> > > Bach, Johann Sebastian: Messe h-Moll BWV 232
Mittwoch, 19. September 2018

Bach, Johann Sebastian - Messe h-Moll BWV 232

Lebendige Traditionen


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein erfrischendes Dokument der formidablen Arbeit Stephen Laytons mit den reichen Ressourcen am Trinity College in Cambridge.

Am Trinity College in Cambridge wird seit langem eine mehr als beachtliche musikalische Arbeit geleistet – eine Tradition, die bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht. Und eine Linie, die durch die Zeiten hindurch immer wieder von großen Musikerpersönlichkeiten geprägt wurde: Charles Villiers Stanford war hier tätig, genauso wie später Raymond Leppard, Richard Marlow oder jetzt seit 2006 Stephen Layton. Letzterer knüpfte an ein hohes Ausgangsniveau der chorischen Ausbildung und Praxis an und setzt mit seinem jungen Chor in den vergangenen Jahren vernehmliche Akzente im Repertoire. Zum Beispiel mit der vielfach gepriesenen Platte 'Northern Lights' mit Werken des jungen lettischen Komponisten Ēriks Ešenvalds, der von 2011 an als Fellow Commoner in Creative Arts für zwei Jahre eine intensive Zusammenarbeit mit dem Ensemble etablierte. Dazu Kenneth Leightons 'Crucifixus', und Werke des barocken Kernrepertoires nicht zu vergessen: Eine Einspielung des Bachschen Weihnachtsoratoriums war 2013 zu verzeichnen, mit viel positivem Befund vor allem beim Chor, dazu einem etwas heterogenen Solistenensemble mit hörbaren Schwierigkeiten bei der Bewältigung der deutschen Sprache. Letzteres fällt als Herausforderung der aktuellen, bei Hyperion erschienenen Produktion weg: Auf dem Programm steht die h-Moll-Messe des großen Thomaskantors. Und das Lateinische ist als aktuell immerhin noch gültige kirchenmusikalische Lingua franca erwartungsgemäß ein gleichsam natürliches Idiom für Chor und Solisten.

Chorisch erfrischend

Der Chor ist die auffälligste Größe in dieser h-Moll-Messe: Mit 43 Sängerinnen und Sängern ist es ein großer, fast im Stile älterer Bachpflege dimensionierter Chor. Aber: Er nimmt mit souverän gebändigten, klar konturierten Registern von jugendlichem Charme und Biss für sich ein. Das Ensemble singt beweglich und klangfreudig, mit kraftvoller Eloquenz. Beeindruckend etwa, mit welch offenkundiger Begeisterung sich der Chor in das Getümmel der 'Cum sancto spiritu'-Fuge stürzt und dabei nicht nur heil an Stimme und Affekt bleibt, sondern eine technisch hochstehende, rasante Deutung bewerkstelligt. Das ist stark und nötigt Respekt ab.

Insgesamt beeindruckt schlicht wieder einmal, welch riesiges Potenzial an stilistisch versierten und stimmkräftigen Choral scholars den großen College-Chören wie dem des Trinity College immer wieder zuwächst. Zu hören ist hier ein großartiger junger Chor, in dem viele, viele Versprechen an die Zukunft verborgen sein dürften. Man wird sicher von dem einen oder der anderen noch solistisch hören.

So wie bei einigen der aktuellen Solisten: Drei – die beiden Soprane und der Tenor – haben ihren professionellen Weg im Trinity College begonnen. Jetzt kehren sie zurück: Zum Beispiel Katherine Watson, die mit ihrer kompletten, oft erstaunlich dunkel getönten Stimme den Sopranpart singt, technisch makellos, individuell in der Wirkung, mit Charme und Souveränität. Ähnlich die Mezzosopranistin Helen Charlston, auch sie mit Trinity-Vergangenheit, die sich als Duettpartnerin erfreulich klar profiliert, mit einer warmen, fein gerundeten Stimme, von der man in Zukunft sehr gern mehr hören möchte. Den Altus singt Iestyn Davies, mit klarem, frischem Stimmstrahl von einiger Leuchtkraft, auch geprägt von einer gewissen Kühle und Schärfe. Seine Stimme neigt auf manchen Vokalen – vor allem das e ist gefährdet – zu faserigen Tendenzen, die das Bild jedoch nicht nachhaltig stören. Der Trinity-Tenor Gwilym Bowen fügt sich nahtlos ein, zeigt sich geläufig und eloquent, nimmt mit weichem Timbre bei durchaus kraftvollem Kern für sich ein. Seine Tongebung vollzieht sich etwas zu weit im Hals – das ist ein technischer Makel, den er gelegentlich mit Kraft zu kompensieren versucht. Schließlich Neal Davies, der als klassischer Bass der englischen Tradition angesprochen werden kann: Die Stimme ist viril und durchschlagskräftig, dennoch beweglich und elegant in der Tongebung. Und sie ist versehen mit einem – gelegentlich sehr – heftigen Beben, das der Sänger zwar stets kontrolliert, dessen dauerhafte Präsenz aber konzediert werden muss.

Instrumental nicht weniger erfrischend

Erfreulich inspiriert zeigt sich das Orchestra of the Age of Enlightenment: Auch diese vielfach bewährte Formation präsentiert einen frischen, beweglichen, agilen Klang, in den Streichern angeführt von Margaret Faultless und Kati Debretzeni. Ergebnis ist ein mit dem Chorideal hervorragend korrespondierender heller Klang. Der Zugriff des Ensembles ist insgesamt luzide; artikuliert wird im Basso continuo fast tänzerisch knapp, was gewaltig Bewegung in den klingenden Untergrund bringt. Dazu sind obligate Soli von Schönheit und Klasse zu hören, die glückend mit den Vokalsolisten interagieren – egal ob die Flöten von Lisa Beznosiuk und Kati Bircher, die Oboen von Katharina Spreckelsen und Hilary Stock oder das Horn von Roger Montgomery.

Für Stephen Layton eröffnet dieser relativ große Apparat alle Möglichkeiten zur dynamischen Differenzierung: Der erfahrene Dirigent erliegt nicht der Versuchung, zu früh zu viel zu fordern. Stattdessen sind außerordentlich diszipliniert angelegte Steigerungen zu erleben, mit exquisiten Schlusswirkungen von strahlender Schönheit. Für das Klangbild könnte man von gesammelter Weite als Überschrift sprechen: Einerseits ist es konzentriert, klar und reich an Details. Andererseits hat es eine edle räumliche Korona, die bereichert, erwärmt und nobilitiert – ein fast idealer barocker Großklang.

Wiederum also ein erfrischendes Dokument der formidablen Arbeit Stephen Laytons mit den reichen Ressourcen am Trinity College in Cambridge: Das Ergebnis braucht sich mit Blick auf die schiere Qualität, auf die Ernsthaftigkeit und Relevanz der Deutung vor vielleicht noch arrivierteren Interpreten nicht zu verstecken. Wenn es ein besonderes Merkmal der Einspielung gibt, dann ist es der frische, mit charmanter Risikobereitschaft agierende Chor, der ein vielfarbiges Bild zeichnet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Messe h-Moll BWV 232

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Hyperion
2
02.03.2018
EAN:

034571281810


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Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

Our records are easily available throughout the world in those countries served by our distributors. A list of the world's top Hyperion dealers, listed by country and city, can be found on our homepage. But if you have any difficulty please get in touch with the distributor in your territory. In Germany that is Note 1 Music Gmbh.


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