> > > Charles Gounod: Geistliche Chorwerke: Kammerchor Vocalisti, Tobias Götting (Orgel), Hans-Joachim Lustig
Samstag, 21. Juli 2018

Charles Gounod: Geistliche Chorwerke - Kammerchor Vocalisti, Tobias Götting (Orgel), Hans-Joachim Lustig

Köstlich


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine lohnende Wiedervorlage mit geistlicher Musik von Gounod, gesungen vom Kammerchor I Vocalisti – lohnend vor allem wegen ‚Le sept paroles du Christ sur la croix‘ und manch köstlicher Kleinigkeit.

Charles Gounod wird in der Gegenwart sicher nicht als Sakralkomponist wahrgenommen. Und wenn doch, dann im Wesentlichen seiner Cäcilien-Messe wegen. Doch schrieb er in den verschiedensten Schaffensperioden weit mehr Messen und geistliche Gelegenheitskompositionen. Einige davon hat Hans-Joachim Lustig vor etwas mehr als zehn Jahren mit seinem Kammerchor I Vocalisti aufgenommen. Die Produktion wurde jetzt, zu Gounods 200. Geburtstag 2018, neu aufgelegt. Zu hören sind die Messen Nr. 5 und 7, dazu, ebenfalls orgelbegleitet, zwei weihnachtliche Stücke mit den Titeln 'Noël' und 'Béthléem'. Am Schluss stehen ein englischer Evening Service aus Magnificat und Nunc dimittis und ein Pater noster. Im Zentrum ist ein unbegleiteter Satz zu hören: 'Le sept paroles du Christ sur la croix'.

Die Messen sind schlicht in ihrer Grundanmutung, gesammelt und effektvoll: einfach praxiskompatibel und mit der Orgel relativ leicht aufführbar. In sich stimmig und konsistent sind sie auch; alles andere als reizlos, in manch linearer oder harmonischer Wendung auch von einigem Raffinement. Die Weihnachtssätze sind ebenso knapp wie apart, geeignet, auch im Sommer entsprechende Gefühle aufkommen zu lassen. Allerdings ist der direkte Sprung in die Karwoche zu den 'Sept paroles' dann mit Blick auf das Kirchenjahr doch denkbar groß und auch stilistisch kühn: Zeigt sich Gounod hier doch von einer spürbar anderen Seite, in konzentrierten Gesten, intensiv und gesammelt. Das wirkt sehr gelungen und ist jenem altmeisterlichen Ideal nah, das Gounod während seines Rom-Aufenthalts inhaliert hat. Dieses Stück ist zweifellos der ästhetische Höhepunkt des Programms, ein Werk von eigenem Gewicht. Die englischen ‚Kleinigkeiten‘ am Schluss sind sicher charmant und reizvoll. Doch hat man im Hintergrund der Gounodschen Lebenszeit von 1818 bis 1893 – ohne freilich explizit vergleichen zu wollen – zum Beispiel Brahms und Bruckner mit ihrem Chorwerk präsent: Die Gleichzeitigkeit des Schaffens ist ja real. Neben den unstrittigen Gipfeln bei B & B wirkt bei Gounod manches dann doch allenfalls hügelig.

Harmonische Linien

Dankbares und edles Material für einen entsprechend disponierten Chor ist es aber unbedingt. Und das von Hans-Joachim Lustig als vielseitiger Projektchor profilierte Ensemble I Vocalisti verfügt über die harmonisch gefügten Register, die Gounod braucht: Damit weiche Linien verschmelzungsfähig gesungen werden können. Das kommt hier sehr gelungen zur Geltung, zum Beispiel auch im Männerchorsatz der Messe Nr. 5. Sehr stark agiert der Chor in feinen Nuancen, aber auch ein helles, kraftvolles Plenum lässt sich hören. Die vielfach geforderten Soli unterschiedlicher Konstellation lösen sich überzeugend aus dem Chor; einzig die Duette in der Messe Nr. 7 zu Beginn des Programms wirken etwas matt, scheinen auch intonatorisch etwas unterspannt. Ansonsten ist die Intonation überzeugend. Phrasiert wird in großen, klangorientierten Flächen von schönem Legato; gelegentlich werden Kontraste deutlich, ausgehend von prägnanten, sprachinspirierten Impulsen. Lustig gibt mit mäßigen Tempi dem linearen Moment großen Raum, beschleunigt immer wieder effektvoll. Die 'Sept paroles' gewinnen auch durch eine intensive dynamische Differenzierung eine besondere erzählerische Dringlichkeit. Das Klangbild ist räumlich schön positioniert, ausgewogen und harmonisch, gelegentlich gar von tatsächlich romantischer Größe. Dafür sorgt auch die erklingende Orgel: Ein pneumatisches Instrument von Furtwängler & Hammer aus dem Jahr 1912. Über dessen Ästhetik kann man sich nur klingend ein Bild machen – Informationen im Booklet fehlen völlig. In der Begleitung sorgt Tobias Götting für Dezenz, lässt das Instrument in manchem Schluss aber auch selbstbewusst aufrauschen: Das macht viel Lust auf Solistisches mit dieser Orgel.

Eine lohnende Wiedervorlage mit geistlicher Musik von Gounod, gesungen vom Kammerchor I Vocalisti – lohnend vor allem wegen 'Le sept paroles du Christ sur la croix' und manch köstlicher Kleinigkeit.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Charles Gounod: Geistliche Chorwerke: Kammerchor Vocalisti, Tobias Götting (Orgel), Hans-Joachim Lustig

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Carus
1
04.05.2018
065:10
2004
EAN:
BestellNr.:

4009350834903
Carus 83.490


Cover vergössern

Gounod, Charles
 - Messe brève no. 7 in C aux chapelles -
 - Noël (Chant des Religieuses) -
 - Béthléem (Pastorale sur un Noël du 18e siècle) -
 - Les sept paroles du Christ sur la croix -
 - Messe brève no. 5 in C aux séminaires -
 - An evening service (Magnificat · Nunc dimittis) -
 - Pater noster -


Cover vergössern

"Obwohl Charles Gounod heute überwiegend als Komponist der Oper Faust im Gedächtnis verhaftet ist, war sein eigentlicher Schaffensschwerpunkt die Kirchenmusik. Sein geistliches Œuvre stellt das seiner französischen Zeitgenossen in den Schatten, kann aber Gounods Nähe zur Oper nicht verleugnen. Zum 200. Geburtstag des Komponisten legt Carus eine herausragende Einspielung des Kammerchor I Vocalisti unter der Leitung von Hans-Joachim Lustig mit dem Oratorium Die sieben letzten Worte des Erlösers am Kreuze und weiteren sakralen Kompositionen neu auf. Werke, zu denen der Komponist besonders durch seinen Aufenthalt in Rom und den dort sehr häufig rezipierten Gregorianischen Choral angeregt wurde. "


Cover vergössern

Carus

Der Name Carus steht weltweit als ein Synonym für höchsten Anspruch und Qualität auf dem Gebiet geistlicher Chormusik. Dies betrifft nicht nur unsere zuverlässigen Noteneditionen vieler zu Unrecht in Vergessenheit geratener Werke. Es ist uns ein besonderes Anliegen, gerade diese Werke - oft als Weltersteinspielungen - auch in exemplarischen Interpretationen durch hochrangige Interpreten und Ensembles auf CD vorzulegen. Der weltweite Erfolg unseres Labels führte zur Erweiterung unseres Katalogs: Neben der Chormusik, die weiterhin den Schwerpunkt des Labels bildet, haben gerade in den letzten Jahren einige Aufnahmen barocker Instrumentalwerke internationale Beachtung gefunden. Unsere Zusammenarbeit mit erstklassigen Interpreten führte zu einer hohen Klangkultur, die mit der Verleihung vieler internationaler Preise honoriert wurde (Diapason d'Or, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Gramophone - Editor's choice).


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Carus:

  • Zur Kritik... Hymne à Lili: Das Orpheus Vokalensemble zeigt mit einer großen Auswahl von Chorwerken die facettenreiche Schaffenskraft Lili Boulangers. Weiter...
    (Maxi Einenkel, )
  • Zur Kritik... Romantik oder Biedermeier – oder beides?: Frieder Bernius und der Kammerchor Stuttgart reüssieren mit den 'Liedern im Freien zu singen' von Felix Mendelssohn Bartholdy. Weiter...
    (Elisabeth Deckers, )
  • Zur Kritik... Zweiter Streich: Ein großes Andenken an Rémy und eine schöne Würdigung eines kompositorischen Solitärs im Werk Heinrich Schütz'. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Carus...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Orpheus auf dem Cembalo: Henry Purcell war auch als Meister des Cembalos eine Hausnummer. In eigensinnigen Spezialitäten wie den Hornpipes manifestieren sich musikantische Unternehmungslust und ein beweglicher Geist vielleicht am schönsten. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Erlesen: The Sixteen sind unterwegs in erfreulichen Purcell-Erkundungen, die weniger bekanntes Repertoire ins Zentrum rücken und unterstreichen, dass der Komponist ein Meister aller Klassen war. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Fragile Kunst: Kantaten aus dem riesigen Werk Christoph Graupners vorzustellen, ist wirklich verdienstvoll – Florian Heyerick und seine Ensembles leisten eine wichtige Arbeit. Das klingende Ergebnis überzeugt, auch wenn es mitunter nicht ganz homogen wirkt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Noch ein Nilsson-Windgassen-'Tristan'? Ja!: Dieser 'Tristan' dokumentiert die junge Birgit Nilsson und den hörbar entflammten Wolfgang Windgassen in ihren Paraderollen – einige Jahre, bevor sie als Traumpaar dieses Werks in die Geschichte eingingen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Orpheus auf dem Cembalo: Henry Purcell war auch als Meister des Cembalos eine Hausnummer. In eigensinnigen Spezialitäten wie den Hornpipes manifestieren sich musikantische Unternehmungslust und ein beweglicher Geist vielleicht am schönsten. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Klangpracht aus dem Dom von Perugia: Adriano Falcioni entfaltet die klangliche Vielfalt der Orgel des Doms von Perugia mit drei Kompositionen von Max Reger, darunter die bekannte 'Fantasie und Fuge über B-A-C-H'. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (2/2018) herunterladen (3463 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (7/2018) herunterladen (3001 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

John Eccles: Why should the idle

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich