> > > Massenet, Jules: Cendrillon: Philharmonisches Orchester Freiburg, Fabrice Bollon
Samstag, 5. Dezember 2020

Massenet, Jules: Cendrillon - Philharmonisches Orchester Freiburg, Fabrice Bollon

Ziemlicher Zirkus


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Freiburger 'Cendrillon' hätte es nicht auf DVD gebraucht. Die Stärken liegen auf der musikalischen Seite.

Seit etwas mehr als zehn Jahren erfährt Jules Massenets und Henri Cains Märchenoper 'Cendrillon' nach der Erzählung von Charles Perrault eine Art Renaissance. Nachdem die junge Frederica von Stade Ende der 1970er- und den frühen 1980er-Jahren das Werk international wieder populär machte, wurde es außerhalb Frankreichs zeitweise erneut still um das französische Aschenbrödel. Nun ist 'Cendrillon' neben starbesetzten Produktionen großer Opernhäuser von London, Barcelona bis New York auch regelmäßig an mittleren oder auch kleineren deutschen Häusern zu erleben – so 2017 im Theater Freiburg. Der Mitschnitt dieser Abschiedsproduktion von Intendantin Barbara Mundel mit der Ausstatterin und Co-Regisseurin Olga Motta ist beim Label Naxos auf DVD erschienen.

Zunächst einmal ist es lobenswert, dass auf diese Weise nicht nur die Übertragungen aus der Metropolitan Opera oder einer Wiener Staatsoper in Ton und Bild dokumentiert werden, sondern auch besondere Produktionen von Häusern, die vielleicht nicht in der obersten Liga mitspielen, aber bei weitem keine schlechteren Opernabende herausbringen. So mancher Mitschnitt gerade aus Freiburg konnte in den letzten Jahren ob der hohen musikalischen Qualität überzeugen – von Korngold bis Goldmark sind wunderbare CDs erschienen.

Nun liegt also die Freiburger 'Cendrillon' vom April und Mai 2017 auf DVD vor. Aus nostalgischen Gründen mag das nachvollziehbar sein, die Produktion markiert immerhin das Ende einer Freiburger Ära und auch die optische Opulenz dieser Inszenierung hat vermutlich in Richtung einer bildlichen Dokumentierung entschieden. Wenn man aber diese technisch ordentliche DVD anschaut, dann kommt man rasch zu dem Schluss: Das hätte es nicht gebraucht. Freilich, dem Freiburger Publikum scheint es gefallen zu haben, ordentlich und freundlich ist der Schlussapplaus. Aber das Liveerlebnis ist auf dem runden Silberling nicht einzufangen.

In der Form steckengeblieben

Mundel und Motta fahren eine Menge an Assoziationen und Bildern auf, verorten das Geschehen irgendwo in einem Spielkosmos zwischen Zirkus und Theater. Das wirkt zunächst reizvoll, hat sich aber recht bald abgenutzt. Den Vater Pandolfe als Messerwerfer, der seine gequälte Tochter im Visier hat, will man zu Beginn noch metaphorisch entschlüsseln. Der vermeintliche Mehrwert verpufft aber schon mit der nächsten Szene. Der Chor wuselt zirkus-uniformiert durch die Gegend, verharrt in Posen – überhaupt retten sich Mundel und Motta viel über die pure Form –, die Solisten verschwinden hinter glitzernden Kostümen oder tauchen in formaler Clownerie unter. Nur wenige Momente lassen Raum für Inhalt oder Gefühl. Ohne Frage ist der szenische Unterhaltungswert groß angedacht, er löst sich aber nicht ein, hinterlässt vielmehr Langeweile, weil keine Figur zu ihrem Recht kommen darf. In ihrer clownesken oder komödiantischen Personenführung auf der multifunktionalen Drehbühne sind die Protagonisten dem Zuschauer fremd, eine Identifikation aussichtslos. Und dieser 'Cendrillon' fehlt eine entscheidende Zutat: Magie. Zumindest auf DVD entsteht kein Zauber, will der Funke nicht überspringen.

Musikalisch hörenswert

Das ist bedauerlich, vor allem, weil die musikalische Seite so viel zu bieten hat. Kim-Lillian Strebel ist eine nahezu ideale Cendrillon mit feiner Phrasierung, beseelter Lyrik und einem Hauch von Traumqualität. Sie gleitet förmlich auf den Wellen von Massenets Partitur dahin, lässt die Höhen strahlen und die warme Mittellage fließen. Ihr Zusammenklang mit dem ebenso überzeugenden Prinzen von Anat Czerny ist erstklassig. Czerny verfügt zudem über die passende Statur für den jungen Prinzen und die notwendige Melancholie in der Stimme.

Mit Katharina Melnikova bietet das Theater Freiburg eine hervorragende Fee, die nicht nur über glitzernde Koloraturen verfügt, sondern auch über vokale Substanz. Bei Melnikova ist die Fee kein flirrender Stratosphärenflug, sondern eine beseelte Interpretation. Fulminant orgelnd und mit mächtigen Tönen singt sich Anja Jung als Madame de la Haltière ins Herz des Zuhörers. Was für eine Stimme, was für eine Ausstrahlung. Schade nur, dass sie in ihrer Darstellung im formalen Konzept so eingeengt agiert, dass viel von der möglichen Komik und Tragik verloren geht. Als Pandolfe beeindruckt Juan Orozco mit großen Verdi-Tönen und irritierend viel Italianità, wirkt allerdings ein wenig kurzatmig und tut sich schwer mit manchen Passagen und Phrasen, wenn sie dynamisch außerhalb seines klangvollen Forte liegen. Rollendeckend und stimmfrisch präsentieren sich Irina Jae Eun Park und Silvia Regazzo als Stiefschwestern Noémie und Dorothée, während der jugendlich klangvolle König von Jongsoo Yang regelrecht aufhorchen lässt. Opern- und Extrachor des Theaters Freiburg zeigen sich von ihrer besten Seite.

Am Pult des Philharmonischen Orchesters Freiburg steuert Fabrice Bollon dem Abend jenen Zauber bei, der dem Bühnengeschehen so leicht abhandenkommt. Es duftet aus dem Graben, die Musiker gehen in die dynamischen Extreme und lassen es gerne mal humorvoll dahintänzeln. Vielleicht wäre eine CD-Produktion auch eine gute Idee gewesen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Massenet, Jules: Cendrillon: Philharmonisches Orchester Freiburg, Fabrice Bollon

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
10.08.2018
Medium:
EAN:

DVD
747313556359


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Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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