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Dienstag, 16. Oktober 2018

Sebastiani, Johann - Matthäus Passion

Alternative Passion


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Stubbs & Co. spielen ihre ganze musikdramatische Erfahrung zum Besten der Musik aus. Sebastiani also zwischen Schütz und Bach? Sicher. Aber auch das Dazwischen ist nicht ohne Reiz.

Johann Sebastiani (1622-1683) verbrachte seine hauptsächliche Schaffenszeit in Königsberg. 1663 entstand seine Matthäus-Passion. Wenn man sie aus der Perspektive der Renaissance oder des Hochbarock anhört, ist es Musik zwischen allen Stühlen. Wenn man aber unbefangener auf sie zugeht, zeigt sie ihre Schönheiten. Sebastiani entfaltet den biblischen Text in fließender, freier Rezitativik, reich obligat von Streichern begleitet und nicht nur darin von älteren Vorbildern deutlich in Richtung italienischer Einflüsse emanzipiert. Gemeinsam mit dem gleichfalls durchaus dramatisch angelegten Jesus-Part dieser Passion agiert der Evangelist höchst lebendig: oft auf der Basis dezidierter, sprechender Harmonik und Stimmführung. Ergebnis ist ein intensives, rasch auseinander hervorgehendes Repsonsorium der Akteure. Meist homophone Turbae sind mit leichter Hand integriert. Eine besondere Ebene sind die von einem Gamben-Consort begleiteten Sopranchoräle als Inseln der Ruhe und des Innehaltens. Eine gute Stunde Spielzeit gibt ein attraktives Bild dieser Musik, die, auch das ist wahr, nicht gänzlich frei von Floskeln ist und deren geschmeidige Anverwandlung an den Bibeltext sich nicht in jeder Wendung auf der Höhe des zur selben Zeit gerade in dieser Hinsicht vorbildhaft agierenden Heinrich Schütz bewegt. Lohnend ist die Begegnung dennoch allemal.

Dramatiker

Vor zwei Jahrzehnten hatten sich Philippe Pierlot und sein Ricercar Consort mit gutem, vielleicht nicht herausragendem Ertrag dieser Musik angenommen. Jetzt ist eine von Paul O‘Dette und Stephen Stubbs verantwortet Interpretation des Boston Early Music Festival Chamber Ensemble zu verzeichnen. Stubbs hatte als Professor lange Jahre an der Hochschule für Künste in Bremen unterrichtet und aus dieser Zeit eine enge Verbindung zu den Produzenten von Radio Bremen gehalten. Dieser Kontakt und das Engagement des Labels cpo haben dem Bostoner Ensemble eine Reihe preisgekrönter Aufnahmen barocker Opern, überwiegend aus dem französischen Repertoire, ermöglicht, die das Festival und seine Arbeit auch in Europa bekannt gemacht haben.

Den Evangelisten in Sebastianis Matthäus-Passion gibt Colin Balzer mit bemerkenswerter stimmlicher Autorität. Seine modulationsfähige, im Grundsatz schlanke Stimme schwingt sich immer wieder mühelos zu kraftvollen Gesten auf. Der Evangelientext wird entschieden und lustvoll expliziert. Die Diktion ist erfreulich natürlich – eine nicht zu unterschätzende Qualität in Sebastianis eilig dahinfliegender Syllabik. Christian Immlers Jesus packt die Musik dramatisch bei den Hörnern, kraftvoll und viril, souverän und beteiligt: Ein echtes Porträt des Akteurs in einem sich entfaltendem Drama. Die Sopranistin Ina Siedlaczek erweist sich als wandlungsfähige chorale Stimme, schafft mit leichtem Zugriff Momente der Reflektion. Und sie bringt ein feines lyrisches Moment ein, das den dramatischen Gang im Kontrast sehr lebendig wirken lässt. Die Soliloquenten agieren rollendeckend; der Petrus von Jonathan Woody wie der Pilatus von Jason McStoots dabei nicht ganz so einschmeichelnd und zutreffend wie Balzer und Immler in ihren freilich ungleich größeren Partien. Alle Vokalisten gemeinsam formieren in den kurzen Turbae ein Kammerensemble von schlichter Schönheit.

Die instrumentale Ebene wird von einem fabelhaften Gamben-Consort und den beiden nicht weniger luziden Violinen getragen. Wirklich geprägt aber wird es von dem in üppigen Farben prunkenden Basso continuo. Das sind Paul O‘Dette und Stephen Stubbs auf ihren Theorben, dazu Michael Sponseller auf der Orgel und Michael Fuerst auf dem Cembalo. Vor allem O‘Dette und Stubbs geben mächtig Gas in den dramatischen Steigerungen, schattieren aber auch subtil ab.

All das vollzieht sich in einem stetig fließenden Gang der kleinen Szenen, ist dynamisch erstaunlich weit gefächert, mit etlichen scharfen Wirkungen an den neuralgischen Punkten: Man hört dem Ensemble deutlich seine musikdramatische Erfahrung an. Das Klangbild ist konzentriert in seiner Wirkung; vor allem in der Basssphäre ist viel plastisches Gefüge zu hören, dazu eine schimmernde Brillanz in den Streichern.

Wie in jedem Jahr gibt es die doppelte Frage: Wer macht welche Bach-Passion? Und wer präsentiert interessante Alternativen? Zu letzteren ist diese Matthäus-Passion von Johann Sebastiani zu zählen. Stubbs & Co. spielen ihre ganze musikdramatische Erfahrung zum Besten der Musik aus. Sebastiani also zwischen Schütz und Bach? Sicher. Aber auch das Dazwischen ist nicht ohne Reiz.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Sebastiani, Johann: Matthäus Passion

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
cpo
1
22.02.2018
65:38
EAN:
BestellNr.:

761203520428
cpo 555 204-2


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Sebastiani, Johann
 - Matthäus Passion (1663) - Symphonia und Chor
 - Matthäus Passion (1663) - Und es begab sich
 - Matthäus Passion (1663) - O Welt, ich muß dich lassen
 - Matthäus Passion (1663) - Wahrlich, ich sage euch
 - Matthäus Passion (1663) - Gott sei gelobet
 - Matthäus Passion (1663) - Und da sie den Lobgesang gesprochen hatten
 - Matthäus Passion (1663) - Vater unser im Himmelreich
 - Matthäus Passion (1663) - Und nahm zu sich Petrum
 - Matthäus Passion (1663) - Dein Will gescheh
 - Matthäus Passion (1663) - Und er kam und fand sie aber alle schlafend
 - Matthäus Passion (1663) - O Lamm Gottes unschuldig
 - Matthäus Passion (1663) - Da speieten sie aus in sein Angesicht
 - Matthäus Passion (1663) - Petrus aber saß draßen im Palast
 - Matthäus Passion (1663) - Erbarm dich mein
 - Matthäus Passion (1663) - Symphonia à 4
 - Matthäus Passion (1663) - Des Morgens aber
 - Matthäus Passion (1663) - Führ uns, Herr, in Versuchung nicht
 - Matthäus Passion (1663) - Aber die Hohenpriester
 - Matthäus Passion (1663) - O Lamm Gottes unschuldig
 - Matthäus Passion (1663) - Da aber Pilatus sahe
 - Matthäus Passion (1663) - O Lamm Gottes unschuldig
 - Matthäus Passion (1663) - Und indem sie hinausgingen
 - Matthäus Passion (1663) - Herr Jesu Christ, wahr' Mensch und Gott
 - Matthäus Passion (1663) - Und von der sechsten Stunde an
 - Matthäus Passion (1663) - Herr, meinen Geist befehl ich dir
 - Matthäus Passion (1663) - Etliche aber, die da stunden
 - Matthäus Passion (1663) - Mit Fried und Freud ich fahr dahin
 - Matthäus Passion (1663) - Und siehe da, der Vorhang im Tempel zerriß in zwei Stück
 - Matthäus Passion (1663) - Denn es waren viel Weiber da
 - Matthäus Passion (1663) - O Traurigkeit!
 - Matthäus Passion (1663) - Es war aber allda Maria Magdalena
 - Matthäus Passion (1663) - Conclusio. Dank sei dem Herren
 - Danksagungsliedchen: Was soll ich, liebster Jesu du -


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Dirigent(en):O´Dette, Paul
Stubbs, Stephen
Interpret(en):Balzer, Colin
Immler, Christian
Siedlaczek, Ina
Medley, Nathan
McStoots, Jason
Woody, Jonathan


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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