> > > Bartholdy, Felix-Mendelssohn: Konzert für Violine, Klavier und Streichorchester: Lena Neudauer, Matthias Kirschnereit, Südwestdt. Kammerorchester Pforzheim
Sonntag, 29. März 2020

Bartholdy, Felix-Mendelssohn: Konzert für Violine, Klavier und Streichorchester - Lena Neudauer, Matthias Kirschnereit, Südwestdt. Kammerorchester Pforzheim

Ein ausgewogenes Feuerwerk


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Lena Neudauer und Matthias Kirschnereit bringen mit dem südwestdeutschen Kammerorchester Pforzheim zwei geniale Frühwerke Felix Mendelssohn-Bartholdys zum Klingen.

Von frühester Kindheit wurde das musikalische Talent der Geschwister Felix und Fanny Mendelssohn Bartholdy intensiv gefördert, sie erhielten Unterricht bei den besten Lehrern und die Gelegenheit, bei den ‚Sonntagsmusiken‘ im elterlichen hauseigenen Konzertsaal vor der intellektuellen Elite Berlins aufzutreten. Im Rahmen dieser Zusammenkünfte, bei denen häufig auch ein Orchester aus Musikliebhabern und professionellen Musikern gebildet wurde, kamen 1822 und 1823 auch Felix‘ Violinkonzert in d-Moll und das Konzert für Violine, Klavier und Streichorchester in d-Moll zur Uraufführung. Den Part der Solovioline übertrug der damals gerade einmal 13- bzw. 14-jährige Felix seinem Geigenlehrer Eduard Rietz, das Klaviersolo im Doppelkonzert spielte er selbst.

Das südwestdeutsche Kammerorchester Pforzheim widmete sich auf seiner 2017 bei cpo erschienenen CD diesen beiden Frühwerken Mendelssohns, als Solisten präsentieren sich die Violinistin Lena Neudauer und der Pianist Matthias Kirschnereit von ihrer besten Seite. Das erste Werk auf dem Tonträger ist das Doppelkonzert für Violine, Klavier und Streichorchester in d-Moll. Das abwechslungsreiche Werk ist von einem Wechselspiel aus virtuosen Kadenzen der Solisten, lyrischen Kantilenen, relativ klassizistischen Orchesterzwischenspielen geprägt, häufig aber auch sehr kammermusikalisch komponiert, sodass es in großen Teilen eher an eine Sonate für Violine und Klavier erinnert. Insbesondere der erste Satz sprüht vor Witz und Lebensfreude. Lena Neudauer und Matthias Kirschnereit gelingt es, diesen Charakter durch geschmackvolle Gestaltung überaus elegant und charmant zu transportieren, ohne manieriert zu wirken.

Große Ausdrucksstärke

Während das nur sehr dezent eingesetzte Orchester im langsamen Mittelsatz kleinste Unausgewogenheiten im Zusammenspiel zeigt, erschafft vor allem Matthias Kirschnereit durch seine große Ausdrucksstärke mit silbrig perlenden, arpeggierten Akkorden und dem Auskosten sowohl der Melodien als auch der Pausen eine wunderbar verträumte, zauberhafte Atmosphäre, in die sich die gesangliche Violinstimme schmiegt. An diesem Satz bemerkt man die Jugend des Komponisten: Hier sind die beiden Solopartien nicht ebenbürtig, das Klavier brilliert eindeutig über der Geige. In den beiden genialen Ecksätzen dagegen zeigt sich Mendelssohns Hochbegabung und die beiden ausgewogenen Interpreten machen den etwas schwächelnden Mittelsatz durch ihr kammermusikalisches, farbenreiches Spiel mehr als wett.

Im Finalsatz fügte Mendelssohn endlich Solo- und Orchesterstimmen zu einem dichteren Klanggeflecht zusammen. Lena Neudauer und Matthias Kirschnereit finden einen guten Kompromiss zwischen Virtuosität und der für Mendelssohn typischen zarten, filigranen Tongebung. Bemerkenswert ist, wie die beiden Solisten ausgesprochen präzise die vielen schnellen Unisono-Stellen und im Wechselspiel erklingenden fulminanten Läufe aufeinander abstimmen. Mutig rasen sie über die Saiten bzw. die Tasten und scheinen einander zu immer neuen Temperamentsausbrüchen anzuspornen, die von graziös-verspielten Melodien durchbrochen werden.

Im Vergleich zum Doppelkonzert wirkt Felix Mendelssohn Violinkonzert in d-Moll sehr von der Klassik geprägt. Dieses Werk erfordert, wie viele Werke im klassischen Stil, absolute Transparenz, klare Strukturierung und prickelnde Spannung in Kombination mit akkurater Genauigkeit. Ähnlich wie in seinem berühmten Violinkonzert in e-Moll setzt Mendelssohn die Geige auch im d-Moll-Konzert oft in sehr exponierter Lage ein, sodass sie sich strahlend vom Orchester abhebt. Lena Neudauer besticht besonders im Kopf- und im Finalsatz, die vor Ausgelassenheit und Energie nur so sprühen, mit einer sehr direkten, offensiven Spielart. Bei einigen einzelnen Passagen wünscht sich der Hörer bei so viel Temperament etwas mehr Feinheit in der Klangqualität, dafür würzt Neudauer das Konzert mit besonders viel Euphorie. Anders als in dem Doppelkonzert, bei dem das Orchester eher eine Rahmenfunktion innehatte, hat das Südwestdeutsche Kammerorchester Pforzheim unter Timo Handschuh in dem Violinkonzert viel zu tun: Mal bilden sie Teppich und Grundlage für die Solostimme, mal befinden sie sich in hitzigem Dialog oder untermalen die ekstatischen Sequenzen mit mindestens ebenso viel Elan wie die Solistin.

Die CD ist eine kurzweilige Einspielung zweier zu Unrecht eher unbekannter Frühwerke von Felix Mendelssohn Bartholdy – zwar kein Must-Have, aber absolut hörenswert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bartholdy, Felix-Mendelssohn: Konzert für Violine, Klavier und Streichorchester: Lena Neudauer, Matthias Kirschnereit, Südwestdt. Kammerorchester Pforzheim

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
26.03.2018
Medium:
EAN:

CD
761203519729


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Mendelssohn Bartholdy, Felix


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Dirigent(en):Handschuh, Timo
Orchester/Ensemble:Südwestdeutsches Kammerorchester Pforzheim
Interpret(en):Kirschnereit, Matthias
Neudauer, Lena


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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