> > > Rheinberger, Joseph Gabriel: Sämtliche Violinsonaten
Montag, 18. Juni 2018

Rheinberger, Joseph Gabriel - Sämtliche Violinsonaten

Ohne Hintergedanken


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Voller Verve, aber teilweise auch ohne genügendes Verständnis gerät die Ersteinspielung der Violinsonaten Rheinbergers zur Routinenummer.

Joseph Gabriel Rheinberger (1839–1901) ist nicht gerade als radikaler Neuerer bekannt, vielmehr gilt er nicht selten als eher betulicher süddeutscher Spätromantiker der zweiten oder dritten Reihe mit besonderem Schwerpunkt auf Kirchenmusik (und vor allem als Schöpfer von 20 Orgelsonaten). Dass er auch anders konnte, legen einige Werke, die heute nicht mehr gemeinhin zu seinem Kernschaffen zählen und entsprechend selten auch auf Tonträger Berücksichtigung finden, nahe. Auch die Violinsonaten gehören dazu, die selbst in der Carus-Gesamtausgabe nur schwer zu finden sind (leichter als Einzelausgaben bei Carus). Erst neun Jahre nach Abschluss der Edition finden die beiden Werke, ergänzt um drei Liedtranskriptionen, den Weg auf den Tonträgermarkt (dargeboten nach der Neuausgabe? man erfährt es nicht – die Thorofon-Einspielung mit Hans Maile und Horst Göbel von 1991 konnte die neuen Erkenntnisse noch nicht berücksichtigen) – und auch nicht, wie man erwarten könnte, bei Carus, sondern mit den italienischen Musikern Thomas Schrott (Violine) und Piero Barbareschi (Klavier) auf Brilliant. Die Musikerlebensläufe erhalten im Booklet mehr Raum als die Kompositionen selbst – obwohl die Verbreitung der Rheinberger‘schen Sonaten mehr als überschaubar war (außerdem sind in dem doch überschaubaren Booklettext an exponierter Stelle mehrere Druckfehler stehengeblieben).

Die Es-Dur-Sonate op. 77 von 1874 erfährt eine engagierte, packende Interpretation, die sich um Raffinesse eher wenig schert, der Komposition vielmehr mit Verve zu Leibe rückt. Die Interpreten formen die einzelnen Sätze, besitzen zumeist auch die erforderliche Virtuosität und verfügen auch über einiges dynamisches Gespür, doch fehlt es allenthalben an Eleganz, an einer Erkundung von Rheinbergers Persönlichkeit an sich – die Musiker nehmen den Notentext und spielen ihn ohne große Hintergedanken und mit mangelndem Feingefühl. Immer wieder stören sie ihr eigenes Timing, Schrott kann in den langsamen Sätzen nicht immer sein Vibrato genau dosieren, in der Höhe klingt sein Ton häufig dünn und fast scharf. Das klingt alles allzu routiniert, nicht wirklich ‚erlebt‘, gewachsen, ruhen gelassen und dann noch einmal ausgefeilt. Die unmittelbare Aufnahmetechnik gibt den Musikern keine Möglichkeit, die Schwächen der Interpretation zu verdecken. Gleiches gilt für die drei ausgewählten Lieder, die sie als ‚Lieder ohne Worte‘ darbieten, im Booklet aber die Liedtexte nur auf Deutsch abdrucken, während das restliche Booklet in Englisch/Italienisch gehalten ist.

Am überzeugendsten gelingt Schrott und Barbareschi die zweite Sonate in e-Moll op. 105 aus dem Jahr 1877. Auch hier gerät Schrotts Ton in der Höhe gelegentlich zum Zwirnsfaden, doch die gedecktere Gesamtstimmung scheint den Musikern besser zu liegen, die Virtuosität ist unmittelbar dem Ausdruck unterstellt. Doch mangelt es auch hier an Eleganz und Gestaltungswillen vor allem beim Violinisten, der offenbar mit nur ganz wenigen Klangfarben auskommen will. Auch hier ist nicht jeder Übergang überzeugend ausgearbeitet und die unzweifelhaft vorhandenen Schönheiten nicht nur des Werks, sondern auch der Interpretation werden immer wieder durch Hemdsärmeligkeit überwuchert. So wird, was eine echte Repertoireerweiterung hätte werden können, leider nur ein (nur 45 Minuten kurzer) erster, unreifer Versuch über diese Kompositionen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rheinberger, Joseph Gabriel: Sämtliche Violinsonaten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
1
06.04.2018
EAN:

5028421956350


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