> > > Sviridov, Georgy: Canticles and Prayers: Latvian Radio Choir, Sigvards Klava
Montag, 22. Oktober 2018

Sviridov, Georgy: Canticles and Prayers - Latvian Radio Choir, Sigvards Klava

Orthodoxe Moderne


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Georgy Sviridov erscheint hier als großer Transformator älterer Traditionen in die Gegenwart – und der Lettische Radiochor als kongenialer Anwalt dieser Musik.

Georgy Sviridov (1915–1998) ist eine durchaus vielschichtige Künstlerfigur, eingewoben in die Zeit: einerseits Schostakowitsch-Schüler, in seinem eigenen Werk andererseits beinahe vollkommen frei von der eruptiven Energie, von der im engeren Sinne modernen Seite seines Lehrers. Einerseits ein mit Preisen überhäufter, in der Sowjetzeit arrivierter Komponist – mit Lenin-Ode im Werkverzeichnis und auch sonst mit allem, was dazugehörte. Andererseits einer der zentralen Großmeister, der substanzielle Teile des alten orthodoxen Erbes aus der Zarenzeit bis ans Ende des 20. Jahrhunderts getragen hat. Letzteres sichert ihm eine beachtliche Präsenz in der Gegenwart. Die zu mehren wird auch die aktuelle Platte des Lettischen Radiochors beitragen, die beim finnischen Label Ondine erschienen ist.

Auf ihr sind die 'Gesänge und Gebete' versammelt, an denen Sviridov seit 1980 und bis zu seinem Tod 1998 arbeitete. Großflächige und teils auch großformatige unbegleitete Chorsätze, die ästhetisch durchglüht sind von traditioneller Art. Mit den typischen Charakteristika – teils extrem weite Lage, süffige Akkordik, ins Weite geführte Randstimmen, oft deklamatorischer Ton, abgewechselt mit einigem Pathos –, die hörbar schon Rachmaninow beflügelt hatten. Man könnte also auch sagen: Ästhetisch nichts Neues. Wäre da nicht das Moment des Zerbrechlichen, nicht selten auch Rauen, das Sviridov hinzufügt. Ansonsten bleibt die alte Ästhetik bemerkenswert intakt und in sich geschlossen. Die Musik ist aber deutlich inspiriert und beseelt. Vor allem spiegelt sie die Kraft des orthodoxen Glaubensbekenntnisses. Auch deshalb ist es bedauerlich, dass der Zyklus hier nicht komplett eingespielt wurde. Einer der fünf Teile wurde aus nicht näher benannten Gründen ausgelassen, dazu zwei einzelne Sätze eines weiteren Teils. Das mindert den Wert der Produktion mit Blick auf das Repertoire.

Großartiger Chor

Sviridovs Musik ist das perfekte Vehikel für den hochpotenten Lettischen Radiochor. Das Ensemble vollbringt unter der Leitung von Sigvards Kļava lyrische Wunder; es sind kraftstrotzende Gesten zu hören, gesungen von prall profilierten Registern. Die perfekte dynamische Kontrolle ermöglicht es den Vokalisten, von größter Emphase sicher geführt in die stillen Momente überzugehen. Vorherrschend ist, den hauptsächlichen Anforderungen der Musik entsprechend, die ganz große Linie: Ein so reich substantiiertes Legato wie bei den Letten wird man nicht von vielen Ensembles hören. Dazu in deutlichem Kontrast stehen Passagen gesteigerter Deklamation und damit zugleich Expression. Intoniert wird makellos, egal, ob in kraftbasierter Fülle oder in verhaltener Konzentration: Immer ist ein organischer, lebendiger Chorklang von edler Reinheit zu erleben. Man hört deutlich, dass sich der Chor in dieser üppigen, gelegentlich soghaft süffigen Musik wohlfühlt und perfekt zurechtfindet.

Das Klangbild ist groß und kontrolliert gleichermaßen, dabei präzis und überraschend strukturklar. Im Booklet wird Sviridov etwas einseitig – gelegentlich schleicht sich gar ein hagiografischer Zug ein – für die Sache der Orthodoxie in Anspruch genommen, jedenfalls nicht in der Gesamtheit seines künstlerischen Weges perspektiviert. Dass der Text vom Direktor des Sviridov-Instituts stammt, mag diesen Zugang erklären. Sicher: Hier ist kaum etwas ästhetisch herausragend Vorwärtsgewandtes zu hören. Beeindruckend inspirierte, ebenso ernsthafte wie ernstzunehmende Musik ist es in jedem Fall. Sviridov erscheint als großer Transformator älterer Traditionen in die Gegenwart. Und der Lettische Radiochor als kongenialer Anwalt dieser Musik.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Sviridov, Georgy: Canticles and Prayers: Latvian Radio Choir, Sigvards Klava

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
11.05.2018
EAN:

761195132227


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Sviridov, Georgy


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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