> > > Schumann, Robert / Bach, Johann Sebastian: Adventlied/Cantata BWV 105/+: Estonian Philharmonic Chamber Choir, Helsinki Baroque Orchestra, Aapo Häkkinen
Montag, 22. Oktober 2018

Schumann, Robert / Bach, Johann Sebastian: Adventlied/Cantata BWV 105/+ - Estonian Philharmonic Chamber Choir, Helsinki Baroque Orchestra, Aapo Häkkinen

Schumann und die Ahnen


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Effektvolle, lohnende und alles andere als kleinformatige Musik: Hier kann man Robert Schumann über die Schulter schauen und sieht ihn im Zwiegespräch mit Bach. Eine unübliche, aber attraktive Platte.

Viele Komponisten des 19. Jahrhunderts haben sich von älteren vokal-instrumentalen Traditionen begeistern lassen: Mendelssohn und Brahms waren mitnichten allein als Bach-Jünger, wenngleich sie heute oft stellvertretend für eine umfassende Bewegung stehen. Gerade Bachs intensive theologisch-textliche Exegese war es, die die Jüngeren begeisterte. Auch Robert Schumann, der Poet unter den Komponisten, machte da keine Ausnahme. Einerseits natürlich, weil er Bachs Qualitäten erkannte. Andererseits sicher auch als Musikpraktiker, der in den von ihm verantworteten Konzerten das bieten wollte, was viele interessierte. Doch wäre Schumann nicht der formal erprobungsfreudige Komponist, der er war, hätte er das, was ihm zum Beispiel in Bachs Kantaten begegnete, nicht für seine eigene kreative Arbeit fruchtbar gemacht. Schon in Dresden und später in Düsseldorf. Aus dieser spannungsreichen Konstellation hat der Finne Aapo Häkkinen ein wunderbares Programm destilliert: Von Schumann sind dessen 'Ballade vom Pagen und der Königstochter' op. 140 und das siebensätzige 'Adventlied' op. 71 zu hören. Aus der zeitlichen Ferne grüßt Bachs Kantate BWV 105 'Herr, gehe nicht ins Gericht', doch nicht in der originalen Version, sondern in einer von Schumann selbst erstellten Aufführungsversion für Dresden 1849.

Op. 140 auf einen Text von Emanuel Geibel ist eine ausgreifende dramatische Ballade, getragen von einem dichten Orchesterpart, mit einer üppigen Handlung, die sich in vier größeren Bildern entfaltet: Fein koloriert und in enger Verbindung zum Geibel-Text wird quasi szenisches Potenzial entfaltet – gerade vokalsolistisch ist viel dankbare, gestaltbare Musik dabei. Es ist eine jener Schumannschen Zwischenformen – nicht Musikdrama und doch auch keinesfalls weltliche Kantate –, die zu kennen das Bild dieses Komponisten erst so recht erschließt: Denn gerade hier zeigt sich der kreative Kopf, der vagabundierende Geist vielleicht am deutlichsten. Das 'Adventlied' op. 71 ist Frucht der musikpraktischen Arbeit Schumanns, der stets versuchte, seinen Chören und Ensembles Musik zu schreiben, die in die Zeit passt und berührt, vor allem für den von ihm selbst gegründeten Verein für Chorgesang. In diesem Kontext ist dieses tatsächlich kantatenartige Werk auf Texte von Friedrich Rückert zu verstehen, das auf dieser Platte erstmals eingespielt und -gesungen wurde. Schließlich Bach: Da kann von einer wahrhaften Aneignung der Musik die Rede sein, die weit über ein paar Vortragsbezeichnungen hinausgeht. In Sachen Besetzung, Farbbalance, Chorgröße und ästhetischer Grundgeste begegnet dem Hörer eine Musik, die bemerkenswert dicht und drängend wirkt, schon im Eingangschor überwölbt von einer wahrhaft großen Geste. Das ist in seiner linear gesteigerten Intensität hochinteressant und im Detail nicht ohne Überraschungen: Etwa in der Sopran-Arie 'Wir zittern und wanken', in der eine obligate Klarinette erklingt, oder in eingefügten Zwischenspielen im Choral. Insgesamt eine oft sinfonische Geste, die eine deutliche Nähe zum Klangideal der Schumann-Zeit offenbart.

Farbig und spannungsreich

Die ausführenden Ensembles versprechen Spannung: Der Estnische Philharmonische Kammerchor als formidabler Repräsentant romantischer Größe und moderner Chorkultur, dazu das im Bach-Idiom versierte Helsinki Baroque Orchestra, mit dem Häkkinen schon wunderbare Platten mit den Bachschen Cembalo-Konzerten herausgebracht hat – hier freilich auf Instrumenten des mittleren 19. Jahrhunderts. Flankiert wird das vokalsolistisch von prominenten Stimmen: Zu hören sind in der Hauptsache die Sopranistin Carolyn Sampson, der Altus Benno Schachtner, der Tenor Werner Güra, dazu die Bässe Cornelius Uhle und Jonathan Sells.

Der Chor wirkt bei Schumann erstaunlich behände, beinahe wie ein leichtes Wehen, vor allem agil und beweglich. Dramaturgisch ist er hier eher bekräftigend oder kolorierend gefordert. Bei Bach schwingt er sich zu einiger Größe auf, was mit Blick auf den geweiteten Orchestersatz aber alles andere als ein Missverständnis ist. Eine gelungene Präsentation, freilich nicht ganz so beeindruckend wie A-Cappella-Platten des Chors mit Rachmaninow oder baltischem Repertoire es in aller Regel sind. Beim Orchester führt die akribische Wahl der Instrumente zu einem pastellfarben schimmernden Klang, mit deutlicher Akzentverschiebung zu den – im Vergleich zur Gegenwart gleichwohl dezenten – Bläsern. Insgesamt ist das ein Klangideal, das durchscheinend ist und auch im Forte nie triumphal wirkt.

Lyrische Expansion

Die Solisten sind herausragende Sprecher, die Schumanns dramatisch grundierte Werke mit angenehm lyrischer Expansionsfähigkeit verlebendigen. Bei Bach sind die Rezitative zwar alles andere als karg, werden aber von den versierten Bach-Vokalisten geprägt, weniger von Schumanns Anverwandlungskünsten. Arios unterstreichen sie, dass sie zwar vielfach gerühmte Bach-Vokalisten, aber keine eindimensionalen Puristen sind: Bach wird hier wie im Chor schon mehr auf Linie gesungen, als es in der historisch informierten Praxis üblich ist. Aapo Häkkinen moduliert die insgesamt reiche Substanz von Ensembles und Solisten mit feinem Zugriff und spielt das Potenzial der Ausführenden mit nobler Geste aus. Das Klangbild ist angemessen groß, dennoch reich an Details und führt alle Elemente gelungen zusammen (Label Ondine).

Die praktische Schumann-Rezeption hat bis heute das Problem, dass das Publikum mit den für den Komponisten so typischen Zwischenformen wenig anfangen kann. Dabei ist es effektvolle, lohnende und alles andere als kleinformatige Musik. Interessant vor allem: Man kann hier Schumann über die Schulter schauen, sieht ihn beim Erproben seiner Wege, im Zwiegespräch mit Bach. Eine unübliche, aber attraktive Platte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Schumann, Robert / Bach, Johann Sebastian: Adventlied/Cantata BWV 105/+: Estonian Philharmonic Chamber Choir, Helsinki Baroque Orchestra, Aapo Häkkinen

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
11.05.2018
EAN:

761195131220


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Bach, Johann Sebastian
Schumann, Robert


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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