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Freitag, 14. August 2020

Belcanto - The Tenors of the 78 Era

Vergessene Gesangskunst


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die 'Belcanto'-Dokumentation von Jan Schmidt-Garre überzeugt mit einer umfangreichen Sammlung von Texten, Filmen und Tonaufnahmen.

Die bereits Ende der 1990er Jahre produzierte Doku-Reihe 'Belcanto – The Tenors of the 78 Era' ist vom Label Naxos nun endlich als großes Gesamtpaket veröffentlicht worden. Enthalten sind neben den Doku-Filmen und einem Doppel-CD-Set eine weitere Bonus-DVD sowie zusammen fast 200 Seiten lange Booklet-Texte, die tiefere Einblicke in die Dokumentation und zahlreiche Aufsätze zum Thema Belcanto liefern. Das umfassende Angebot wird durch die sprachliche Barriere dennoch etwas getrübt. Das Naxos-Set ist ausgenommen in Englisch produziert worden und die Essays, die vielleicht nicht immer den Standard einer musikwissenschaftlichen Analyse erreichen, für einen reinen Booklet-Text aber in jedem Fall überqualifiziert sind, werden am Ende nur die Käufer mit ausreichenden Englischkenntnissen genießen können.

Schallplatten- und Schauspielkarriere

Die über sechs Stunden dauernde Dokumentation als solche besteht aus 12 knapp halbstündigen Einzelporträts von Tenören, die ihre größten Erfolge in der Anfangsphase der Schallplatte feierten. Das verbindende Element dieser Tenöre scheint dabei die Tatsache zu sein, dass die Sänger ebenfalls in der Frühphase des Films bereits aktiv waren und viele von ihnen teilweise als Schauspieler Karriere machten. Hierbei ist insbesondere Joseph Schmidt zu nennen, der selbst nie auf der Opernbühne stand. Die Auswahl der Tenöre ist somit mehr an den Umstand gebunden, ob es ausreichend Videomaterial zu ihnen gibt, und orientiert sich nicht zwangsläufig am Terminus Belcanto. Typische Belcanto-Sänger wie Fernando de Lucia oder Alessandro Bonci werden nur nebenbei erwähnt, erhalten jedoch kein Einzelporträt, wohingegen ein Sänger wie Lauritz Melchior sehr wohl ausgewählt wurde. Im Booklet und in der Dokumentation wird diese Sängerauswahl für den Zuschauer nachvollziehbar gemacht, gleichwohl besteht die Möglichkeit, dass einem Käufer sein Idol der Schellackzeit vorenthalten bleibt.

Die Dokumentation ist auch mit Blick auf ihre Entstehungszeit durchaus innovativ gestaltet. Regisseur Jan Schmidt-Garre versucht gar nicht erst, in einer knappen halben Stunde die Karriere eines Enrico Caruso detailgenau nachzuerzählen; stattdessen werden im Film einzig die wichtigsten biographischen Eckdaten eingeblendet. Das Hauptaugenmerk liegt derweil auf Gesangstechnik und -ästhetik des jeweiligen Sängers, wobei durch Filmmaterial einer Gesangsdarbietung und einer rein auditiven Analyse Charakteristika des jeweiligen Tenors herausgearbeitet werden. Jürgen Kesting erläutert bei gleichzeitigem Abspielen der Schallplatte durchaus fundiert das Gehörte (für den ein oder anderen Musiklaien möglicherweise bisweilen zu kompliziert). Dennoch fällt auch er ab und an in einen nicht mehr wissenschaftlichen, sondern metaphorischen Jargon, wenn er etwa Tito Schipas Stimme mit ‚wie Sonnenstrahlen, die durch den Nebel gehen‘ charakterisiert. Darüber hinaus trüben die in Dokumentationen so üblichen Erfahrungsberichte von gealterten Verwandten und Bekannten die Qualität der Produktion. Die meisten Zuschauer interessiert es wenig, ob Caruso aufgrund seines Aberglaubens als 14. Person einen kleinen Jungen mit an den Abendessenstisch bat, auch wenn dieses Ereignis für den altgewordenen Jungen bis heute natürlich etwas Besonderes ist.

Unpolitische Sänger?

Auch der rote Faden ist in der Dokumentation nicht immer gegeben, was wohl am deutlichsten im Porträt zu Helge Rosvænge ersichtlich wird. Dieser sang in den 30er Jahren den Parsifal in Bayreuth, was zum Anlass genommen wurde, einen Exkurs zum Heldentenor Max Lorenz zu beginnen, ohne diesen in irgendeiner Weise mit der Wagnerdarbietung von Rosvænge – um den es ja eigentlich geht – zu verknüpfen. Stattdessen kommt der Verdacht auf, dass dieser Exkurs erneut einzig aufgrund des vorhandenen Videomaterials aus der NS-Zeit eingefügt wurde. Stichwort NS-Zeit: Während Kesting die Problematik der Zeit in eine neutrale Analyse integrieren kann, kommt von den Verwandten der Sänger nur das übliche Unschuldsbekenntnis und der Verweis, wie unpolitisch die Sänger doch gewesen seien. Das diktatorische System sei dementsprechend verantwortlich gewesen und die Tenöre hätten in ihrer ‚gutmütigen Naivität‘ die verheerenden Auswirkungen nicht richtig durchschaut. Ein kritischer, selbstreflektierender Blick auf dieses Thema bei den Sängerbiographien von Rosvænge, Beniamino Gigli oder Ivan Koslowski hätte der Dokumentation sicherlich noch mehr Tiefe verleihen können; immerhin blieb dieses Feld nicht gänzlich unbeachtet.

Sängerentdeckungen

Die Vorzüge der Dokumentation liegen am Ende in der Anzahl von heute zumeist schon vergessenen Sängergrößen. Allein der Name Ivan Koslowski dürfte außerhalb seiner Heimat Russland nur sehr wenigen bekannt sein; hört und sieht man jedoch einen Filmausschnitt aus einem Opernfilm von 'Boris Godunow', bei dem Koslowski die Rolle des Gottesnarren zu einem Glanzauftritt der Oper ausbaut, wird wohl jeder dazu angeregt, sich intensiver mit diesem Sänger zu beschäftigen. Diejenigen, die sich von den Erklärungseinfügungen Kestings beim Hören der Aufnahmen gestört fühlen, können auf den beiden CDs die Sängerdarbietungen ungestört nachhören. Die CDs sind darüber hinaus nicht nur das große Highlight des Belcanto-Sets, sondern markieren in ihrer musikalischen Qualität einen der größten Schätze der Aufnahmegeschichte. Mit dabei sind dieses Mal auch eine Aufnahme von Fernando de Lucia und dem einzig je aufgenommenen Kastraten Alessandro Moreschi. Nach Hören der CDs wird man sich außer in puncto Klangqualität – auf die typischen Kratzgeräusche der alten Aufnahmen muss man sich einstellen – sicher nicht mehr ohne Weiteres an den heutigen Gesangsdarbietungen erfreuen. Dennoch ist es nicht das Ziel der Dokumentation, ein nostalgisches Sehnsuchtsempfinden beim Zuschauer zu erwecken, wie man es dem Booklet und insbesondere dem Zusatzfilm 'Dialogue with Eternity' entnehmen kann. Vielmehr soll ein sensibleres Bewusstsein über die Geschichte des Gesangs geschaffen werden. In diesem Sinne sei so manchem Vertreter eines historisch-authentischen Stils dieses Set wärmstens empfohlen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Belcanto: The Tenors of the 78 Era

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
5
09.03.2018
Medium:
EAN:

DVD
747313538959


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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