> > > Vater Unser - Deutsche Geistliche Kantaten: Paulin Bündgen Clematis
Montag, 15. Oktober 2018

Vater Unser - Deutsche Geistliche Kantaten - Paulin Bündgen Clematis

Kernbestand


Label/Verlag: Ricercar
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Paulin Bündgen und das Ensemble Clematis mit einem kenntnisreichen Blick auf vielgestaltiges Repertoire: Ein schönes Porträt von Ensemble und Solist.

Jérôme Lejeune, Gründer des Labels Ricercar, zugleich Autor des reich ausgestatteten, schlicht vorbildlichen Booklets der aktuell von ihm herausgebrachten Platte des Ensembles Clematis sowie des Counternors Paulin Bündgen und auf der Tenor-Viola auch aktiv am klingenden Geschehen beteiligt, schreibt es nicht ohne Stolz und Freude: Mit diesem Programm unter dem Titel ‚Vater unser im Himmelreich‘ ist sein Label Ricercar wieder einmal ganz zu seinen Ursprüngen zurückgekehrt. Nämlich zur geistlichen Musik der deutschen Höfe und Städte des 17. Jahrhunderts, ganz vorwiegend protestantischer Prägung.

Wie fast stets in diesen Gefilden des Repertoires ist ein Programm ohne die großartige Düben-Sammlung undenkbar, ist sie doch ein wahrhaft zentraler Baustein für die Überlieferung jener Zeit. Zwei Stränge treten im Programm etwas deutlicher hervor: Die Schütz-Schüler und das verwandtschaftliche wie regionale Bach-Umfeld. Zu hören sind Geistliche Konzerte auf deutsche und lateinische Texte, teils von einiger Ausdehnung. Etwa 'Herr, wenn ich nur dich habe' von David Pohle oder das nach einem Werk von Giovanni Rovetta von Franz Tunder gearbeitete 'Salve mi Jesu', dazu das weithin bekannte und häufig eingespielte 'Ach dass ich Wassers g‘nug hätte' von Johann Christoph Bach oder 'Was betrübst du dich, meine Seele' von Johann Theile. Schon etwas deutlicher in Richtung zur stärker binnendifferenzierten mitteldeutschen Kantate ist 'Weil Jesu in meinem Sinn' von Johann Wolfgang Franck, der vor allem als Musikdramatiker an der Hamburger Gänsemarktoper von sich reden machte. Einen schönen Kontrast, oft voller Innigkeit in der Wirkung sind die Beispiele strophischer Schlichtheit, etwa repräsentiert von Johann Michael Bachs 'Auf, lasst und den Herren loben' oder Heinrich Schwemmers traurig-schönem 'Grabgesang'. Garniert mit einigen Sonaten auf choraler Basis – herausragendes Beispiel ist die Streicher-Transkription eines Orgelsatzes von Georg Böhm auf die Melodie von 'Vater unser im Himmelreich' – verbindet sich all das zu einem wunderbaren Programm von knapp achtzig Minuten Ausdehnung, das bemerkenswert reich an Varianten und Wirkungen ist: Echte Werbung für diese Musik im Halbschatten der Musikgeschichte.

Feine Konstellation

Das liegt neben den interessanten Werken natürlich in erster Linie an den Interpreten: das belgische Instrumentalensemble Clematis und der französische Countertenor Paulin Bündgen. Dessen klare, höhensichere Stimme verfügt über ein fein modulierbares Volumen. Sie zeichnet klar und doch ohne unangenehme Schärfen – auch, weil Bündgen seine klanglichen Möglichkeiten überzeugend kontrolliert. Äußerst beeindruckend die sichere technische Grundierung der Stimme, die stupende Geläufigkeit in den vielen Koloraturen, die wie kleine Widerhaken in der sonstigen affektiven Klarheit der Sätze stecken. Bündgen entfaltet in natürlicher Diktion eine plastische Textgestalt; in wenigen Wendungen ist sein Deutsch nicht ganz idiomatisch – eine, insgesamt betrachtet, lässliche Sünde. In Bachs Lamento 'Ach dass ich Wassers g‘nug hätte' entfaltet er zudem vollends seine lyrischen Qualitäten, auch da dynamisch enorm fein abschattierend, in dieser Hinsicht besonders glücklich mit den famosen Instrumenten interagierend.

Die entfalten in reicher Besetzung aus der Violinen- und der Violen-Familie einen harmonischen Klang, mit klarer linearer Kenntlichkeit, die sich zu einem fein schwingenden Ganzen fügt. Ergebnis ist ein insgesamt luxuriöser Ensembleklang – man gibt der Schönheit Raum, dem freien Fluss, darin auch der choralen Sphäre der rein instrumentalen Sätze entsprechend. Technisch zeigt sich der Klang gesammelt und ist von fein balancierter Präsenz aller Stimmen und Anteile; er wirkt strukturklar, aber nicht skelettiert, greift gerade die so intensiv ausgekosteten feinen Nuancen glücklich auf.

Paulin Bündgen und das Ensemble Clematis mit einem kenntnisreichen Blick auf vielgestaltiges Repertoire: Ein schönes Porträt von Ensemble und Solist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Vater Unser - Deutsche Geistliche Kantaten: Paulin Bündgen Clematis

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ricercar
1
06.07.2018
EAN:

5400439003897


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Ahle, Johann Rudolf
Bach, Johann Christian
Bach, Johann Michael
Fischer, Johann
Franck, Johann Wolfgang
Schwemmer, Frank
Tunder, Franz


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Ricercar

Von Haus aus Musikwissenschaftler und Gambist (und hier immerhin Schüler von Wieland Kuijken), gründete der Belgier Jérôme Lejeune 1980 sein Label RICERCAR, das schnell zu einem der wichtigsten im Bereich der Alten Musik wurde. Das war nicht nur durch die musikwissenschaftliche Arbeit Lejeunes nahe liegend, sondern auch dem Umstand geschuldet, dass Belgien von je her zu den führenden Nationen im Bereich der historischen Aufführungspraxis gehörte. Die Künstler, die für RICERCAR aufnehmen bzw. aufgenommen haben, lesen sich ohne Übertreibung wie das Who-is-Who der Alten Musik-Szene: Hier machte zum Beispiel Philippe Herreweghe genauso seine allerersten Aufnahmen wie das Ricercar Consort, Jos van Immerseel oder Mark Minkowski (sowohl als Fagottist als auch als Dirigent). Zu den Künstlern und Ensembles, die derzeit dem Label verbunden sind, gehören so prominente Namen wie der Organist Bernard Foccroulle, die Sopranistin Sophie Karthäuser sowie die Ensemble La Fenice und Continens Paradisi. Nach wie vor bietet Lejeune dabei jungen Künstlern und Ensembles eine künstlerische Plattform und er beweist dabei stets ein besonders glückliches Händchen. Viele der nicht weniger als 250 Aufnahmen, die hier veröffentlicht wurden, waren klingende Lektionen in Musikgeschichte, die in mehrteiligen Reihen solche Themen wie Bach und seine Vorgänger, die franko-flämische Polyphonie oder Instrumentenkunde behandelten und so etwas wie zu einem Markenzeichen des Labels wurden. Das erstaunliche dabei war auch, dass nahezu alle Produktionen des Labels von Lejeune sowohl wissenschaftlich als künstlerisch und technisch betreut wurden.


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