> > > Lindberg, Magnus: Tempus fugit, Violin Concerto No.2: Frank Peter Zimmermann, Finnish Radio Symphony Orchestra, Hannu Lintu
Mittwoch, 12. Dezember 2018

Lindberg, Magnus: Tempus fugit, Violin Concerto No.2 - Frank Peter Zimmermann, Finnish Radio Symphony Orchestra, Hannu Lintu

Großmeister der Orchestersprache


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Werke, Interpretation und Klangqualität auf gleichermaßen hohem Niveau: Einen seltenen Glücksfall bietet diese CD mit Werken von Magnus Lindberg.

Kann ein zeitgenössischer Komponist renommierte Interpreten für sich gewinnen, ist dies ein sicheres Zeichen für nachhaltigen Erfolg. Das Engagement eines bekannten Musikers sichert dem (zuvor meist eher unbekannten) Tondichter in den meisten Fällen dann auch einen Ruf über die Neue-Musik-Szene hinaus, was nur wenigen Komponisten unserer Tage vergönnt ist. Einer, der sich diesen internationalen Ruf schon eine Weile gesichert hat, ist der Finne Magnus Lindberg, Jahrgang 1958. Die Liste der Musiker, die seine Werke rund um den Globus aufgeführt haben, ist reich an klangvollen Namen: Yefim Bronfman, Sakari Oramo und Esa-Pekka Salonen sind da nur drei Beispiele.

Hierzu gesellt sich nun der Geiger Frank-Peter Zimmermann, der das im Jahr 2015 entstandene zweite Violinkonzert eingespielt hat. Auf der vorliegenden CD von Lindbergs ‚Haus-Label‘ Ondine steht das Konzert neben dem Orchesterwerk 'Tempus fugit' aus den Jahren 2016/17 – allerneueste Musik also, in der Hannu Lintu das finnische Radio-Symphonieorchester leitet. Beide Werke zeigen Lindberg als der Moderne gegenüber aufgeschlossenen Tondichter, der jedoch – anders als viele Avantgardisten – die Brücken zur Tradition nicht vollständig abgebrochen hat: Alleine die dreisätzige Struktur des Violinkonzertes ist hierfür zumindest ein Indiz. Und wer lange genug sucht, findet natürlich auch weitere Anknüpfungspunkte an Konzerte anderer Komponisten: Schon der Beginn des Werkes mit einem quasi-improvisierenden Solisten, der sich allmählich in sein Spiel hineinzufinden scheint, bevor es ‚richtig‘ losgeht, erinnert an das Violinkonzert von Alban Berg. Doch man würde Lindberg Unrecht tun, sein zweites Konzert auf diese Aspekte zu beschränken. In der hochdifferenzierten Orchestersprache und den teils hyper-virtuosen Anforderungen an den Solopart ist das Stück klar ein Werk des 21. Jahrhunderts, schroffe Klangballungen und herbe Dissonanzen unterstreichen das nachdrücklich.

Hohes technisches Niveau

Zimmermann gelingt es, die haarsträubenden Schwierigkeiten meisterhaft zu bewältigen und dabei auch noch spektakulär zu gestalten – mit seinem klaren, kraftvollen Ton kann er sich auch dann gegenüber dem Orchester profilieren, wenn dieses ein gewichtiges Wort mitzusprechen hat. Die Musiker des finnischen Radio-Symphonieorchesters werden teilweise kaum weniger gefordert als der Solist, alleine das hohe technische Niveau, das hier insgesamt geboten wird, verdient Beachtung. Schließlich unterstreicht ein gut ausbalancierter Klang den positiven Eindruck, Zimmermann steht zwar leicht im Vordergrund, doch auch die feinsten orchestralen Details bleiben stets hörbar – wohl zu gleichen Teilen ein Verdienst der Klangtechniker wie auch ein Ergebnis von Lindbergs meisterhafter orchestraler Schreibweise. Sein Landsmann Tomi Mäkelä stellt ihn in seinem Überblick der finnischen Musikgeschichte völlig zu Recht in die ‚Tradition der großen Orchestertechniker seit Hector Berlioz‘ – womit noch ein Anknüpfungspunkt an die Historie gefunden wäre.

Also ist Lindberg ‚nur‘ ein handwerklich zwar erstklassiger, letztlich aber doch epigonaler Spätromantiker? Definitiv nein – zwar gibt es im zweiten Violinkonzert die eine oder andere Stelle, die diesen Eindruck entstehen lassen könnte, aber wer sich anschließend 'Tempus fugit' zu Gemüte führt, der weiß: Hier verfügt ein Tondichter über das volle Spektrum der klanglichen Möglichkeiten, die im 20. Jahrhundert erforscht wurden. Die fünf Abschnitte des etwas über 30 Minuten dauernden Werkes fordern die Interpreten bis aufs Letzte. Dirigent Lintu gelingt es, sein Orchester gleichermaßen durch die rasanten wie durch die verhalteneren Passagen zu leiten, ohne je den Spannungsbogen abreißen zu lassen.

Orchestrale Meisterschaft

Erneut ist die erstklassige Klangbalance zu loben: Sowohl die vielfachen Differenzierungen zwischen Piano- und Pianissimo-Passagen als auch die lauten, kraftvollen Abschnitte, bei denen Lindberg alle Register seiner orchestralen Meisterschaft zieht, bleiben bestens hörbar. Am Ende des Werkes dürften nicht nur Dirigent und Orchester, sondern auch der Hörer erschöpft aufatmen: Hier geht eine gewaltige klangliche Reise zu Ende, die erneut unterstreicht, was schon Simon Rattle über Lindberg gesagt hatte: Er sei ‚one-man living proof that the orchestra is not dead‘. Frei übersetzt: Der lebende Beweis, dass das Orchester auch in der unmittelbaren Gegenwart noch nicht tot ist.

Wirklich ‚one-man‘? War da nicht noch etwas? Wer den Text zu Beginn des Beiheftes liest, wird das Gefühl nicht los, dass Lindberg es für notwendig hält, sich von dem einen Kollegen zu distanzieren, der die Orchestertechnik unserer Zeit auf mindestens ebenso hohem Niveau beherrscht – seinem Landsmann Kalevi Aho. Der Name fällt überhaupt nicht. Aber folgende Anspielung: ‚I‘m not interested in ending up having to write concertos for exotica such as theremin‘ – lässt mehr als deutlich durchblicken, dass sich Lindberg diesen kleinen Seitenhieb auf Aho (und dessen Konzert für Theremin) einfach nicht verkneifen konnte. Jenseits dieser kleinen finnischen Fehde kann man aber getrost festhalten, dass die beiden hier zu hörenden Werke Lindbergs nicht nur in interpretatorisch und klanglich spektakulären Einspielungen vorliegen, sondern auch eine große Chance haben, als musikalische Meilensteine weit über ihre Zeit hinaus zu gelten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lindberg, Magnus: Tempus fugit, Violin Concerto No.2: Frank Peter Zimmermann, Finnish Radio Symphony Orchestra, Hannu Lintu

Label:
Anzahl Medien:
Ondine
1
EAN:

761195130858


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Lindberg, Magnus


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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