> > > Mozart, Wolfgang Amadeus: Le nozze di Figaro
Donnerstag, 16. September 2021

Mozart, Wolfgang Amadeus - Le nozze di Figaro

Aus überraschender Ecke


Label/Verlag: ICA Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Schöner Fund aus dem Archiv: Karl Böhm, die Wiener Philharmoniker und namhafte Solisten konzertant mit Mozarts 'Le nozze di Figaro'.

Die Richard Itter Broadcast Collection kennt man für gewöhnlich auf dem Label Lyrita Recorded Edition, seit dem Tod seines Gründers Richard Itter Tochter von Nimbus. Die nun vorgelegte konzertante Aufführung von Mozarts 'Le nozze di Figaro' aus der Londoner Royal Festival Hall vom 13. September 1954 erscheint aber auf ica – einem Label mit Schwerpunkt auf renommierten Dirigenten in historischen Aufnahmen. Richard Itter hat seinerzeit einerseits britische Musik in hochkarätigen Aufnahmen produziert, wenn EMI oder Decca wieder einmal nicht interessiert waren, andererseits schnitt er für private Zwecke zahllose Rundfunkübertragungen mit, die heute teilweise im BBC-Archiv fehlen. Durch einen Lizenzvertrag werden nun zahlreiche dieser Mitschnitte auch der Öffentlichkeit zugänglich – so auch dieser Londoner 'Figaro' unter Karl Böhm mit den Wiener Philharmonikern und dem Wiener Staatsopernchor sowie mit Solisten, die wir fast alle in diesen Rollen kennen, doch nicht in der vorliegenden Konstellation.

Lisa Della Casa hatte die Contessa Almaviva 1951 in Glyndebourne unter Fritz Busch gesungen, Paul Schöffler (Conte), Irmgard Seefried (Susanna), Sena Jurinac (Cherubino) und Erich Kunz (Figaro) gehörten zu Buschs Wiener Besetzung 1950. 1956 dirigierte Karl Böhm in Wien seine erste 'Figaro'-Studioproduktion (mit den Wiener Symphonikern) – damals eine eher ‚untergegangene‘ Produktion neben diversen fast zeitgleich erschienenen Produktionen, die bis heute (nicht selten ‚ungehört‘) als weniger inspiriert angesehen wird als die Konkurrenzeinspielungen. Böhms Wiener Studiobesetzung wartet mit Schöffler und (nun als Contessa) Sena Jurinac auf, während der (überraschend kraftvolle, fast nicht wiederzuerkennende) Antonio der vorliegenden Aufführung, Walter Berry, auf den Figaro ‚upgraded‘. Seefried, Jurinac und Kunz waren mit ihren Partien schon 1950 in Wien mit Karajan ins Studio gegangen (ohne Rezitative), Della Casa war Erich Kleibers Contessa 1955.

Böhms Tempi haben sich im Vergleich zu seiner Wiener Studioproduktion kaum verändert, manch einer mag sie etwas behäbig nennen. Doch kaum beginnen die Sänger mit ihrer ‚Arbeit‘, stellen sie (vielleicht nicht in allen Punkten rein vokal) singdarstellerisch ganze Generationen Mozartsänger in den Schatten. Seefried und Kunz sind (wie sie immer waren) ein erfrischendes, mitreißendes Dienerpaar, Della Casa und Schöffler ein distinguiertes Grafenpaar. Schöffler gibt den markigen Herrn, Della Casa die verletzliche Edeldame (sauberer intonierend als in manch anderem Live-Mitschnitt, aber auch mit vielen Intonationstrübungen). Im Vergleich zu den Aufnahmen aus Wien von 1950 legt Jurinac den Cherubino nun lyrischer an (auch bedingt durch Böhms Dirigat) – vielleicht bereits eine deutliche Ankündigung des Fachwechsels? Murray Dickie ist ein verlässlicher, stark charakterisierender Basilio, Anny Felbermeyer eine lyrische, kindlich klingende Barbarina (beide wie auch unter Kleiber im Studio). Oscar Czerwenka (hier wie dort unter Böhm der Bartolo) ist routiniert, vokal im Grunde mittelmäßig, darstellerisch drastisch. Noch bedenklicher vokal die Marcellina der Rosette Anday, die ihren Zenit deutlich hörbar überschritten hat, und neben der Seefried im Duett darum umso heller strahlt.

Wie damals üblich, fehlen die beiden Arien von Basilio und Marcellina im letzten Akt, und auch sonst sind die üblichen Kürzungen vorgenommen, so dass die Aufführung auf 2 CDs passt. Die dramatische Kraft der Aufführung steht außer Frage und beweist die starke Mozart-Aufführungstradition damaliger Zeit (das damals benutzte Klavier entspricht dem Aufführungsstil weit besser als das zu Mozarts Zeit hierzu schon kaum mehr verwendete Cembalo).

Das Booklet bietet eine erfreuliche Verlebendigung der damaligen Zeit; einzig das Coverfoto (Böhm im Wiener Musikverein) passt denkbar wenig zum Londoner Mitschnitt. Richard Itters Monobänder sind vorzüglich restauriert und geben einen nur wenig gefilterten Eindruck des Musikerlebens (allerdings scheinen die hohen Frequenzen auf dem Band, vermutlich durch die Rundfunkübertragung, zu fehlen). Ein schönes, stimmungsvolles, ein überraschendes Dokument, das die bisherigen Produktionen angemessen ergänzt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mozart, Wolfgang Amadeus: Le nozze di Figaro

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ICA Classics
2
23.03.2018
Medium:
EAN:

CD
5060244551473


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ICA Classics

Mit ICA (International Classical Artists) entstand im Jahr 2011 das erste DVD- und CD-Label einer Künstleragentur. ICA bietet in seinem Katalog unter dem Label Legacy sowohl wertvolles Archivmaterial, das aus Quellen der BBC, des WDR Köln oder des Boston Symphony Orchestra stammt, als auch die in renommierten Konzertsälen entstandenen Aufnahmen der hauseigenen Künstler, die unter dem Label Live präsentiert werden. Die meisten der ICA-Titel erscheinen erstmals auf DVD oder CD. Alle historischen Aufnahmen sind nach dem neuesten Stand der Technik liebevoll und fachmännisch restauriert worden.

Für diese einmaligen Aufnahmen wurde das Label ICA bereits mit bedeutenden Preisen - wie dem Toblacher Komponierhäuschen, dem Internationalen Mahler Preis und mehreren Diapasons d'Or geehrt. Zu den besonders erfolgreichen Titeln gehören die 1986 entstandene Aufnahme von Mahlers Dritter mit Klaus Tennstedt und dem London Philharmonic Orchestra sowie die DVD mit dem Royal Philharmonic Orchestra und dem BBC Symphony Orchestra unter Rudolf Kempe mit Musik von Dvorak und Richard Strauss.

Das Team von ICA, dem auch die in der Musikindustrie erfahrenen Experten Stephen Wright und John Pattrick angehören, war in den vergangen Jahren am Erfolg von zahlreichen CD- und DVD-Produktionen beteiligt. Dazu gehören beispielsweise The Art of Conducting, The Art of Piano, The Art of Violin sowie die DVD-Serie Classic Archive. Darüber hinaus entstanden in Koproduktion Dokumentationen über Richter, Fricsay, Mravinsky und Toscanini. Das bereits 1998 gegründete BBC Legends Archiv-Label umfasst mittlerweile mehr als 250 CDs. Für EMI Classics entstand die CD-Serie Great Conductors of the 20th Century.


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