> > > Scharwenka, Philipp: Klaviertrios, Streichquartette, Klavierquintette +: Trio Parnassus, Mannheimer Streichquartett, Thomas Duis
Samstag, 18. August 2018

Scharwenka, Philipp: Klaviertrios, Streichquartette, Klavierquintette + - Trio Parnassus, Mannheimer Streichquartett, Thomas Duis

Erweckt aus langem Dornröschenschlaf


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wer die vorliegenden Kammermusik-Aufnahmen mit Musik von Philipp Scharwenka noch nicht besitzt, dem kann diese Wieder-Veröffentlichung ans Herz gelegt werden.

Zu Kaisers Zeiten war er ein hoch geachteter Komponist, heute ist er fast völlig in Vergessenheit geraten: Philipp Scharwenka, 1847 im (damals deutschen) Posen geboren und 1917 in Bad Nauheim verstorben. Von den über 120 Werken, die er hinterließ, schlummern die meisten seit Jahrzehnten in einem Dornröschenschlaf. Vor allem einer kleinen, engagierten Zahl von Musikern ist es zu verdanken, dass hin und wieder ein Stück Scharwenkas erklingt – bei Sterling sind zwei CDs mit Orchesterwerken erschienen, und die Violinsonate op. 110 liegt sogar in zwei Aufnahmen vor. Es ist vor allem seine Kammermusik, für die der Tondichter seinerzeit geschätzt wurde. Das Label MDG hatte bereits in den Jahren 1993 bis 1999 – damals eine echte Pionierleistung – sechs Kompositionen Scharwenkas veröffentlicht, die nun auf dieser Doppel-CD wieder aufgelegt wurden. Interpretiert werden die Werke vom Trio Parnassus (Wolf-Dieter Streicher, Violine; Michael Groß, Violoncello; Chia Chou, Klavier) und dem Mannheimer Streichquartett (Andreas Krecher und Claudia Hohorst, Violinen; Niklas Schwarz, Viola; Armin Fromm, Violoncello). Im Klavierquintett op. 118 kommt noch der Pianist Thomas Duis hinzu.

Weder formal noch tonsprachlich war Scharwenka ein Revolutionär. Beide Klaviertrios (opera 100 und 112) orientieren sich an der späten Romantik eines Johannes Brahms, zeigen aber in vielen Details auch eigenwillige Strukturen. So verzichtet der Komponist auf einen spektakulären, lauten und schnellen Schluss der Finalsätze; diese verklingen jeweils sanft und verhalten. Von dieser Gemeinsamkeit abgesehen, handelt es sich aber um Werke verschiedener Stimmungen.

Lichtdurchflutetes Trio

Das G-Dur-Trio op. 112 wirkt lichtdurchflutet, stellenweise fast heiter – in jedem Fall ist es ein für die Interpreten dankbares Stück. Streicher, Groß und Chou musizieren in flotten Tempi und mit bestechender Präzision im Zusammenspiel, besonders gelungen ist der Andante-Tranquillo-Mittelsatz mit seinen herrlichen Streicher-Kantilenen. Deutlich düsterer und melancholischer hat Scharwenka das cis-Moll-Trio konzipiert, mit der (für einen Kopfsatz eher unüblichen) Vortragsbezeichnung 'Lento tranquillo'. Auch hier brillieren die Musiker des Trio Parnassus mit hochpräzisem Zusammenspiel, wobei Pianist Chou besonders zu loben ist: Nie besteht Gefahr, dass er einen der beiden Kollegen zudeckt, dennoch versteht er es, sich auch hier und da angemessen zu profilieren.

Gegenüber den beiden erstklassigen Trios, die definitiv einen Platz im Repertoire verdient hätten, fällt die Cellosonate op. 116 ein wenig ab. Deutlich knapper und kompakter als die übrigen Werke, ist sie ganz auf das Streichinstrument zugeschnitten und degradiert den Pianisten meistens zum reinen Begleiter. Groß und Chou gehen das Werk engagiert und leidenschaftlich an, die Klangbalance ist hier (wie schon in den Trios) exzellent, der Funke will dennoch nicht so recht überspringen. Der Finalsatz (Allegro con spirito) wirkt sogar streckenweise etwas banal. Allerdings ist dies der einzige Ausreißer der sonst exzellenten Werkschau, auch mit Blick auf die sämtlich erstrangigen Werke auf der zweiten CD.

Handwerklich souveräner Tondichter

Sowohl die Streichquartette opera 117 und 120 als auch das Klavierquintett op. 118 zeigen Scharwenka als höchst inspirierten und handwerklich souveränen Tondichter, der bei Wahrung der traditionellen Form individuelles Profil einfließen ließ. So etwa im Finale von op. 120, betitelt als 'Pastorale. Die Kohlhasenbrücker Fuge', in dem der gelehrte Kontrapunkt ein wenig parodiert wird. Das Mannheimer Streichquartett ist mit Verve bei der Sache und interpretiert beide Quartette mit voller Hingabe an die resignativ-düstere Grundstimmung, die hier und da ein wenig an die Klavierkonzerte von Scharwenkas berühmterem Bruder Franz Xaver erinnert. Eine Spur gelungener wirkt dabei das D-Dur-Quartett op. 120, besonders der langsame Satz 'Andante tranquillo e mesto' erreicht fast schon die Abgeklärtheit eines Beethoven. Auch die klangliche Balance der vier Streicher ist zu loben, ein Verdienst sowohl der Klangtechnik als auch des sensiblen Miteinanders, in dem auch die Bratsche das eine oder andere Mal zur Geltung kommen darf.

Noch düsterer, fast schon nachtschwarz wirkt das Klavierquintett, dessen leidenschaftliche Aufwallungen zu Beginn des Kopfsatzes neben Brahms auch Schumann als Vorbild nahelegen. Duis integriert sich in dieser Interpretation beinahe perfekt in das Mannheimer Ensemble und sorgt so für eine Einspielung, die keine Wünsche offen lässt. Erneut ist es – ohne die anderen Abschnitte schmälern zu wollen – vor allem der langsame Satz, der in seiner melodischen Qualität besonders herausragt. Die Vortragsbezeichnung 'Adagio con intimo sentimento' darf wohl als Hommage an Franz Liszts 'Petrarca-Sonnett' Nr. 47 gedeutet werden.

Diese Doppel-CD ist demnach nicht nur für Freunde selten gespielten Repertoires, sondern für jeden an hervorragender Kammermusik interessierten Hörer empfehlenswert. Dass Scharwenka bald nach seinem Tod in Vergessenheit geriet, liegt wohl vor allem an den Interessen des Publikums – der alles in allem doch eher konservative Tonfall seiner Werke war im mittleren und späteren 20. Jahrhundert kaum mehr gefragt. An der Qualität der Stücke gibt es jedenfalls, vielleicht mit Ausnahme der Cellosonate, nichts zu rütteln, ebenso wenig an der Qualität der hier zu hörenden Interpretationen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Scharwenka, Philipp: Klaviertrios, Streichquartette, Klavierquintette +: Trio Parnassus, Mannheimer Streichquartett, Thomas Duis

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
2
15.06.2018
EAN:

760623207728


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Scharwenka, Philipp


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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