> > > Mahler, Gustav: Das Lied von der Erde: Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Simon Rattle
Montag, 21. Oktober 2019

Mahler, Gustav: Das Lied von der Erde - Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Simon Rattle

Abgründige Melancholie


Label/Verlag: BR-Klassik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Sir Simon Rattle und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks betonen den sinfonischen Grundzug von Mahlers 'Lied von der Erde'.

Gustav Mahler komponierte 'Das Lied von der Erde' in schwerer Zeit. Die sechssätzige ‚Liedersinfonie‘ bezeichnete er als ‚wohl das Persönlichste, was ich bis jetzt gemacht habe‘. Das zwischen Sinfonie und Orchesterliedzyklus oszillierende Werk hätte durchaus als seine Neunte durchgehen können (doch der Komponist wollte diese mythische Zahl vermeiden). Auf dieser Live-Aufnahme (Konzerte aus Januar 2018) arbeiten Sir Simon Rattle und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks den sinfonischen Grundzug heraus; so zerfällt das Werk nicht in einzelne Lied-Teile.

Bei der Mezzosopranistin Magdalena Kožená sind die Jugendstil-Nachdichtungen altchinesischer Lyrik bestens aufgehoben. Sie gestaltet nuanciert und expressiv, wie im Satz 'Der Einsame im Herbst', den Oboe und erste Violine ausdrucksvoll einleiten. Rattle deutet die Partitur detailverliebt aus; hier gibt es keine ‚leeren‘ Phrasen, alles scheint bedeutungsvoll. Das Orchester liefert tiefgründige Vor-, Zwischen- und Nachspiele wie in 'Von der Schönheit'. Dessen trügerische, flüchtige Scherzo-Freude, wie sie bei Mahler oft begegnet, prägt zuvor auch 'Von der Jugend'. Dieser Satz fällt wegen Stuart Skeltons Gesang etwas ab, denn dem australischen Sänger fehlt es hier an Differenzierungsgeschick und Ausdrucksbreite, außerdem klingt sein Tenor in der Höhe angestrengt (dies gilt leider auch für seine anderen Beiträge wie im 'Trinklied vom Jammer der Erde').

Symbolträchtige Motive

Der Klang ist fein gestaffelt, gesättigt und warm – und bleibt auch bei der zunehmenden kontrapunktischen Verdichtung im letzten Satz transparent, der so umfangreich ist wie die vorherigen Sätze zusammen und den programmatischen Titel 'Der Abschied' trägt. In diesem Abschiednehmen, Versinken und Ersterben ist Mahlers Musik ganz bei sich selbst. Rattle und das BR-Symphonieorchester betonen den gespenstischen Kontrast, den der unerwartete c-Moll-Abgrund mit sich bringt; die zuvor besungenen Rauschzustände und die Schönheit werden demaskiert. Die kargen, symbolträchtigen Motive (erstklassig: die vielen Soli im Holz und in den Hörnern) und der lastende Orgelpunkt legen den Eindruck nahe, dass hier der Tod spricht – und lassen keinen Zweifel daran, dass Mahler ein Genie des auskomponierten Abschieds war.

Wer es nüchtern und analytisch mag, ist mit dieser Aufnahme, die mit einem guten Einführungstext aufwartet, womöglich an der falschen Adresse, auch mag die Interpretation die Klangsprache mehr im 19. als im 20. Jahrhundert verorten. Doch welchen Orchestergesang Mahler in seinem späten 'Lied von der Erde' anstimmt, in welcher Weise und in welchem Ausmaß er die Orchesterstimmen regelrecht zum Singen bringt, das wurde selten so deutlich wie hier. Und die Interpreten zeigen überdies Sinn für geschmackvolle Kulinarik, ohne distanzlos in Mahlers abgründiger Melancholie zu schwelgen.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mahler, Gustav: Das Lied von der Erde: Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Simon Rattle

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
BR-Klassik
1
07.09.2018
064:14
2018
Medium:
EAN:
BestellNr.:
Booklet
CD
4035719001723
900172


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Mahler, Gustav


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"GUSTAV MAHLER DAS LIED VON DER ERDE „Das Lied von der Erde“ – in seinem Untertitel als „Eine Symphonie für eine Tenor- und eine Alt- (oder Bariton-) Stimme und Orchester“ bezeichnet – lotet die bei Mahler ohnehin durchlässige Grenze zwischen verschiedenen Gattungen aus: dem Lied in der Großform eines Liederzyklus‘ und der Symphonie. Die Unterschiede zu einem bloßen Liederzyklus sind indes gravierend: Symphonische Gestaltungsweisen durchwirken die Lieder, wie sich mancher Symphoniesatz aus riesigen Strophen aufbaut. Zwischenspiele weiten sich zu Durchführungen aus, in denen Wesentliches passiert. Überhaupt spielt sich das thematische Geschehen im Orchester ab, zu dessen Stimmengeflecht in gewissem Sinn auch die Solisten gehören. Auch die Satzfolge lehnt sich an der Symphonie an: In den gewichtigen Ecksätzen scheint deutlich die Sonatensatzform durch den Strophenbau, dort finden symphonische Prozesse statt. Zwei Binnensätze vertreten den langsamen Satz oder ein sarkastisches Scherzo. Ein stringenter Bogen spannt sich über das ganze Werk; er gipfelt nach dem Prinzip der Steigerung in einem riesigen, so lange wie alle vorangegangenen Sätze zusammen andauernden Schlusssatz. Mit jenem „Abschied“ knüpft Mahler an den Typus der „Finalsymphonie“ an, und die Aufhellung des c-Moll zu C-Dur erinnert sogar an seine üblichen Apotheosen. Auch in dieser Symphonie wollte Mahler, wie in seinen anderen, „mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufbauen“. So einzigartig wie die formale Gestaltung des Werks, so extrem sind die Anforderungen an seine Interpreten: Es bedarf zweier gestandener Liedsänger, die im Zusammenwirken mit dem riesigen Orchesterapparat ebenso als Solisten hervortreten, wie sie sich als konzertierende Stimmen in das symphonische Gefüge mit einzuordnen vermögen. Es bedarf eines ausgezeichneten, bestens aufeinander abgestimmten Klangkörpers, und natürlich einer Dirigentenpersönlichkeit, die für Zusammenhalt sorgt und der Großform Geist und Beseeltheit verleiht. Alle diese Parameter fügten sich bei Konzerten zusammen, die am 25. und 26. Januar 2018 im Herkulessaal der Münchener Residenz aufgezeichnet wurden und nun bereits als CD bei BR Klassik veröffentlicht werden: die beiden herausragenden Solisten Magdalena Kožená und Stuart Skelton sorgten für bestmögliche Liedgestaltung und Sir Simon Rattle am Pult des Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks für die einzigartige Klanglichkeit und einen gestalteten symphonischen Zusammenhalt. – Mit Mahlers „Lied von der Erde“ wird das Münchener Konzertereignis vom Januar dieses Jahres auf CD dokumentiert: die hochkarätig besetzte und herausragende Interpretation einer der wesentlichsten Kompositionen des spätromantischen Repertoires. MAGDALENA KOŽENÁ, Mezzosopran STUART SKELTON, Tenor SYMPHONIEORCHESTER DES BAYERISCHEN RUNDFUNKS SIR SIMON RATTLE, Dirigent "


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BR-Klassik

Herausragende Musikaufnahmen der drei Klangkörper des Bayerischen Rundfunks werden unter einer gemeinsamen Marke den Musikfreunden angeboten. Das Label heißt BR-KLASSIK. Zum Start sind acht Tonträger sowie eine DVD am 18. September 2009 veröffentlicht worden. Mittlerweile umfasst der gesamte Katalog über 70 Aufnahmen.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das Münchner Rundfunkorchester und der Chor des Bayerischen Rundfunks genießen sowohl in der Region als auch international einen außergewöhnlichen Ruf in Bezug auf Qualität, künstlerische Kreativität und die Vermittlung von klassischer Musik. Im Konzertsaal und in Hörfunk- und Fernsehübertragungen sind die drei Klangkörper regelmäßig zu hören. Herausragende Konzerte, besonders gelungene Interpretationen und selten zu hörende Werke werden nun unter der gemeinsamen Marke BR-KLASSIK auf dem hauseigenen Label dokumentiert.

Das CD-Label BR-KLASSIK ist organisatorisch bei der BRmedia Service GmbH angesiedelt, dem für die Zweitverwertungen zuständigen Tochterunternehmen des Bayerischen Rundfunks, und wird von Stefan Piendl als Label-Manager geleitet. Mit ihm und Peter Alward als A&R-Consultant konnte der Bayerische Rundfunk zwei erfolgreiche, externe Experten mit umfassender, internationaler Erfahrung für die Mitwirkung an seinem neuen Label BR-KLASSIK gewinnen.

Als logische und konsequente Fortsetzung der Surround-Sound-Offensive im Hörfunkprogramm von Bayern 4 Klassik, das ausgewählte Sendungen im Mehrkanalton und mit erhöhter Datenrate überträgt, werden auch die Tonträger-Veröffentlichungen des Öfteren als audiophile SACD produziert. Die Hybrid-SACD-Tonträger lassen sich als herkömmliche CD abspielen, enthalten aber auch eine Stereo-Spur im hochauflösenden DSD-Format sowie eine Mehrkanal-Fassung in 5.0 bzw. 5.1-Surround.

In der Reihe BR-KLASSIK ARCHIVE bringt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks historische Aufnahmen des Labels zu Gehör. Z.B. war an zwei denkwürdigen Konzertabenden die Pianistin Martha Argerich zu Gast, 1973 unter Leitung von Eugen Jochum mit Mozarts Klavierkonzert KV 456 sowie zehn Jahre später mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 unter Seiji Ozawa.

Im Vertrieb werden die Neuerscheinungen von BR-KLASSIK weltweit durch NAXOS betreut. Damit ist eine bestmögliche Präsenz auf allen wichtigen internationalen Märkten gewährleistet. Neue Aufnahmen werden im Highprice-Segment veröffentlicht, die CDs der ARCHIVE- und WISSEN-Serie auf Midprice. Zu einer modernen Vertriebsstruktur gehört selbstverständlich auch die Möglichkeit des digitalen Downloads über Musikportale wie iTunes, Musicload u.a.. Auch dieser Vertriebsweg wird über die Firma NAXOS erschlossen. Die Naxos Music Library präsentiert zudem für Universitäten und öffentliche Bibliotheken via Internet einen ständig wachsenden Katalog mit Tausenden von Titeln weltweit führender Labels. Studenten, Lehrpersonal und andere Benutzer können sich jederzeit einloggen und in der Bibliothek, im Hörsaal, im Studentenwohnheim, im Büro oder zu Hause das komplette Repertoire abrufen - auch die Aufnahmen von BR-KLASSIK.


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