> > > Bach, Johann Sebastian: Hohe Messe h-moll: Collegium Vocale Leipzig, Merseburger Hofmusik, Michael Schönheit
Samstag, 18. August 2018

Bach, Johann Sebastian: Hohe Messe h-moll - Collegium Vocale Leipzig, Merseburger Hofmusik, Michael Schönheit

Lebendige Musikpflege


Label/Verlag: Querstand
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine runde und hochwertige h-Moll-Messe und ein lebendiges Abbild der engagierten und fruchtbaren Arbeit Michael Schönheits in Merseburg.

Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe BWV 232 ist in vielerlei Hinsicht ein Gipfelwerk des Komponisten. Als Opus summum wird es nicht umsonst bezeichnet, bildet es doch in seiner stilistischen Vielfalt, seinen anspruchsvollen Aufgaben im instrumentalen wie im vokalen Bereich, mit seiner absichtsvoll arrangierten Satzkonstellation, die über das Parodieverfahren etliche Schmuckstücke älteren Datums einbezieht, alles, was man sich von repräsentativer spätbarocker Musik erhoffen kann. Die Messe ist damit auch ein ideales Vehikel für Ensembles, die sich fordern oder ihre Schaffenskraft bestätigen wollen. Und offenbar auch dafür, sich zu besonderen Jubiläen zu beschenken. So haben es die 1998 gegründete Merseburger Hofmusik und das 1993 gegründete Collegium Vocale Leipzig getan, die sich zu ihrem 20. beziehungsweise 25. Gründungsjubiläum eine h-Moll-Messe ‚gegönnt‘ haben. Gemeinsam mit ihrem Leiter Michael Schönheit dokumentieren die Ensembles damit eine schöne Facette mitteldeutscher Musikpflege, die sehr weit über die überschaubare Zahl der besonders bekannten Spezialformationen hinausreicht – und die, so kann man nach dem Hören der beim Label Querstand erschienenen Doppel-CD anmerken, überaus lebendig ist.

Lebendig

Die Merseburger Hofmusik präsentiert sich farbenreich im Zusammenspiel, die hohen Streicher in geschlossenen Registern; hinzu treten wunderbare Soli, etwa das Horn von Stephan Katte, die Flöten von Mathias Kiesling und Ulrike Wolf oder die Trompetengruppe um Hans-Martin Rux: Immer werden diese Kleinkonstellationen zu prägnanter Geste ausgeformt, gelingt es, jene zeichnenden Farben zu entwickeln, die Bach für die Varianz seiner Sätze vorsah. Alle Instrumentalisten artikulieren knapp und dezidiert, auch, um der durchaus heiklen Größe des Raums entgegenzuwirken. Das vollzieht sich maßgeblich im Basso continuo, der um größtmögliche Klarheit bemüht ist; der Laute wächst immer wieder die wichtige Aufgabe zu, den Klang zu gliedern und zu formen. Hier sei ein Gedanke zum Klangbild der im Merseburger Dom entstandenen Aufnahme eingeflochten, das stimmungsvoll und groß ist, dabei erstaunlich präzis. Gelegentlich muss es aber doch – trotz aller schon erwähnten Anstrengungen des Orchesters – Tribut an den Raum zollen, in Form etwas dicht wirkender Stimmen ähnlicher Lage.

Das Vollegium Vocale Leipzig singt mit jeweils fünf Stimmen im ersten und zweiten Sopran und je vier Stimmen in Alt, Tenor und Bass: also keine minimale Besetzung, aber doch kammerchorisch konzentriert. Das Ensemble entfaltet eine ansprechende, schlanke Kraft voller blitzender Energie. Fugenköpfe werden entschieden herausgemeißelt, gelegentlich beinahe schon überartikuliert. Jedenfalls trägt diese artikulationsstarke und in der Diktion natürliche Haltung dazu bei, dass die Stimmen gerade in dichterem Gefüge luzide und nachvollziehbar bleiben.

Harmonische Vokalbesetzung

‚Harmonisch‘ ist das Stichwort mit Blick auf die vokalsolistische Besetzung: Ersten Sopran singt Gerlinde Sämann, den zweiten Britta Schwarz, Alt singt Henriette Gödde, Tenor Falk Hoffmann und Bass Andreas Scheibner. Alle sind erfahren im Barockfach, manche seit Jahrzehnten auf den Podien, durchaus mit sehr verschiedenen Prägungen und ästhetischen Hintergründen. Und sie singen sämtlich beredt und lebendig, dabei lyrisch ambitioniert. Das klingende Ergebnis ist durchaus nicht keusch oder magersüchtig in der Grundcharakteristik: Andreas Scheibner etwa gibt besonders viel Linie in seinen Vortrag, auch Henriette Gödde singt ihr Agnus Dei nicht schmal. Doch finden sich alle fünf zu einem homogenen Ensemble zusammen, wenn es an die Deutung der schlichteren Chorsätze geht, wie zum Beispiel im Qui tollis oder im Doppel aus Et incarnatus est und Crucifixus. Das steigert die Wirkung und macht frische Kontraste möglich, wenn der volle Chor nach letzterem Satz mit entschieden energischer Geste ins Et resurrexit startet. Michael Schönheit setzt das Grundtempo eher frisch, das macht das einleitende Kyrie klar; diesem Grundpuls folgt er dann auch insgesamt: Nichts steht, alles ist in Bewegung. Dynamisch wird, wie schon angedeutet, ein an Differenzen reiches Tableau geformt, das bis zur wahrhaft üppigen Fülle des Sanctus reicht.

Also: Eine runde, eine hochwertige h-Moll-Messe und ein lebendiges Abbild der ganz offenkundig engagierten und fruchtbaren Arbeit Michael Schönheits in Merseburg. In der Summe deutlich mehr als ein Fanartikel.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Bach, Johann Sebastian: Hohe Messe h-moll: Collegium Vocale Leipzig, Merseburger Hofmusik, Michael Schönheit

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Querstand
2
30.05.2018
EAN:

4025796018080


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Bach, Johann Sebastian


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Querstand

Mit viel Liebe zum Detail bringt das querstand-Label dem interessierten Hörer die Vielfalt und Schönheit der klassischen Musik auf wenig ausgetretenen Pfaden näher. Das Label hat sich seit 1994 durch die Produktion hochwertiger klassischer CDs einen ausgezeichneten Ruf erworben. Über 500 Produktionen werden weltweit vertrieben, wobei ein Augenmerk auf Orgelmusik liegt. Die Gesamteinspielung der Orgelwerke von Johann Ludwig Krebs (bisher 11 CDs) und des Kantaten- und Orchesterwerkes des berühmten Bachschülers bilden ein Glanzlicht des Labels, dem mit der Serie ?Die Orgeln von Gottfried Silbermann? (8 CDs) ein weiteres zur Seite gestellt wurde (Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2003). Auch im kammermusikalischen und sinfonischen Bereich wurden zahlreiche CDs veröffentlicht, etwa mit dem Gewandhausorchester Leipzig. Mit der Aufnahme des Passionsoratoriums ?Der Tod Jesu? von Carl Heinrich Graun mit dem MDR Rundfunkchor und dem MDR Sinfonieorchester unter Howard Arman gewann das Label 2005 einen ECHO Klassik-Award. Im Jahre 2013 erhielt die 9-CD-Box mit allen Sinfonien Anton Bruckners, eingespielt von Herbert Blomstedt mit dem Gewandhausorchester Leipzig, den ICMA (International Classical Music Award). Mit Verlagssitz im Thüringischen Altenburg kann querstand von der einzigartigen Vielfalt der mitteldeutschen Musiklandschaft profitieren, die sich auch im Verlagsprogramm niederschlägt. Neben den vielseitigen Einflüssen der fantastischen Orgellandschaft der Region, ist es auch die Nähe zur Musikstadt Leipzig mit ihrer wunderbaren Tradition und facettenreichen Szene, auf die das Label besonderes Augenmerk richtet.


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