> > > Swan Songs / Schwanengesänge: Christian Immler, Anna Stéphany, Christoph Berner, Danny Driver, Silvia Fraser
Dienstag, 19. Januar 2021

Swan Songs / Schwanengesänge - Christian Immler, Anna Stéphany, Christoph Berner, Danny Driver, Silvia Fraser

Letzte Lieder


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Christian Immlers Album 'Swan Songs' fordert den Hörer heraus, sich mit ungewöhnlichen Werken zu beschäftigen und ganz genau zuzuhören.

‚Swan Songs – Schwanengesänge‘ nennt der deutsche Bariton Christian Immler sein neues Album mit Liedern von Schubert, Brahms, Barber und Bernstein. Die letzten Vokalwerke dieser Komponisten stehen im Zentrum von Immlers Beschäftigung mit jenen Klangwelten, die im Angesicht des Todes entstanden sind oder erst rückblickend als finale Aussagen betrachtet werden können, weil zur Zeit der Entstehung das nahende Ende vielleicht noch keine Präsenz zeigte. Auf diese Weise vereint das Album nicht nur stilistisch kontrastreiche Musik, sondern enthält die gesamte emotionale Bandbreite von Verzweiflung und Melancholie bis hin zu jener prall lebendigen Musik Leonard Bernsteins, die den Abschluss dieser besonderen und anspruchsvollen CD bildet.

Die Aufnahmen dieses beim Label AVI-Music erschienenen Albums entstanden beim Bayerischen Rundfunk im Juni 2016 und April 2017 – zwei Aufnahmesitzungen mit verschiedenen Pianisten. Den deutschsprachigen Block mit den Liedern von Franz Schubert und Johannes Brahms begleitet Christoph Berner. Ein tiefes Einverständnis von Christian Immler und Berner ist ohrenkundig, vor allem in den sechs Liedern aus Schuberts 'Schwanengesang' legen sich die beiden kongenialen Liedpartner schonungslos ins Zeug. Das ist ungemein expressiv und mitreißend. Den Einstieg macht 'Der Atlas', dessen Schmerzen und wörtliche ‚Last der Welt‘ in beklemmender Art und Weise hörbar werden. Immler ist ein Geschichtenerzähler – der Inhalt bleibt nicht hinter Klangverliebtheiten zurück, sondern rückt im Zuge der Klangwerdung in den Vordergrund. Beim 'Doppelgänger' jagt es dem Hörer kalte Schauer über den Rücken und beim 'Fischermädchen' schwingt bei aller Volkstümlichkeit eine greifbare Düsternis mit. Immler gelingen diese Schubert-Lieder höchst beeindruckend mit Mut zum vokalen Risiko.

Wesentlich schönstimmiger und glatter klingen dagegen die 'Vier ernsten Gesänge' von Johannes Brahms. Hätte Immlers Bariton nicht bereits sein enormes Farbspektrum in den Schubert-Liedern unter Beweis gestellt, könnte in den Brahms-Gesängen fast schon Eintönigkeit aufkommen. Doch bei Christoph Berners herrlichem Spiel verbieten sich solche Gedanken. Der Kontrast ist eben groß: Zuerst Schuberts aufwühlende Lieder und dann die versöhnlichen Werke von Brahms.

Intensiver Barber

Im amerikanischen, zweiten Block geht es auch ruhig weiter, wenn auch in keiner Weise leichtfüßig. Samuel Barbers letzte drei Lieder Opus 45 aus dem Jahr 1972 sind in ihrer Melancholie und Realitätsflucht reizvoll. Und Christian Immlers Detailverliebtheit und textliche Durchdringung machen deutlich, wie lange sich der Sänger bereits mit diesen Liedern auseinandergesetzt hat, denn sie begleiten ihn bereits seit der Studienzeit. Am Klavier sitzt in diesen Aufnahmen von 2016 der Pianist Danny Driver mit dem richtigen Gefühl für die angetäuschte Schwerelosigkeit von Barbers Klaviersatz. Ein besonderes Highlight ist das zauberhafte 'A Green Lowlan of Pianos'.

Dass im Booklet ein Abdruck der Texte vollständig fehlt, hinterlässt einen schalen Beigeschmack. Gerade bei Barber und Bernstein würde man gerne mitlesen oder die Absurdität der Bernstein-Gedichte nachvollziehen können. Ja, man kann sich die Liedtexte auf der Homepage des Labels anschauen, aber beim Hören einer neu erstandenen CD ist es extrem lästig, sich noch extra um Informationen kümmern zu müssen, die ins Gesamtpaket einer solchen Veröffentlichung gehören.

Verrückter Bernstein

Dennoch macht der abschließende Bernstein Spaß: Immler wird von der Mezzosopranistin Anna Stéphany unterstützt und zu Danny Driver gesellt sich noch die Pianistin Silvia Fraser, um den vierhändigen Klavierpart in all seiner Verrücktheit zum Klingen zu bringen. All die musikalischen Stile und die komischen Situationen aus Liebes- und Eheleben lassen nicht erahnen, dass Bernstein 1988 wenige Jahre vor dem Ende seines Lebens steht. Kraftvoll und als hätte Bernstein noch tausend Ideen und Projekte in der Tasche, schöpft der Zyklus 'Arias and Barcarolles' aus dem Vollen. Die von Bernstein geforderte Ausdruckslosigkeit für die beiden Sänger steht ein wenig im Widerspruch zu einer Wiedergabe auf Tonträger. Das, woraus im Livekonzert vermutlich Komik gewonnen werden kann, entzieht auf CD der Interpretation ein wenig den Charme, auch wenn Immler und Stéphany um situative Haltungen bemüht sind.

‚Swan Songs‘ fordert den Hörer heraus, sich mit ungewöhnlichen Werken zu beschäftigen und wirklich zuzuhören. Immlers Album orientiert sich nicht am Unterhaltungswert oder der Popularität der eingespielten Lieder, sondern bezieht seine innere Spannung aus inhaltlichen Bezügen und der ungewöhnlichen Kombination – eine CD zum Nachdenken und zum wiederholten Anhören.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Swan Songs / Schwanengesänge: Christian Immler, Anna Stéphany, Christoph Berner, Danny Driver, Silvia Fraser

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
CAvi-music
1
17.08.2018
73:55
2017
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4260085534029
8553402


Cover vergössern

Barber, Samuel
Bernstein, Leonard
Brahms, Johannes
Schubert, Franz
 - Schwanengesang D 957 - Der Atlas
 - Schwanengesang D 957 - Ihr Bild
 - Schwanengesang D 957 - Das Fischermädchen
 - Schwanengesang D 957 - Die Stadt


Cover vergössern

CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag CAvi-music:

  • Zur Kritik... Konturiert und entschlossen: Das Monet Quintett spielt auf seiner ersten Platte Werke von Richard Dubugnon, Paul Taffanel, Gustav Holst und Jean Francaix. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Vermählung von Violine und Cello: Streichquartette von Borodin und Tschaikowsky, live aufgezeichnet beim Kammermusikfestival 'Spannungen'. Weiter...
    (Manuel Stangorra, )
  • Zur Kritik... Absolute Virtuosenmusik: Vladimir Stoupel stellt bei vier russischen Klaviersonaten pianistische Fähigkeiten über expressives Potenzial. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von CAvi-music...

Weitere CD-Besprechungen von Benjamin Künzel:

  • Zur Kritik... Puccini à la Hollywood: Dieser 'Tabarro' ist eine tontechnisch saubere Produktion mit effektvoller Wirkung. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Singende Seele: Regula Mühlemann legt mit 'Mozart Arias II' die nicht minder begeisternde Fortsetzung ihres ersten 'Mozart'-Albums bei Sony vor. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Kurzgefasste Ehrenrettung: Ira Hochman liefert mit ihrem versierten barockwerk hamburg die Ehrenrettung eines völlig vergessenen Händel-Zeitgenossen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Benjamin Künzel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Vokal unterbesetzt: Die im Orchesterpart historisch informierte Einspielung eines wichtigen Oratoriums des 19. Jahrhunderts krankt an nicht hinreichender vokaler Charakterisierung. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Bachs Frühwerke in gültiger Interpretation: Oft etwas vernachlässigte Frühwerke J. S. Bachs werden in dieser Aufnahme versammelt und mit großem Ernst und Können musiziert. Weiter...
    (Diederich Lüken, )
  • Zur Kritik... Drei Edelsteine für die Flöte: Drei sehr schöne Flötenkonzerte aus dem mittleren 20. Jahrhundert in höchst gelungenen Interpretationen: Clara Andrada und das hr-Symphonieorchester Frankfurt brillieren mit Nielsen, Ibert und Arnold. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (3/2020) herunterladen (2399 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (1/2021) herunterladen (2400 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich