> > > Wagner, Richard: Tristan und Isolde (Bayreuth, 1958): Wolfgang Windgassen, Josef Greindl, Birgit Nilsson, Erik Saeden, Wolfgang Sawallisch
Donnerstag, 21. März 2019

Wagner, Richard: Tristan und Isolde (Bayreuth, 1958) - Wolfgang Windgassen, Josef Greindl, Birgit Nilsson, Erik Saeden, Wolfgang Sawallisch

Noch ein Nilsson-Windgassen-'Tristan'? Ja!


Label/Verlag: ORFEO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dieser 'Tristan' dokumentiert die junge Birgit Nilsson und den hörbar entflammten Wolfgang Windgassen in ihren Paraderollen – einige Jahre, bevor sie als Traumpaar dieses Werks in die Geschichte eingingen.

Eigentlich könnte man sich fragen, weshalb es noch einen 'Tristan' mit dem Traumpaar Birgit Nilsson und Wolfgang Windgassen auf CD geben muss. Die legendäre Böhm-Aufnahme von 1966 von den Bayreuther Festspielen ist bei der Deutschen Grammophon noch immer erhältlich und es gibt zahlreiche andere Livemitschnitte von Florenz bis Orange, London und die MET, die zumindest Nilssons Jahrhundert-Isolde und auch Windgassens Tristan hinreichend dokumentieren. Der vorliegende Mitschnitt aus dem Jahr 1958 von den Bayreuther Festspielen, der nun auf drei CDs beim Label Orfeo herausgekommen ist, ist aber dennoch etwas Besonderes, denn er macht einen Abend im Festspielhaus wieder lebendig, der einige der Mitwirkenden am Beginn ihrer internationalen Karriere mit diesen Partien zeigt.

Am Beginn der Karrieren

Dass beispielsweise Wolfgang Sawallisch ein großer Wagner-Dirigent war, ist aus heutiger Sicht keine Neuigkeit. Damals, im Sommer 1958, war es eine Überraschung. Im Jahr zuvor hatte Sawallisch den 'Tristan' neu einstudiert und galt als jüngster Dirigent auf dem Grünen Hügel. Was im Premierenjahr noch mit Skepsis goutiert wurde, löste dann im Juli 1958 Jubelstürme aus. Sawallisch lässt sich nämlich nicht von der suggestiven Kraft von Wagners Musik überrollen, sondern betont die Feinheiten, kristallisiert das Seelendrama in zartesten Lyrismen und scheinbar endlosen Phrasen. Das ist erfrischend unpathetisch und wirkt auch heute, sechzig Jahre später, ungemein modern – fast wie ein intimes Kammerspiel.

Birgit Nilsson ist als Isolde schlicht ein Wunder. Ein Jahr nach ihrer ersten Bayreuther Isolde hat sie die Partie schon so verinnerlicht, dass all die Hymnen, die in den 1960ern auf das Paar Windgassen-Nilsson gesungen werden, geradezu verspätet scheinen. Die Verve und Dramatik von Birgit Nilsson im ersten Akt verschlägt dem Hörer noch heute den Atem und es ist kaum zu glauben, dass diese riesenhafte, metallische Stimme im Liebesduett zu solchen Lyrismen und zarten Piani in der Lage ist – ganz zu schweigen vom überirdischen Liebestod, für den die Sängerin noch alle Reserven hat. Auch Wolfgang Windgassen zeigt sich von seiner jungen Kollegin inspiriert und singt den Tristan mit einer Leidenschaft, die beim Böhm-Mitschnitt von 1966 im Vergleich fast schon einer gewissen Routine gewichen ist. Hier im Sommer 1958 entfachen die beiden Protagonisten gegenseitig jenes Feuer, das diesen 'Tristan' absolut glaubwürdig macht.

Festspielreife Besetzung

Die übrige Besetzung ist ohne Frage festspielreif: Der König Marke von Josef Greindl hat das emotionale und stimmliche Format, einen wirklichen Gegenpol zum Liebepaar zu setzen, während Erik Saedén einen prachtvollen Kurwenal singt, dem es einzig ein wenig an Tiefe der Figurenzeichnung mangelt. Die Brangäne von Grace Hoffman beeindruckt durch ihr schönes Timbre, die mühelose Höhe und den warmen Strahl, der so effektvoll mit Nilssons Tönen kontrastiert. Fritz Uhl ist hier noch der Melot – drei Jahre später wird er Nilssons Tristan in der Studioaufnahme unter Georg Solti sein. Als Hirt wird in Bayreuth 1958 Hermannn Winkler aufgeboten und Josef Traxel übernimmt die kleine Partie des jungen Seemanns, während Egmont Koch als Steuermann zum Einsatz kommt.

Dieser Mitschnitt ist eine wirkliche Alternative zum berühmten Böhm-'Tristan', der acht Jahre später entstand. Und er ist runder, eingespielter als der Premierenmitschnitt von 1957, der einst beim Label Melodram erschienen ist. Zudem sind die hier verwendeten alten BR-Bänder klanglich hervorragend restauriert. Also noch ein Nilsson-Windgassen-'Tristan' im Regal? Mit Sawallisch und diesem jugendlich unverbrauchten Feuer – ja!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Wagner, Richard: Tristan und Isolde (Bayreuth, 1958): Wolfgang Windgassen, Josef Greindl, Birgit Nilsson, Erik Saeden, Wolfgang Sawallisch

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ORFEO
2
11.05.2018
EAN:

4011790951324


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Wagner, Richard


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ORFEO

Erschienen die ersten Aufnahmen des 1979 in München gegründeten Labels noch in Lizenz bei RCA und EMI, produziert und vertreibt ORFEO seit 1982 unter eigenem Namen. Durch konsequente Repertoire- und Künstlerpolitik konnte sich das Label seit seinem aufsehenerregenden Auftritt am Anfang der Digital-Ära dauerhafte Präsenz auf dem Markt verschaffen. Nicht nur bekannte Werke, sondern auch weniger gängige Musikliteratur und interessante Raritäten - davon viele in Ersteinspielungen - wurden dem Publikum in herausragenden Interpretationen zugänglich gemacht. Dabei ist es unser Bestreben, auch mit Überraschungen Treue zu klassischer Qualität zu beweisen.
Der Musik der Moderne wird mit den gleichen Qualitätsstandards Beachtung geschenkt - in exemplarischen Neuaufnahmen wie in Mitschnitten bedeutender Uraufführungen. Wichtige Akzente setzen dabei die Serien Edition zeitgenössisches Lied, die bis in die unmittelbare Gegenwart vorstößt, und Musica Rediviva mit Werken verbotener oder zu Unrecht vergessener Komponisten.
Zu den Künstlern zählen die besten Sängerinnen und Sänger, Instrumentalisten, Orchester und Dirigenten der letzten drei Jahrzehnte. Die Förderung aufstrebender Künstler der jüngeren Generation war und ist ORFEO stets ein Anliegen. Viele, die heute zu den Großen der Musikszene zählen, errangen bei uns ihre ersten Schallplattenerfolge.
Mit der Serie ORFEO D'OR wird auf die große interpretatorische Vergangenheit zurückgegriffen; legendäre Aufführungen u.a. aus Bayreuth, München, Wien und Salzburg werden dokumentiert. Hierbei wurde von Anfang an besonderer Wert auf sorgfältige Edition gelegt; durch - das dürfte auf dem Markt für historische Aufnahmen heute sehr selten sein - offizielle Zusammenarbeit mit den Künstlern, Erben und Institutionen hat ORFEO D'OR jeweils exklusiven Zugriff auf die besten erhaltenen Originalquellen.
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