> > > Stockhausen, Karlheinz: Klavierstücke I-XI: Sabine Liebner, Klavier
Montag, 16. September 2019

Stockhausen, Karlheinz: Klavierstücke I-XI - Sabine Liebner, Klavier

Virtuosität und Avantgarde


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Sabine Liebner gibt faszinierende Einsichten in das Klavierwerk von Karlheinz Stockhausen.

Karlheinz Stockhausens 'Klavierstücke I–X' entstanden in den Jahren von 1952 bis 1961. Es sind auch die Jahre der Selbstfindung. Der Pianist Herbert Henck hat es einmal treffend zusammengefasst: ‚Jahre zwischen Studium und Weltgeltung, in denen er – geformt wie bestärkt durch Schönbergs Zwölftonlehre, Messiaens planmäßigen Materialaufbau und Weberns Vorbild konsequenter Werkstrukturierung – zu einer grundlegenden Neudefinition der musikalischen Elemente und ihrer Beziehungen untereinander gelangte.‘ Stichworte: ‚punktuelle Musik‘, ‚Musik im Raum‘, ‚Gruppenform‘, ‚Aleatorik‘, ‚Stille‘, ‚Geräusch‘, ‚Notation‘ und ‚statistisches Komponieren‘. Hört man heute diese Musik im zeitlichen Abstand, so ist es schon erstaunlich, welche neuen, stellenweise lyrischen Momente sich auf einmal erschließen. Zum Beispiel im 'Klavierstück VIII', das gewissermaßen punktuelle Klangmomente miteinander in Verbindung setzt, eben durch spannungsgeladene Stille, die zwischen den einzelnen Tonereignissen liegt. Und gerade hierin liegt das Verdienst der Pianistin Sabine Liebner, die sich jetzt alle Klavierstücke von Stockhausen neu eingespielt hat.

Subtile Synthese

Im Zuge des Abschiedes vom eindimensionalen Fortschrittsdenken schlägt nun die Stunde einer gerechteren Beurteilung dieser Klavierstücke. Das ehemalige scheinbare Widersprüchliche im Komponieren von Stockhausen erschließt uns Sabine Liebner ohne avantgardistischen Beweiszwang. Dass hierfür eine vollendete Technik notwendig ist, versteht sich von selbst. Liebner hat sich – wie deutlich zu hören ist – akribisch mit dem Notentext auseinandergesetzt. Ihr gelingt eine subtile Synthese der strengen Architektur von Stockhausens Musik und deren gleichzeitiger zarter Schwärmerei im Klangkosmos. Deutlich zu hören im 'Klavierstück V'. Der Geiger Yehudi Menuhin hat einmal festgestellt, dass wer ‚Klang wirklich in seiner ganzen Dimension aufnehmen will, muss Stille erfahren haben. … Stille als wirkliche Substanz, nicht als Abwesenheit eines Geräusches. Diese Stille ist Klarheit.‘ Und es ist eben genau dieses Moment, was diese Gesamteinspielung so faszinierend macht. Darüber hinaus werden Bezüge zu Claude Debussy ‚erhörbar‘, wie auch zu Igor Strawinsky ('Klavierstück IX').

Um es noch einmal zu betonen: Es ist erstaunlich, wie sich der Klangkosmos dieser Stücke mit zeitlichem Abstand so neu erschließt, vor allem, wenn er so intelligent und jenseits aller technischen Schwierigkeiten realisiert wird. Wobei deutlich wird, auf welch intelligente Weise Stockhausen das Formproblem einer größeren Kompositionen, die der Reihentechnik noch verpflichtet sind, innermusikalisch löst.

Die Aufnahmetechnik ist exzellent und bietet eine hervorragende akustische Abbildung des Instrumentes und der stellenweise extremen Dynamik. Keine Spur von übertrieben wirkender Überrepräsentanz und übertrieben wirkender, halliger Raumwirkung. Hier wirkte ein Tonmeister, der in der Tat sein Handwerk versteht. Der beigefügte Text von Wolfgang Rathert ist sehr kenntnisreich und zu empfehlen.



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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Stockhausen, Karlheinz: Klavierstücke I-XI: Sabine Liebner, Klavier

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
2
20.07.2018
Medium:
EAN:

CD
4010228734126


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Stockhausen, Karlheinz


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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