> > > Mahler, Gustav: Sinfonie Nr. 6
Sonntag, 21. Oktober 2018

Mahler, Gustav - Sinfonie Nr. 6

Mitreißend und überzeugend


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die vorliegende Aufnahme von Mahlers Sinfonie Nr. 6 durch das Minnesota Orchestra unter Osmo Vänskä ist ein Gewinn für jede Plattensammlung.

Oft sind es nur wenige Takte oder sogar Töne, die darüber entscheiden, ob einem Zuhörer ein Stück gefällt oder ob es eine gewisse Abneigung in ihm erzeugt. Auch wenn der erste Eindruck bekanntlich trügerisch sein kann und nicht immer der einzig wichtige sein muss, so bleiben doch meist jene Stücke mehr in Erinnerung, die von Anfang an überzeugt haben. Osmo Vänskä und dem Minnesota Orchestra ist es mit der vorliegenden Aufnahme auf dem Label BIS gelungen, diesen Anspruch auf beeindruckende Weise zu erfüllen. Die schonungslosen, ruppigen Akkordschläge, mit denen die Sinfonie eröffnet wird, lassen den Zuhörer von Anfang an spüren, welche musikalische Welt Mahler hier entstehen lässt, und bereits nach den ersten Tönen wird es verständlich, warum die Sinfonie den Beinamen 'Die Tragische' erhalten hat, auch wenn dieser nicht von Mahler selbst stammt. Auch ohne konkretes Programm wirkt die Bildgewalt der Klänge programmatisch. Nicht grundlos erinnern die unerbittlichen Trommelwirbel an Mahlers berühmtes Lied 'Revelge' aus der Sammlung "Des Knaben Wunderhorn", in dem die Sinnlosigkeit des Krieges anhand musikalischer Mittel veranschaulicht wird, die neben düsteren Marschrhythmen auch von grotesken Elementen geprägt sind. Aber auch für einen Zuhörer, der das Lied nicht kennt, offenbart sich eine beängstigende, bedrohliche Szenerie, die das Orchester durch markante Trompeten, durchdringende Blechbläser und sich aufbäumende Streicher zur Realität werden lässt. So vermag der so charakteristische Trommelwirbel nicht nur einige Zuhörer an andere Lieder Mahlers erinnern (unter seinen zahlreichen Soldatenliedern, die Krieg, Militär und Tod thematisieren, ist 'Revelge' nur eines von vielen Beispielen), sondern auch allgemein an eine Szene zu erinnern, die den Gang zur Hinrichtung musikalisch untermalen könnte, so wie es Hector Berlioz in seiner 'Symphonie fantastique' lautmalerisch beschreibt.

Paradoxien als Charakteristikum

Oft neigt man als Zuhörer dazu, die Stimmung eines bestimmten Werkes auf die Lebenssituation des Komponisten zu beziehen, in der es entstanden ist. Eine Musik, die so tragisch klingt wie diese, lässt schnell die Mutmaßung zu, dass der Komponist sich in einer ebenso tragischen oder zumindest schwierigen Phase befunden haben muss. Wer diesbezüglich Mahlers Biografie studiert, wird jedoch eines Besseren belehrt, denn gerade zum Zeitpunkt der Sechsten Sinfonie durchlebte er eine Zeit, die von beruflichem Erfolg und privatem Glück gekennzeichnet war. Dieses scheinbar paradoxe Phänomen ist keine Seltenheit in Mahlers Schaffen. Auch seine zur gleichen Zeit entstandenen 'Kindertotenlieder' schrieb er nicht aus innerer Verzweiflung oder als Reaktion auf einen schweren Schicksalsschlag (der ihn später mit dem Tod seiner Tochter tatsächlich treffen sollte), sondern ohne jegliche autobiografische Hintergründe, was angesichts der Emotionalität von Texten und Musik nahezu unbegreiflich scheint.

Wer jedoch Mahlers Musik kennt – und jede Sinfonie präsentiert sich wie ein offenes Fenster, durch das man in seine musikalische Welt schauen kann –, der weiß, dass Widersprüchlichkeiten, Gegensätze und vermeintlich Unvereinbares in Mahlers Werk nahezu permanent aufeinandertreffen. Auf pure Idylle folgt nicht selten das Leben am Abgrund, Naturklänge wechseln sich unmittelbar mit Kriegsmusik ab. So wirken auch die in der Sechsten Sinfonie enthaltenen Naturepisoden mit Holzbläsern, hervortretendem Solohorn und Kuhglocken wie aus einer anderen Welt, die bei Mahler immer wieder durchschimmert, auch wenn die vermeintliche Idylle oft nur kurz währt und sich als trügerisch erweist. Den Musikern des Minnesota Orchestras gelingt es, die liebliche Idylle so transparent und anschaulich darzustellen, dass man sich als Zuhörer nur zu gern von der vermeintlichen Stimmung forttragen lässt, um schließlich durch den berüchtigten Marschrhythmus des Anfangs abrupt wieder in die bittere Realität zurückgeworfen zu werden. Besonders im zweiten Satz wird dieser Gegensatz zwischen den zwei Welten in besonderer Weise hervorgehoben. Die Holzbläser erzeugen eine idyllische, nahezu paradiesische Stimmung, die Kantilenen werden mit einer Gesanglichkeit präsentiert, wie sie die menschliche Stimme nicht schöner ausdrücken könnte. Alles scheint perfekt zu sein, und doch ahnt der Zuhörer, dass unbeschwerte Sorglosigkeit hier fehl am Platze wäre. Schon bald bestätigt sich dieser Eindruck, wenn sich erneut düstere Töne in das harmonische Bild mischen. Mit voluminösen, aber nie übertriebenen Streicherklängen verleiht das Orchester der Szenerie eine Note, die von Sehnsucht und Klage geprägt ist und die Idylle jäh beendet.

Kampf mit dem Schicksal

Auch wenn die Sinfonie kein offizielles Programm trägt, präsentiert sie sich in ihrer Aussage als ständiger Kampf mit verschiedenen Schicksalsmächten, wobei der unvermeidliche Weg in die Katastrophe schließlich nicht mehr abzuwenden ist, so dass die Musik mit einem kompletten Zusammenbruch des sinfonischen Lebens noch hoffnungsloser endet, als sie begonnen hat. Die Vielzahl der unterschiedlichen Stimmungen, seien es Assoziationen von Krieges- und Kampfstimmung, Sehnsucht, Trauer oder naturbelassene Glückseligkeit, werden von Osmo Vänskä und dem Minnesota Orchestra auf eine Weise eingefangen, dass der Zuhörer sich von Anfang an mitgerissen fühlt und das permanente Hadern mit dem Schicksal nahezu am eigenen Leib spüren kann.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mahler, Gustav: Sinfonie Nr. 6

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
07.03.2018
EAN:

7318599922669


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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