> > > Reimann, Aribert: L'Invisible: Orchester der Deutschen Oper Berlin, Donald Runnicles
Mittwoch, 14. November 2018

Reimann, Aribert: L'Invisible - Orchester der Deutschen Oper Berlin, Donald Runnicles

Lyrische Todes-Trilogie


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Aribert Reimanns neunte Oper 'L’Invisible' überzeugt auch als reines Tondokument wegen ihres starken Textes, ihrer magischen Musik und der guten Präsentation dieser Veröffentlichung.

Aribert Reimanns neunte Oper 'L‘Invisible' basiert auf drei Kurzdramen von Maurice Maeterlinck, die allesamt um das Thema Tod kreisen. Kunstvoll hat Reimann die drei Texte miteinander kombiniert, die handelnden Figuren durch Besetzungsvorgaben zu verbindenden Elementen werden lassen. Die Atmosphäre ist düster und geheimnisvoll – der titelgebende Unsichtbare muss erspürt und in der Klangsprache Reimanns erhört werden. Die vorliegende Livemontage der Uraufführungsserie vom Oktober 2017 an der Deutschen Oper Berlin, die nun beim Label Oehms auf zwei CDs herausgekommen ist, liefert ein eindrückliches Tondokument dieses intensiven und fast schon fiebrigen Opernabends.

Es beginnt mit der Momentaufnahme einer wartenden Familie: 'L‘Intruse'. Im Nebenzimmer liegt eine junge Mutter im Sterben, ihr Neugeborenes liegt seit der Geburt stumm im gegenüberliegenden Zimmer. Das Erdrückende, Zermürbende, Unausgesprochene dieser Szenerie fasst der Komponist mit einem reinen Streichersatz in Musik. Da schlagen Bögen aufs Holz, da kratzen Klänge am Nervenkostüm – aber niemals hysterisch oder nervös, sondern mit einer kraftvollen Zartheit und brutaler Schwüle. Donald Runnicles bringt am Pult des Orchesters der Deutschen Oper Berlin die Partitur zum Leuchten, offenbart ihr kunstvolles Gewebe mit traumwandlerischer Sicherheit. Die dabei durchblitzende Schönheit der Musik jagt einem sekündlich Schauer über den Rücken. Als das Neugeborene seinen ersten Schrei tut, stirbt die Mutter. Und im Orchester bricht sich ein schmerzhafter ‚Todesakkord‘ Bahn, der auch das Geschehen der übrigen Szenen begleiten wird.

Beklemmung und Sprachlosigkeit

Der zweite Teil erzählt von zwei Männern, die einer Familie die Nachricht vom Selbstmord einer Tochter überbringen müssen. Und im letzten und längsten Teil, wird ein junger Thronfolger – ein Kind – zum Opfer der mordenden Königin, seiner Großmutter. Auch sie bleibt als Todbringende unsichtbar. Erst in diesem dritten Teil von 'L‘Invisible', dem 'Mort de Tintagiles', lässt Reimann das gesamte Orchester erklingen, nachdem im zweiten Teil des Abends nur die Holzbläser als dunkel verwobener Teppich den Selbstmord des Mädchens erfahrbar machen. All diese Kunstgriffe trennen die drei Kurzdramen effektvoll, verbinden sie aber auch, indem sich alles auf den Schluss hin steigert und dort große Beklemmung und Sprachlosigkeit hinterlässt. Als weiteres verbindendes Element hat Reimann vokale Zwischenspiele komponiert, die von drei Countertenören intoniert werden. Madrigalhaft künden die drei vom Tod und entpuppen sich in 'La Mort de Tintagiles' sogar als tatkräftige Handlanger der bösen Königin.

Kongeniale Sängerriege

Die Sängerriege bewegt sich kongenial in Reimanns dichter und fesselnder Klangsprache. Allen voran überzeugt Rachel Harnisch als Ursula, Marie und Ygraine mit ihrem aufblühenden, lyrischen Sopran und der klaren Artikulation. In allen drei Episoden behält sie die Oberhand, setzt vokale Glanzlichter und entwickelt berührende Rollenporträts in größter Intimität. Wunderbar agiert auch Thomas Blondelle zunächst als Onkel und schließlich als ungemein schönstimmiger Fremder, der das tote Mädchen aus dem Wasser gefischt hat. Auch Stephen Bronk überzeugt mit kernigem Bassbariton als Großvater, dann als Alter, der die Todesnachricht überbringen wird, und final als Aglovale. Die drei Countertenöre sind mit Tim Severloh, Matthew Shaw und Martin Wölfel klangvoll und flexibel besetzt. Auch Annika Schlicht nimmt als Marthe und Bellangère mit ihrem dramatischen Mezzosopran, der frei von jeder Schärfe ist, für sich ein und Ronnita Miller ist mit ihrem kurzen Auftritt als Dienerin ein wirklicher Hinhörer. Seth Carico als Vater und der junge Salvador Macedo als Tintagiles komplettieren das hervorragende Uraufführungsensemble.

Dass 'L‘Invisible' als CD-Mitschnitt gut funktioniert, liegt zum einen an der magischen Musik Aribert Reimanns, aber auch an der guten Aufbereitung dieser Veröffentlichung. So bietet das Beiheft nicht nur den kompletten Text in französischer und deutscher Sprache, sondern neben Künstlerbiografien auch einen umfangreichen und informativen Begleittext zur Entstehung des Werks und seiner musikalischen wie dramaturgischen Struktur. So macht Oper-Erleben Freude. Und wenn man die starken Aufführungsfotos im Beiheft sieht, kommt schnell der Wunsch nach einer DVD-Veröffentlichung auf. Das wäre was!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Reimann, Aribert: L'Invisible: Orchester der Deutschen Oper Berlin, Donald Runnicles

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
2
08.06.2018
EAN:

4260034869738


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Reimann, Aribert


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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