> > > Verleih uns Frieden - Musik zum Dreißigjährigen Krieg: Johann Rosenmüller Ensemble
Dienstag, 28. September 2021

Verleih uns Frieden - Musik zum Dreißigjährigen Krieg - Johann Rosenmüller Ensemble

Kriegsgedenken


Label/Verlag: Christophorus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine sehr ansprechende Präsentation überwiegend wenig bekannter Werke aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges durch das Johann Rosenmüller Ensemble.

Das Gedenken an den Dreißigjährigen Krieg ist aktuell in erstaunlich vieler Munde, sicher befeuert durch dickleibige Buchveröffentlichungen prominenter Autoren. Vielleicht verweist die aktuell von manchem als unübersichtlich und gefahrgeneigt empfundene Lage in Europa und der Welt aber auch darauf, dass Menschen anderer Zeiten schon einschlägige Erfahrungen machen mussten. Und darauf, dass die vergleichsweise harmlos-sichere Welt der Gegenwart kaum als einziger relevanter Erfahrungshorizont missverstanden werden sollte.

Dem Phänomen des Dreißigjährigen Krieges kann man sich auch auf dem Gebiet der Musik nähern. So wie es Arno Paduch und das Johann Rosenmüller Ensemble auf einer bei Christophorus erschienenen Platte tun. Und sie lassen dabei neben Heinrich Schütz auch viele unbekannte Stimmen zu Wort kommen, die die Vielfalt künstlerischen Schaffens auch unter den schwierigen Bedingungen der Kriegszeiten zumindest andeuten. Natürlich: Schütz und sein Schüler Matthias Weckmann ragen am deutlichsten heraus. So profunde Inspiration wie bei diesen beiden Komponisten lässt sich in einem gelegentlich allenfalls wacker wirkenden Umfeld nicht verleugnen. Doch sind weitere hörenswerte Stimmen zu verzeichnen. Zum Beispiel die von Christoph Harant von Polschitz und Weseritz, der mit einer schönen sechsstimmigen Motette vertreten ist. Auch die doppelchörige Motette des Breslauer Musikers Paul Schäffer zur Huldigung Johann Georgs von Sachsen ist hörenswert. Dazu die Trauermotette, die Andreas Düben auf den Tod seines schwedischen Königs Gustav Adolf geschrieben hat. Oder die herzergreifende Monodie des Eilenburger Organisten Johann Hildebrand, die unter dem wahrhaft sprechenden Titel 'Ach Gott! Wir haben's nicht gewusst, was Krieg für eine Plage ist' der Verzweiflung weiter Teile der deutschen Bevölkerung beredt Stimme gibt.

Vielfarbig

Der Zinkenist und Ensembleleiter Arno Paduch erläutert die gedanklichen Grundlagen des Programms gewohnt kundig. Und er schafft es auf wenigen Booklet-Seiten darüber hinaus, eine sehr kurze Geschichte zu den Ursachen des Dreißigjährigen Krieges zu liefern. Das ist für manchen vielleicht ein weiterer Reiz, die Platte zu kaufen: sich die oben angesprochenen Bücher, so anregend sie auch sein mögen, doch zu ersparen. Dazu kommt die Musik und das, was das Rosenmüller Ensemble daraus macht. Das Instrumentarium ist mit Streichern, je drei Zinken und Dulzianen, dazu Chitarrone und Orgel, reichhaltig besetzt. Und es entfaltet in ebendieser großen Besetzung ein ungemein farbiges Bild, ein weites Panorama der Möglichkeiten. Paduch registriert in den mehrchörigen Stücken Gruppen von individuellem Zuschnitt, so dass sich klar konturierte Klangformationen gegenüberstehen. In Weckmanns großartigem wie großem Konzert 'Wie liegt die Stadt so wüste' ist die ambitioniert-eigenständige Begleitung zugleich ein schönes Porträt des homogenen Streicher-Consorts.

Die vokale Hauptlast trägt eine Reihe von Akteuren, die illuster zu nennen keine Übertreibung ist: Im Sopran sind es Veronika Winter, Verena Gropper und Marie Luise Werneburg, im Alt Beat Duddeck und Johanna Krell, im Tenor Georg Poplutz und Nils Giebelhausen, im Bass Dirk Schmidt und Dominik Wörner. Sie werfen sich mit ihrem ganzen Vermögen in das reichlich gemischte Programm hinein, zeichnen klare Linien; die Bässe sind in dieser Hinsicht besonders bemerkenswert. Dass die generell stabile und freie Intonation in manch schmaler Besetzung nicht in jeder Sekunde beglückt, wird durch zwei herausragende solistische Leistungen ausgeglichen: Georg Poplutz singt die schon angesprochene Hildebrand-Monodie als grandioser Erzähler so ergreifend und lebensnah, dass der Schmerz, der hier Ausdruck findet, über die Jahrhunderte spürbar wird. Und Veronika Winter und Dominik Wörner fügen der zumindest mit Blick auf dieses Werk gar nicht schmalen Weckmann-Diskografie eine sehr schöne, edel ausgearbeitete Version hinzu. Das Klangbild ist der Musik und den Besetzungen angemessen; es weist gelegentlich nicht genug Trennschärfe zwischen nah beieinander liegenden Stimmen auf, dazu ist die Balance hin und wieder nicht perfekt.

Eine sehr ansprechende Präsentation überwiegend wenig bekannter Werke aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges durch das Johann Rosenmüller Ensemble. Manches dürfte dem Publikum ganz neu sein. Dies zu Gehör zu bringen ist höchst verdienstvoll.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Verleih uns Frieden - Musik zum Dreißigjährigen Krieg: Johann Rosenmüller Ensemble

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Christophorus
1
04.05.2018
Medium:
EAN:

CD
4010072774248


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Düben, Andreas
Schütz, Heinrich
Weckmann, Matthias


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Christophorus

Christophorus ist das älteste deutsche Plattenlabel mit dem Schwerpunkt "Geistliche Musik". Es wurde 1935 gegründet, um religiöse Inhalte mittels Schallplatten und Bücher auch während des Nazi-Regimes zu verbreiten. Heute - mehr als 75 Jahre später - stehen spirituelle Themen weiterhin im Mittelpunkt des Labels, mit besonderem Interesse für unbekannte Werke und historische Interpretation. Gregorianische Gesänge, geistliche Vokalmusik, Musik der christlichen Kirchen und die Gesänge aus Taizé sind im Katalog ebenso vertreten wie Musik des Mittelalters und der Renaissance. Mit diesem Repertoire gilt Christophorus heute als eines der wichtigsten unabhängigen Labels auf dem internationalen Klassikmarkt.


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