> > > The Dvorák Cycle: Prague Symphony Orchestra, Jiri Belohlavek, Petr Altrichter, Libor Pesek
Sonntag, 15. September 2019

The Dvorák Cycle - Prague Symphony Orchestra, Jiri Belohlavek, Petr Altrichter, Libor Pesek

Zu Besuch in Frankfurt


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Prager Symphoniker präsentieren auf sechs DVDs unterschiedliche Werke des großen Böhmen Antonin Dvorak.

Der Kanon der heute regelmäßig zu hörenden Werke Antonín Dvořáks ist in den vergangenen Jahrzehnten – trotz stetig steigender Verfügbarkeit auch von Einspielungen der Raritäten – stetig geschrumpft. Wurden bis in die 1970er-Jahre die Sinfonien Nr. 1–4 nicht mal in der Zählung berücksichtigt, hört man heute zumeist nur noch die Sinfonien Nr. 7–9 opp. 70, 88 und 95 (die früheren Sinfonien Nr. 3–5). Von den Chorwerken finden regelmäßige Aufführungen nur das 'Stabat Mater' op. 58 und das Requiem op. 89 (neben der D-Dur-Messe op. 86, die aber zumeist den Gotteshäusern vorbehalten bleibt und nur selten den Weg in den Konzertsaal findet); in der vorliegenden Box ist auch das 'Te Deum' op. 103 enthalten.

Die vorliegenden sechs DVDs bieten eine Art Dvořák-Festival aus der Alten Oper Frankfurt mit dem Symfonický orchestr hlavního města Prahy FOK (den Prager Symphonikern), dem neben der Tschechischen Philharmonie Prag ‚zweiten‘ Sinfonieorchester der tschechischen Hauptstadt. Trotz renommierter Dirigenten hat das Orchester diesen Schatten international nie loswerden können, nicht zuletzt auch weil sein ständiger Konzertsaal, der Smetana-Saal im Prager Gemeindehaus, an Bekanntheit weit hinter dem Rudolfinum zurücksteht. Die sechs Frankfurter Konzerte teilten sich die Dirigenten Jiří Bělohlávek (Chefdirigent des Orchesters 1977–1989, der ab den 1990er-Jahren zahlreiche Dvořák-Einspielungen mit der Tschechischen Philharmonie vorlegte), Petr Altrichter (Chefdirigent 1990–1992, dessen Dvořák-Diskografie vergleichsweise überschaubar ist) und Libor Pešek (von 1982 bis 1990 Conductor in Residence der Tschechischen Philharmonie, der während seiner Zeit als Chefdirigent in Liverpool Dvořáks Sinfonien in herausragenden Interpretationen auf Tonträger vorlegte). Die sechs DVDs (die man noch platzsparender hätte präsentieren können) wurden von Arthaus Musik schon mehrfach in verschiedenerlei Art und Boxzusammenstellung vorgelegt, hier erstmals en bloc. Leider fehlen sämtliche Aufnahmedaten, was für den dokumentarischen Wert der gesamten, ohnehin mehr als dürftig ausgestatteten Edition (kein Booklet, falsche Reihenfolge der Werke in der Werkübersicht, keine exakten Angaben der Mitwirkenden, im Gegenteil falsche Schreibweisen in dem einen oder anderen Fall) nur als äußerst bedenklich bezeichnet werden kann.

Beeindruckende Spannungsbögen

Bělohláveks Lesart der Siebten Sinfonie d-Moll op. 70 ist muskulös, klangschön, mit starkem Brahms-Bezug, aber ohne jene Streicherwärme, für die die Tschechische Philharmonie bekannt war. Dafür sind besonders die Holzbläser besonders charaktervoll eingefangen. Leider hakt es gelegentlich in der exakten Abstimmung, der Beginn des Finales wird durch die Bläser regelrecht intonatorisch ruiniert, doch immer wieder gibt es feine Schattierungen und beeindruckende Spannungsbögen. Die 'Slawischen Tänze' op. 72 sind bei den Musikern in soliden Händen, doch fehlt der geniale Schmelz, die unübertreffliche Verve zahlreicher Alternativeinspielungen. Die frühe Romanze f-Moll op. 11 für Violine und Orchester liegt den Musikern da besser, auch weil der ‚böhmische Ton‘ durch die Holzbläser in großer Prominenz in schönem Dialog mit dem Solisten Ivan Ženatý ‚zelebriert‘ werden kann. Ženatý ist auch der Solist im Violinkonzert a-Moll op. 53 – er scheint die böhmische Seele zum Singen zu bringen, auch wenn es ihm nicht gelingt, das Orchester in dem größer dimensionierten Werk zu einer weniger erdgebundenen Spielweise zu bewegen.

Diese Spielweise passt besser zu dem interpretatorisch gar nicht so leichten 'Te Deum' op. 103, das hier (mit dem Prager Philharmonischen Chor, Chordirektor damals Pavel Kühn) eine packende Wiedergabe erlebt. Selbst in der Supraphon-Diskografie ist das Werk nur bescheiden repräsentiert. Leider ist Lívia Ághovás Sopran nur wenig dazu angetan, von einer Referenzaufführung zu sprechen, zu ‚sauer‘ sind viele ihrer Töne. Auch stören hier die Holzbläser, die die Sängerin teilweise fast übertönen. Der Bariton Ivan Kusnjer klingt solide, bietet aber wenig Charakterisierungskunst oder Klangfarben; ob er weiß, was der von ihm gesungene Text bedeutet, könnte bezweifelt werden. In fünf der 'Acht Biblischen Liedern' op. 99 (bei denen nirgends Informationen zu den einzelnen Liedern gegeben werden) zeigt sich die große Eva Randová, einst eine legendäre Bayreuther Kundry und auch in zahlreichen anderen Partien eine sichere Bank, jenseits ihres Zenits. Immer noch ist ihr Piano, ihr Legato mirakulös, doch das Forte ist scharf geworden, das Vibrato ein wenig unkontrolliert: doch immer noch ist sie eine beeindruckende Interpretin, die die Orchesterbläser keinen Moment zu fürchten braucht. Bei allen Einschränkungen ist ihr Beitrag, zusammen mit der Violinromanze, der Höhepunkt der knapp drei Stunden unter Bělohláveks Leitung.

Wenig Schwung

 

Offenkundig hat Petr Altrichter mit seinen Musikern die Achte Sinfonie G-Dur op. 88 sorgfältigst studiert – die größere interpretatorische Sorgfalt gegenüber der Siebten fällt sogleich auf; dass seine Interpretation dennoch vergleichsweise uninteressant bleibt, liegt zum einen an dem Klang der hohen Streicher, zum anderen offensichtlich an einer eher schwachen künstlerischen Vision des Dirigenten. Da bleibt denn doch vieles ‚eckig‘ im Klang, die Interpretation nimmt kaum Schwung auf – dazu braucht es nicht Tempo, dazu braucht es eine innere Haltung, die Altrichter eher abgeht. Igor Ardašev ist der Solist im Klavierkonzert g-Moll op. 33, das er aber, anders als seine ‚größeren‘ Vorgänger (allen voran Rudolf Firkušný), vornehmlich in der Beethoven-Schumann-Tradition verortet; die böhmischen Zwischentöne, die etwa Carlos Kleiber hervorkitzelt, sind gleichwohl auch Altrichters Sache nicht, da bleibt vieles viel zu brav, zu sehr am Boden. Im Requiem op. 89 bietet Altrichter neben dem Prager Symphonischen Chor (Chordirektion Pavel Kühn) die Solisten Lucia Popp, Eva Randová, Josef Protschka und Peter Mikuláš auf. Hier scheint der Dirigent deutlich eher in seinem Element als bei den Orchesterwerken – Chor und Orchester ergänzen sich in glücklicher Weise, auch wenn Altrichter den Geist des religiös Weihevollen nicht durchhalten kann. Auch ist das Solistenquartett bedenklich uneinheitlich in der Qualität – der in Prag gebürtige Tenor Josef Protschka, der für tschechische Musik gerne herangezogen wurde, zeigt hier mehr als nur geringe Intonationsschwierigkeiten und hat auch beachtliche Schwierigkeiten in der Höhe und im Forte. Lucia Popp ist, wie fast zu erwarten, stimmlich bestens aufgelegt, vermittelt auch den tiefen Ernst der Musik, mit herrlichem Piano, in allen Lagen gleich bestens ansprechendem Sopran. Eva Randová steht ihr an Intensität in nichts nach – hier fühlt sie sich offensichtlich wohler als in den 'Biblischen Liedern'. Peter Mikuláš zieht es vor, (fast) intonatorisch sauber zu singen, wenn auch ohne sonderlich eigenen Stimmcharakter.

Als Solisten im Cellokonzert steht Libor Pešek kein Geringerer als Mischa Maisky zur Verfügung, der das Werk unter anderem mit Leonard Bernstein und Zubin Mehta eingespielt hat. Die Prager Symphoniker können im Vergleich zu den CD-Produktionen nicht mithalten – so überwältigt Maiskys Spiel zwar umso stärker (das Cellokonzert gehört ohnehin zu seinen ‚Signature Pieces‘), doch wäre eine interpretatorische Gleichberechtigung beider Pole für das Gesamtergebnis doch förderlich. Auch in der Neunten Sinfonie hat Pešek anderswo schon stärker überzeugt – die Holzbläser sindhier abermals stärker als der Gesamtorchesterklang. Das Solistenquartett von Pešeks gleichfalls wenig sakraler Aufführung des 'Stabat Mater' op. 58 besteht aus Eva Urbanová, Kateřina Kachlíková, Štefan Margita und abermals Peter Mikuláš. Es ist um ein Vielfaches homogener als jenes der Requiem-Aufführung, auch wenn es nicht mit den besten Solistenquartetten der Tonträgergeschichte mithalten kann. Abermals eine hervorragende Leistung bietet der Chor – fein schattiert, wortbezogen, ohne unnötige Hervorhebung einzelner Stimmen. So kommt die schwächste Leistung dieser letzten, insgesamt aber überzeugendsten DVD von den Prager Symphonikern. So bleibt vielleicht zu konstatieren, dass das Orchester damals vielleicht nicht ohne Grund nicht der ‚erste‘ Prager Klangkörper war.

Warum die Aufführungen in Frankfurt mitgeschnitten wurden, bleibt unklar – von der Alten Oper sieht man nicht einmal das Äußere, und es darf gefragt werden, ob die Musiker sich durch das ‚nichtheimische‘ Terrain vielleicht nicht ganz so wohl gefühlt haben, wie sie es in ihrem angestammten Haus getan hätten.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    The Dvorák Cycle: Prague Symphony Orchestra, Jiri Belohlavek, Petr Altrichter, Libor Pesek

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
6
18.05.2018
Medium:
EAN:
DVD
4058407093558

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Dvorák, Antonín


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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