> > > Mozart, Wolfgang Amadeus: La clemenza di Tito: The Glyndebourne Chorus, Orchestra of the Age of Enlightenment, Robin Ticciati
Donnerstag, 2. April 2020

Mozart, Wolfgang Amadeus: La clemenza di Tito - The Glyndebourne Chorus, Orchestra of the Age of Enlightenment, Robin Ticciati

Großartige Produktion


Label/Verlag: Opus Arte
Detailinformationen zum besprochenen Titel


2017 inszenierte Claus Guth Mozarts letzte Oper in Glyndebourne als packenden Politthriller mit einem Ensemble, das sich darauf versteht, Mozart in großes emotionales Gefühlskino zu verwandeln.

Längst hat sich die Methode etabliert, auf der Opernbühne mit Videoinstallationen äußert realistisch zu zeigen, was im Subtext stecken kann. Claus Guth nutzt das Medium, um mit der Ouvertüre den Blick auf eine Männerfreundschaft zu fokussieren, die im Zentrum der Macht nicht existieren kann. Zwei Jungs spielen im Schilf am Rand eines Sees. Wer die Festspiele in Glyndebourne schon einmal besucht hat, glaubt auf diesem Video den Seerosenteich zu erkennen. Auf der Opernbühne inmitten schilfartiger Grasbüschel sitzen Tito und Sesto, nahezu reglos, einen Ast in der Hand, halb Drohgebärde, halb Entschlusslosigkeit, während im Hintergrund ein Video mit ihren jugendlichen Abbildern weiterläuft. Die Jungs tollen herum, durchstreifen die Landschaft, zielen mit der Schleuder auf eine Flasche, dann auf eine Elster. Der Schrecken, der dem Kind Sesto im Gesicht steht, als die getroffene Elster tot am Boden liegt, drückt Gedankenlosigkeit aus. Tito, der Zarte, wirkt gepeinigt, sucht zu verstehen, zu verzeihen.

In Arien gegossene Gefühle

Mit diesen Eindrücken endet die Ouvertüre von Mozarts Seria-Oper 'La clemenza di Tito' in einer Neuproduktion 2017 für die Opern-Festspiele in Glyndebourne. Was folgt, ist eine spannend erzählte Geschichte über Liebesschwur, Intrige und Verrat im alten Rom, auf der Grundlage eines Librettos von Pietro Metastasio. Mozart erzählte mit in Arien gegossenen Gefühlen vom Ideal des Herrschers. Tito zahlt einen hohen Preis. 20 Jahre lang hatte das Publikum auf eine neue Inszenierung gewartet. 2017 begeisterte Claus Guth mit einem packenden Politthriller.

Das Zentrum der politischen Macht liegt nicht in Rom, sondern im gegenwärtigen Irgendwo. Christian Schmidt baute einen funktionalen Raum, kantig, dunkel, nüchtern, kalt und stellte ihn auf Stelzen. Darunter breitet sich eine hügelige Schilfgras-Landschaft aus. Hier in dieser wilden Natur gedeihen die großen Emotionen, die zu Intrige und Verrat, aber auch zu Liebesschwur und Treue führen. Vitellia, die zunächst verschmähte Kaisertochter, nutzt die Liebe Sestos und stiftet ihn zum Kaisermord an. Servilia und Annio schwören sich hier im Verborgenen ewige Liebe, Sesto hadert mit seinem Schicksal. Vitellia outet sich schließlich tränenreich und reumütig als Anstifterin allen Übels. Am Ende steigt Tito selbst herab, um inmitten dieses Gestrüpps aller Gewalt abzuschwören und nur noch Vergebung zu üben. Während er seinen Mantel abstreift, huldigt die Menge im Zentrum der Macht auf dem Hausplateau Publio, der seinen Straßenanzug mit der Uniform getauscht hat. Das Militär hat das Ruder übernommen.

Die kluge Kameraführung beim Live-Mitschnitt am 3. August 2017, veröffentlicht auf DVD bei Opus Arte, zeigt packende Sänger-Schauspiel-Leistungen aus unmittelbarere Nähe. Richard Croft singt und spielt den innerlich zerrissenen Tito so lebendig, wie es nur sein kann. Geschickt unterstützt ihn Dirigent Robin Ticciati, indem er die Musik so führt, dass alles Mitatmen und Mitleiden natürlich wird. Immer wieder entstehen Pausen des Leidens, dienen Rezitative wie Arien einzig dazu, die Stimmungsschwankungen emotional stark und kleingliedrig auszudrücken. Richard Croft bietet Mozarts Musik in ihrer reinsten Übersetzung, er selbst die moderne Reinkarnation des Tito, großartig, bewunderungswürdig, eine Darstellung, die unvergessen bleibt.

Packende Intensität

Die weiteren Darsteller haben es daneben schwer, vor allem was ihre schauspielerische Leistung anbelangt. Immerhin über die Stimme lässt die Mezzosopranistin Anna Stéphany in der Partie des Sesto den Zuhörer erschauern. Musikalisch entfesselt auch sie Gefühle mit packender Intensität. Ob nun Schmerz, Verzweiflung oder höchste Liebesschwüre, immer singt sie makellos und warm timbriert. Alice Coote als Vitellia begeistert durch den enormen Ambitus ihrer Stimme. In der Höhe wie Tiefe verfügt sie über eine Kraft und eine phänomenale stimmliche Ausstrahlung. Auch die weiteren Sängerinne und Sänger, Joélle Harveys als Servilia, Michéle Losier als Annio und Clive Bayley als Publius, waren gut gewählt.

Robin Ticciati am Pult sorgte nicht nur für die Luft beim Atmen, sondern erwies sich als idealer Regisseur der Mozartpartitur. Den Glyndebourne Chorus und das Orchestra of the Age of Enlightenment leitete er zu einem unglaublich dichten, ausdrucksstarken und dennoch leichten Musizieren an. So schön und fesselnd kann Mozarts letztes Opernwerk sein.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mozart, Wolfgang Amadeus: La clemenza di Tito: The Glyndebourne Chorus, Orchestra of the Age of Enlightenment, Robin Ticciati

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Opus Arte
1
15.06.2018
Medium:
EAN:

DVD
809478012559


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Mozart, Wolfgang Amadeus


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Opus Arte

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