenten Schönklang entwickelt. Zwar gibt es auch sehr gute, geigerisch aggressivere Herangehensweise gerade bei Korngold (mein Beispiel hier Ilya Gringolts mit dem 'Copenhagen Phil', Orchid Classics 2017), doch für mich ist keine andere Aufnahme aller drei Konzerte so ‚perfekt‘ wie dieses Paket, das auch von tadellosen Orchesterleistungen und einer ebenso voluminösen wie im Detail feinzeichnenden Aufnahmetechnik geprägt wird.

Visitenkarten der Geigerin wie des Nachwuchsdirigenten

Santtu-Matias Rouvali hat sich in den letzten zehn Jahren in Skandinavien etabliert und nach den Philharmonikern aus Tampere als Chef auch die Göteborger Symphoniker übernommen – jenes absolut herausragende skandinavische Orchester, dessen breiten, magischen Sound man immer noch mit Neeme Järvi als langjähriger Dirigenteninstitution in Verbindung bringen möchte. Rouvali ist ein beherzter wie kontrollierter Bühnenbildner für die exzellente Charakterdarstellerin Baiba Skride, die sogar das etwas schwächere Ensemble aus Tampere im Rósza-Konzert mitreißt. Die rein finnische, manchmal rhythmisch und dynamisch trotz auch hier gutem Klangs etwas zu gleichförmige und im tänzerischen Agitieren zu brave Orchesterzugabe der 'Symphonischen Tänze' aus Bernsteins 'West Side Story' ist als einziger Teil der Platte leicht enttäuschend im Vergleich zur harten Konkurrenz (ausgenommen das hier wirklich berührende Adagio-Finale). Die Verteilung der Werke auf zwei CDs nach den beiden beteiligten Orchestern statt nach Komponisten ist auch nicht ganz nachzuvollziehen, das Gesamtpaket – keineswegs ein amerikanisches Idyll, aber im Konzertanten tatsächlich fast überirdisch frei jedes menschlichen oder musikalischen Makels – dürfte aber in Zukunft als absolute Referenz herausragen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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    Bernstein/Korngold/Rozsa: American Concertos: Baiba Skride, Gothenburg Symphony, Tampere Philharmonic, Santtu-Matias Rouvali

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ORFEO
2
14.09.2018
Medium:
EAN:

CD
4011790932224


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Bernstein, Leonard
Korngold, Erich Wolfgang


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ORFEO

Erschienen die ersten Aufnahmen des 1979 in München gegründeten Labels noch in Lizenz bei RCA und EMI, produziert und vertreibt ORFEO seit 1982 unter eigenem Namen. Durch konsequente Repertoire- und Künstlerpolitik konnte sich das Label seit seinem aufsehenerregenden Auftritt am Anfang der Digital-Ära dauerhafte Präsenz auf dem Markt verschaffen. Nicht nur bekannte Werke, sondern auch weniger gängige Musikliteratur und interessante Raritäten - davon viele in Ersteinspielungen - wurden dem Publikum in herausragenden Interpretationen zugänglich gemacht. Dabei ist es unser Bestreben, auch mit Überraschungen Treue zu klassischer Qualität zu beweisen.
Der Musik der Moderne wird mit den gleichen Qualitätsstandards Beachtung geschenkt - in exemplarischen Neuaufnahmen wie in Mitschnitten bedeutender Uraufführungen. Wichtige Akzente setzen dabei die Serien Edition zeitgenössisches Lied, die bis in die unmittelbare Gegenwart vorstößt, und Musica Rediviva mit Werken verbotener oder zu Unrecht vergessener Komponisten.
Zu den Künstlern zählen die besten Sängerinnen und Sänger, Instrumentalisten, Orchester und Dirigenten der letzten drei Jahrzehnte. Die Förderung aufstrebender Künstler der jüngeren Generation war und ist ORFEO stets ein Anliegen. Viele, die heute zu den Großen der Musikszene zählen, errangen bei uns ihre ersten Schallplattenerfolge.
Mit der Serie ORFEO D'OR wird auf die große interpretatorische Vergangenheit zurückgegriffen; legendäre Aufführungen u.a. aus Bayreuth, München, Wien und Salzburg werden dokumentiert. Hierbei wurde von Anfang an besonderer Wert auf sorgfältige Edition gelegt; durch - das dürfte auf dem Markt für historische Aufnahmen heute sehr selten sein - offizielle Zusammenarbeit mit den Künstlern, Erben und Institutionen hat ORFEO D'OR jeweils exklusiven Zugriff auf die besten erhaltenen Originalquellen.
Unser Ziel: Die Faszination, die klassische Musik ausüben kann, über die Generationen lebendig nahe zubringen.


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