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Montag, 23. September 2019

Amen Hayr Surb - Armenian sacred music & Johann Sebastian Bach

Eine Begegnung zweier Welten


Label/Verlag: Kaleidos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die armenische Violinistin Lilit Tonoyan stellt die sakrale Musik ihrer Heimat neben ausgewählte Werke von Johann Sebastian Bach. Herausgekommen ist ein außergewöhnliches Klangerlebnis mit großer Tiefe.

Zwischen zwei Welten zu leben, ist für die Geigerin Lilit Tonoyan nichts Ungewöhnliches. Aufgewachsen ist sie in Armeniens Hauptstadt Jerewan, doch seit sie 2007 für ihr Violinstudium nach Deutschland gekommen ist, beschäftigt sie sich auch intensiv mit europäischer Musik. Dabei findet sie anscheinend Gefallen daran, Musik aus ihrem ursprünglichen Kontext zu lösen und sie in einen neuen Rahmen zu setzen. So gründete sie 2008 das Cologne World Jazz Ensemble, das Jazz, Improvisation und armenische Musik miteinander verbindet. Mit ihrer aktuellen CD wagt Tonoyan einen neuen Vorstoß. Auf 'Amen Hayr Surb' fokussiert sie sich auf die Verbindung von armenischer Sakralmusik und der Musik Johann Sebastian Bachs (1685–1750). Ihr Partner in diesem Projekt ist der ebenfalls aus Armenien stammende Cellist und Bach-Spezialist Davit Melkonyan. Das Album erschien bei der Edition Kaleidos.

Das zusammengestellte Programm ist nicht nur aufgrund der Gegenüberstellung völlig verschiedener Musikwelten außergewöhnlich. Da es bisher keine Instrumentalfassungen der armenischen Kirchengesänge gab, arrangierte Tonoyan die hier ausgewählten Sakrallieder für Violine und Cello wahlweise selbst oder zusammen mit Melkonyan. Nur ein Titel, 'Miayn surb', bearbeitete der Cellist allein. Die beiden Musiker nehmen die Lieder aus dem Kirchenraum hinaus und platzieren sie selbstbewusst mitten in den Konzertsaal. Genauso überzeugt ist das Duo von seiner Idee, ausgewählte Werke Bachs als natürliche Ergänzung daneben zu stellen. Und die Rechnung geht auf. In der ihnen eigenen, meditativen Haltung interpretieren sie sowohl europäischen Barock wie auch armenisches Kulturgut. Es ist ein interessanter Ansatz, der einen vollkommen anderen Blickwinkel auf Bachs musikalische Sprache und einige seiner meistgespielten Werke eröffnet.

Armenische Kirchengesänge

Doch zunächst zu den armenischen Kirchengesängen. Damit der Hörer die ihm wahrscheinlich unbekannten Titel zumindest etwas einordnen kann, stellt das Booklet zahlreiche Werke kurz vor und erklärt ihren Platz in der armenischen Apostolischen Kirchenliturgie. Als ‚armenisches Kyrie Eleison‘ beschrieben, kommt 'Ter voghormea' in einem natürlichen Fluss mit starken Dynamiken daher. Da es in schweren Zeiten als Bestandteil des Sühne-Ritus gesungen wurde, gibt Tonoyan ihm einen eindringlichen, verzweifelten Klang und übt viel Druck auf die Saiten aus. Die schnellen Wechsel meistert sie dank der vollkommenen Beherrschung ihres Instruments, ohne auch nur minimal an Schwung zu verlieren.

Einige Lieder wie die Gründonnerstagshymne 'Sirt im sasani' teilen die Musiker auf und spielen sie über die ganze CD verteilt, wobei sich dem Hörer nicht ganz erschließt, warum. Im Eingangstitel erzielen Tonoyan und Melkonyan mit einer reduzierten, beinahe spartanischen Spielweise maximale Effekte. Damit holen sie alles an Klang heraus, was sowohl die Melodie als auch ihre Instrumente hergeben. Der Kirchenraum der Christlichen Kirche Neuss, in dem die Aufnahmen entstanden, sorgt für einen sanften Hall, der den Liedern zusätzliche Weite verleiht. 'Ov zarmanali' handelt von der Taufe Jesu – Wasser ist daher der Fixpunkt dieser Komposition. Bei Tonoyan äußert sich dieses in einem überzeugenden, technisch brillant umgesetzten Flimmern, in Anlehnung an Wasserreflexionen, in äußerst hohen und doch reinen Violintönen.

In den armenischen Melodien musizieren Violine und Cello eher im Wechsel, wobei ein Instrument im Vordergrund steht. Ganz anders erklingt das Zusammenspiel hingegen bei Bachs Inventionen Nr. 11 g-Moll BWV 782 und Nr. 13 a-Moll BWV 784. Hier musizieren sie im harmonischen Duett und sind eng ineinander verwoben, ohne sich gegenseitig einzuengen. Die beiden Musiker gestalten größere musikalische Bögen und geben der Musik eine dichtere Atmosphäre. Als Zweitplatzierter im 16. Internationalen Johann-Sebastian-Bach-Wettbewerbs Leipzig hat Melkonyan seinen eigenen Bach-Klang entwickelt, den er gekonnt in dieses Album einbringt: Schlank und doch kraftvoll ist er ein ebenbürtiger Partner für Tonoyans intensives Violinspiel.

Wunderbare Symbiose

Einer der denkwürdigsten Titel der CD demonstriert eine Verschmelzung von Bach und (christlich geprägtem) Orient par excellence: 'Preludio/Aysor dzaynn Hayrakan' verbindet eine armenische Ode der Weihnachtsmesse mit dem berühmten Bach-Preludio aus seiner Partita in E-Dur BWV 1006. Das Ergebnis ist ein faszinierendes, kunstvolles Arrangement, in dem sich beide Musikwelten in wunderbarer Symbiose ergänzen. Während das Preludio mit allen Finessen der Kunst dargeboten wird, ist die darunter gelegte armenische Melodie eine angenehme Erweiterung und sorgt für mehr Tiefe während der perlenden Violinparts.

Lilit Tonoyan und Davit Melkonyan präsentieren meditative Betrachtungen bedeutender armenischer Kirchenlieder. Obwohl diese sich stilistisch ähnlich sind, gelingt es der Violinistin in ihrem Spiel, jedem Lied einen individuellen Ausdruck zu geben. Ihr raumgreifender Klang und die differenzierten Spieltechniken gestalten die Melodien unerwartet abwechslungsreich. Beide Musiker sind mit Herz und Seele dabei und das hört man. So beschafft man sich diese CD auch weniger wegen innovativer Bach-Interpretationen, als vielmehr aus Neugier auf diese unkonventionelle Mischung. Zum Dank erhält man die Chance, Bachs Musik in einem ungewohnten Umfeld zu erleben und entdeckt vielleicht sogar neue Facetten.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Amen Hayr Surb: Armenian sacred music & Johann Sebastian Bach

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Kaleidos
1
07.03.2018
63:55
Medium:
EAN:
BestellNr.:
Booklet
CD
4260164634022
KAL6340-2


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Kaleidos

KALEIDOS MUSIKEDITIONEN wurde im Jahr 2007 von dem Tonmeister und Musikproduzenten Jens F. Meier als Teil der Firma Kaleidos media & arts gegründet. Grundidee war von Beginn an, ausgesuchte, konzeptionelle Programme mit hohem Repertoirewert zu produzieren und so das Werk der Musikautoren selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Veröffentlicht werden Programme aus den Bereichen klassische Musik, Neue Musik und Weltmusik sowie eine eigene Edition mit „Klassik für Kinder“. Das Konzept des Labels beinhaltet die konsequente Einordnung der Veröffentlichungen in verschiedenen » Editionen, die Musikstil, Repertoire und Künstler dezidiert repräsentieren.

KALEIDOS ist ein unabhängiges Musiklabel, das sich ausschließlich jeder einzelnen Musikproduktion (Inhalt und Künstlern) verpflichtet fühlt. Dieses jeweilige individuelle Projekt zu einem guten Produkt zu machen, ist Aufgabe und Ziel des Produzenten. Dabei ist eine enge Verbindung zwischen den einzelnen Bereichen Planung, Musikproduktion, Redaktion, Grafikdesign, Marketing, Vertrieb auf der einen Seite und den ausführenden Künstlern auf der anderen Seite notwendig und sinnvoll, damit ein Tonträger authentisch und ansprechend wird.

Im gesamten Prozess einer Musikproduktion versteht sich KALEIDOS als Partner der Interpreten, deren künstlerische Aussage die zentrale Botschaft einer Aufnahme darstellt. Neben der künstlerischen Leistung der Musiker wird großer Wert auf technisch einwandfreie sowie akustisch hochwertige Aufnahmen gelegt. Ermöglicht wird dies durch die Zusammenarbeit mit musikalisch ausgebildeten Tonmeistern, die den Künstler optimal in der Umsetzung seiner Interpretation unterstützen und für ein klanglich optimales Ergebnis sorgen.

Der technische und ästhetische Qualitätsanspruch zeigt sich ebenfalls in der Umsetzung redaktioneller und gestalterischer Elemente: Begleittexte (Liner Notes), Textlayout und Design von Tonträgerverpackungen und Booklets sollen einen sinnvollen Zusammenhang zur inhaltlichen Aussage der Musik darstellen und den Hörer umfassend und unterhaltend informieren.


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