> > > Shostakowitsch, Dmitri: Sinfonien Nr. 4, Nr. 10: Russian National Orchestra, Mikhail Pletnev
Mittwoch, 19. September 2018

Shostakowitsch, Dmitri: Sinfonien Nr. 4, Nr. 10 - Russian National Orchestra, Mikhail Pletnev

Eigenwillig


Label/Verlag: Pentatone Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Russian National Orchestra präsentiert eine gelungene Einspielung der Vierten und Zehnten Sinfonie Schostakowitschs, die von hohem musikalischen Niveau und einer enormen Bandbreite im Ausdruck zeugt und interpretatorisch Mut zu neuen Wegen beweist.

Wenn die Interpretation eines musikalischen Werkes nicht auf den ersten Höreindruck überzeugen will oder zunächst ein gewisses Befremden auslöst, muss dies nicht zwangsläufig ein schlechtes Urteil zur Folge haben. Gerade bei Werken, die man schon oft und von verschiedenen Künstlern gehört hat, ergibt sich schnell eine bestimmte Erwartungshaltung, die eine neue Aufnahme erfüllt oder eben nicht erfüllt. So ist man als aufgeschlossener und interessierter Hörer dazu aufgerufen, seine persönliche Klangvorstellung in den Hintergrund zu verbannen, um die neue Interpretation unvoreingenommen, d.h. mit im wahrsten Sinne des Wortes offenen Ohren zu hören – was verständlicherweise nicht immer leicht fällt.

Mut zu neuen Wegen

Die Musiker des Russian National Orchestras wagen sich unter der Leitung von Mikhail Pletnev in dieser Hinsicht in die Höhle des Löwen, denn sowohl die Sinfonik Schostakowitschs im Allgemeinen als auch die 4. und die 10. Sinfonie im Besonderen zählen nicht gerade zu den Werken, die nur vereinzelt aufgeführt und auf CD veröffentlicht werden. Der Dirigent hat in einem solchen Fall die Möglichkeit, es bewährten Vorgänger-Interpretationen gleichzutun und damit Wohlwollen zu ernten oder einen vollkommen anderen Weg zu beschreiten, der möglicherweise Unverständnis auslöst, dem Hörer aber eventuell länger im Gedächtnis haften bleibt. Mit der Einspielung der Vierten und Zehnten Sinfonie Schostakowitschs gelingt es den Interpreten, sowohl Staunen und Bewunderung angesichts einer künstlerisch herausragenden Leistung im Hörer hervorzurufen als auch Verständnislosigkeit hinsichtlich mancher interpretatorischer Details auszulösen.

Zu Anfang der Sinfonie Nr. 4 kann man sich als erfahrener Schostakowitsch-Hörer einer gewissen Enttäuschung nicht verwehren, denn Pletnev beginnt das Werk im Vergleich zu anderen Einspielungen in äußerst langsamem Tempo, wodurch die für Schostakowitsch charakteristische Schärfe und die durch abrupte Akzente hervorgerufene Schroffheit an manchen Stellen verloren gehen. Beim ersten Hören wirkt die Musik daher etwas blutleer und leidenschaftslos. Dieser Eindruck ändert sich jedoch, sobald der Kopfsatz die Presto-Passage erreicht, die ihrem Namen in dieser Einspielung alle Ehre macht. Es scheint, als würden die Musiker hier erst zur vollen musikalischen Form auflaufen und sich regelrecht in Rage spielen, was durch den Gegensatz zum eher gemessenen Tempo am Anfang noch beeindruckender wirkt und einen willkommenen Überraschungseffekt zur Folge hat. Bereits beim zweiten Hören ergibt dann auch das zunächst fragwürdige Eingangstempo mehr Sinn, zumal die Musik zwar gesetzter, aber nicht weniger bedrohlich wirkt. Stattdessen ist man als Hörer dazu eingeladen, auf bestimmte Passagen besonders zu achten, die ansonsten durch ein zu rasantes Tempo zu schnell an ihm vorbeischwirren. Diese zusätzliche Zeit zum Hinhören entpuppt sich als äußerst lohnend, denn die Musiker überzeugen vom ersten bis zum letzten Ton durch technische Brillanz, ausbalanciertes Ensemblespiel (besonders in den kammermusikalisch geprägten Passagen) und klangliche Schönheit bei den Solostellen.

Musikalischer Höhepunkt

So befremdlich die Vierte Sinfonie in dieser Aufnahme zunächst sein mag, so überzeugend präsentiert sich die Zehnte Sinfonie. Generell spricht es für eine inhaltlich durchdachte Maßnahme, ausgerechnet diese beiden Werke zusammenzufassen, zumal sie den sinfonischen Rahmen der Stalin-Ära kennzeichnen, die für Schostakowitsch so tiefgreifende Auswirkungen hatte. Die Sinfonie Nr. 4 entstand zur Zeit des berüchtigten Prawda-Artikels, in dem seine erste Oper von Stalin persönlich verrissen und er selbst als Volksfeind denunziert wurde, die Zehnte Sinfonie schrieb der Komponist kurz nach Stalins Tod. Sämtliche Emotionen, die das Terror-Regime Stalins in Schostakowitsch ausgelöst hat – Angst, Ohnmacht, Wut, Verzweiflung, Resignation, Kampfgeist – schlagen sich in der Musik nieder und werden in dieser Einspielung hörbar zur Geltung gebracht. Besonders der zweite Satz, der als sogenanntes Stalin-Scherzo vielen Deutungen zufolge ein musikalisches Portrait des Diktators zeichnet, könnte mit künstlerischen Mitteln kaum besser dargestellt werden. Hier zieht Mikhail Pletnev im wahrsten Sinne des Wortes alle Register. Der Satz beginnt mit schonungslosen Orchesterschlägen und steigert sich binnen kürzester Zeit zur ausgeprägten Raserei, die vor den Augen des Zuhörers ein Bild des Wahnsinns heraufbeschwört.

Ingesamt liegt mit der beim Label Pentatone erschienenen Aufnahme der beiden Schostakowitsch-Sinfonien ein zweifellos wertvoller Beitrag zur Sinfonik des Komponisten vor. Die Interpretation, die zwar in mancher Hinsicht Fragen aufwirft und vielleicht nicht jedem gefallen restlos wird, könnte gerade deswegen dafür sorgen, dass die Musik Schostakowitschs stets lebendig bleibt und interpretatorisch immer wieder neu entdeckt und diskutiert werden kann.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Shostakowitsch, Dmitri: Sinfonien Nr. 4, Nr. 10: Russian National Orchestra, Mikhail Pletnev

Label:
Anzahl Medien:
Pentatone Classics
1
EAN:

827949064760


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Schostakowitsch, Dimitri


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Pentatone Classics

PentaTone wurde im Jahr 2001 von drei ehemaligen Leitenden Angestellten der Philips Classics zusammen mit Polyhymnia International (dem ehemaligen Philips Classics-Aufnahmezentrum) ins Leben gerufen.
Die Gründer von PentaTone sind überzeugt, dass der 5-Kanal Surround-Sound allmählich den heute noch gängigen Stereo-Sound ersetzen wird, vor allem weil er die Hörerfahrung immens bereichert. Die Einführung der Super Audio-CD (SA-CD) durch Sony und Philips hat es dem Hörer ermöglicht, sich den Konzertsaal direkt ins eigene Wohnzimmer zu holen. Die SA-CD hat im Vergleich zur CD eine weitaus höhere Speicherkapazität und sie kann 5-Kanal-Informationen in hoher Auflösung aufnehmen. Deshalb bietet die SA-CD einen hochwertigen Surround Sound.
Alle PentaTone-Aufnahmen erscheinen auf sog. hybriden SA-CDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal abliegt. Diese hybriden Tonträger können mit Stereo-Effekt auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SA-CD-Spieler.
PentaTone baut seit einigen Jahren mit den hervorragenden Aufnahmen von Polyhymnia International einen neuen Klassikkatalog auf, der die berühmtesten Werke der Musikgeschichte enthält, interpretiert von absoluten Weltklasseinterpreten. So wurden Symphonie-Zyklen von Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch und Schumann begonnen. Ein Brahms-Zyklus mit Marek Janowski am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra ist bereits erschienen. Sämtliche Werke für Violine und Orchester von Mozart wurden mit Julia Fischer aufgenommen, dem "Gramophone Artist of the Year 2007". In seiner kurzen Geschichte hat PentaTone bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter einen Grammy, einen Gramophone Award, einen Preis der deutschen Schallplattenkritik, zwei Echos, zwei Diapason d'Ors de l'année und einen CHOC de l'année.
Neben den Neuaufnahmen veröffentlicht PentaTone auch historische Surround Sound-Aufnahmen auf SA-CD. Dafür hat PentaTone sämtliche, zwischen 1970 und 1980 von Philips Classics im Quadrophonie-Verfahren entstandenen Aufnahmen für die Herausgabe auf SA-CD lizenziert. Auf diesen Einspielungen sind die legendären Philips Classics-Künstler jener Epoche zu hören. Mit dem heutigen SA-CD-System kommen diese spektakulären und hochwertigen 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie man es ursprünglich geplant hatte. Die Serie trägt den Titel "RQR" (Remastered Quadrophonic Recordings).


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