> > > Sir Thomas Beecham dirigiert: Werke von Haydn, Mozart, Mendelssohn, Wagner u.a.
Donnerstag, 13. Dezember 2018

Sir Thomas Beecham dirigiert - Werke von Haydn, Mozart, Mendelssohn, Wagner u.a.

Perfektionismus unter Live-Bedingungen


Label/Verlag: ICA Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Beecham war ein Jahrhundert-Dirigent. Diese 4-CD-Box macht mit bislang unveröffentlichten BBC-Mitschnitten von Konzert-Aufführungen wichtiger Werke seines Kern-Repertoires aus den letzten Jahren bekannt.

Die Aufführungs- und vor allem Schallplatten-Geschichte von Orchestermusik lässt sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts keineswegs auf den Antagonismus der beiden Heroen Furtwängler und Toscanini verkürzen. Während Bruno Walter und Willem Mengelberg noch hinter Furtwängler als – für sich höchst individuelle – Espressivo-Vertreter mit etwas kleinerer Tonträger-Hinterlassenschaft zugeordnet werden können, stellt der Fall Thomas Beecham (1879–1961) eine ganz andere Herausforderung dar. Wie Toscanini war Beecham in England für einen ungeheuren Qualitätsschub der Orchsterleistungen ab dem Ersten Weltkrieg verantwortlich: Schon in seinen frühen Tonträger-Aufnahmen für die englische Columbia Gramophone Company gründete er aus Spitzenmusikern eigene Orchester – 1915 das Beecham Symphony Orchestra, 1932 das London Philharmonic – oder trieb dem London Symphony Orchestra das Deputy-System aus. Der überragende Orchesterstandort London nach dem zweiten Weltkrieg, wo Columbia-Nachfolger EMI (HMV) auch mit Klemperer oder Karajan Referenzaufnahmen in Serie produzierte, geht fast ausschließlich auf sein Wirken zurück. Für Karajan mag Beecham, der schon in der Mono-Ära eine umfangreiche Diskographie an Studio-Aufnahmen schuf, sogar (unausgesprochen) das Vorbild für jenen Studio-Perfektionismus und jene ‚Schönklang‘-Ästhetik gewesen sein: Beecham war ein fanatischer Detailarbeiter und bereitete für das Studio wie den Konzertsaal jede Partitur mit sorgfältig annotiertem Orchestermaterial und meist auch Live-Aufführungen vor (einen guten Eindruck verschafft die Audio-Dokumentation 'The Great Communicator' von Jon Tolansky, EMI/Warner auf 4 CDs zum 50. Todestag des Dirigenten 2011).

Beechams spätes Kern-Repertoire in Live-Varianten

In diesen Rahmen gehören auch die Werke der vorliegenden Box. Die beiden enthaltenen Haydn-Symphonien (Nr. 99 und 101) wurden im Rahmen der späten Gesamtaufnahme der Londoner Symphonien 1958/59 sogar schon stereo aufgenommen. Wie in fast allen Studio-Aufnahmen Beechams sticht der besagte Perfektionismus vor allem in der sorgfältigen Phrasierung jeder Stimme und einem gekonnt abgestuften Gesamtklangbild hervor, das einen immer lebendig-strahlenden Streicherklang mit den sorgfältig formulierten Bläser-Partien der von Beecham trainierten Londoner Spitzen-Solisten mischt (Beecham ist wie Karajan eher auf einen ausgewogenen Mischklang als auf herbere Klangkontraste Furtwänglers und auch Toscaninis aus, ein klares Indiz der Vorbildfunktion für Karajans Schallplatten-Ideal). Spannung entsteht vor allem durch Tempi-Relationen: Hier haben die vorliegenden Live-Aufnahmen ihren Mehrwert, etwa im Finale der 'Uhr'-Symphonie, wo die orchestrale Virtuosität 1959 zurecht einen Jubelsturm im Konzertsaal hervorruft. Die hier sorgfältig auf CD edierten BBC-Mitschnitte klingen natürlich schlechter als Beechams zeitgleiche Studio-Hinterlassenschaft (in der Beecham-Jubiläums-Edition von 2011 auf dem Label EMI bzw. heute Warner sind alle Werke bis auf die Ouvertüre zum 'Fliegenden Holländer' in der Mozart/Haydn-Box und in 'The Later Tradition' enthalten). Die beiden Haydn-Symphonien auf CD 1 und auch Mozarts 'Linzer' (CD 2) zeigen aber in vielen Momenten, wie Beechams Phrasierungskonzept mit einer leidenschaftlichen Konzertdarbietung einhergehen kann. Gerade die beiden ältesten Aufnahmen von Haydns Nr. 99 und Mozarts Nr. 39 aus dem Jahr 1954 demonstrieren zudem, dass präzises Phrasieren und abgestimmter ‚Schönklang‘ durchaus auch Basis eines emotional tief berührenden Espressivo sein können (die Es-Dur-Symphonie KV 543 mit ihrem großartigen Andante con moto war offenbar gerade in dieser Hinsicht Beechams wie auch Karajans Lieblingsstück virtuoser wie auch dramatischer Überwältigung).

Hörbare Detail-Liebe und Leidenschaften des Augenblicks

Nicht so gelungen wie die Studio-Version ist allerdings Boccherinis Ouvertüren-Sinfonia op. 43 (die in der Idee, Umfang und Qualität Mozarts Sinfonia KV 318 entspricht): Das als einziges nicht im Kanon verankerte Werk dieser Anthologie wird live nicht mit den idealen Tempo-Relationen, sondern manchmal etwas zu zögerlich oder vorsichtig präsentiert. Und auch die Zweite Symphonie von Brahms, als Beechams Favorit (jenseits einer fehlenden Gesamtaufnahme) ebenfalls ein Glanzstück zwischen orchestralem Jubel und Gedankentiefe, zündet weniger als in der nicht nur klanglich viel überzeugenderen Studio-Version von 1958/59 (hier markiert die Live-Aufführung im November 1959 als eines der letzten Live-Konzerte Beechams zugleich den Abschluss der sich hinziehenden Studioproduktion). Die etwas burschikose Beethoven-Sicht Beechams wird in der Zweiten ebenso deutlich wie in den anderen Aufnahmen leider nur einzelner Symphonien (auch fehlt leider eine Gesamtschau Beechams). Liszts 'Faust-Symphonie' schließlich ist auf der vierten CD eine Demonstration von instinktiver Dramaturgie und Klangsinn dieses Dirigenten, der die durchaus gefährlichen Längen der Partitur durch die individuelle Spannung jeder einzelnen Stimmführung und einen imposanten Blick für formale Gesamtentwicklung ausgleicht: Beecham ist – Bernstein oder Masur weit hinter sich lassend – hier und im Studio der überragende Interpret dieses schwülstigen Opus gewesen.

Nachdem die ehemals von EMI vertriebene Mitschnitt-Reihe der 'BBC Legends' auch einige Novitäten in der Beecham-Diskographie präsentieren konnte (herausragend das komplette späte Konzert vom 8. November 1959 mit John Addisons 'Carte blanche' als Perle), sind die nun noch auf dem Nachfolge-Label ica vorgelegten Zeugnisse des Dirigenten – in etwas spartanischer Ausstattung, wo David Patmore im Booklet deutlich weniger referieren kann als früher in den Legends-Einzeleditionen – eine spannende Möglichkeit für Beecham-Liebhaber, die bekannten, besser aufgenommenen Studio-Aufnahmen mit weiteren Konzertdarbietungen (in verhältnismäßig gut restauriertem Mono) zu vergleichen. Zum Kennenlernen Beechams sei aber doch zuerst ein Blick in die inzwischen preiswerten Warner-Boxen mit den His-Master‘s-Voice-Produktionen empfohlen; als Liebhaber kann man dann zu diesen überzeugenden Konzertvarianten zurückkehren.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Sir Thomas Beecham dirigiert: Werke von Haydn, Mozart, Mendelssohn, Wagner u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ICA Classics
4
23.03.2018
EAN:

5060244551480


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ICA Classics

Mit ICA (International Classical Artists) entstand im Jahr 2011 das erste DVD- und CD-Label einer Künstleragentur. ICA bietet in seinem Katalog unter dem Label Legacy sowohl wertvolles Archivmaterial, das aus Quellen der BBC, des WDR Köln oder des Boston Symphony Orchestra stammt, als auch die in renommierten Konzertsälen entstandenen Aufnahmen der hauseigenen Künstler, die unter dem Label Live präsentiert werden. Die meisten der ICA-Titel erscheinen erstmals auf DVD oder CD. Alle historischen Aufnahmen sind nach dem neuesten Stand der Technik liebevoll und fachmännisch restauriert worden.

Für diese einmaligen Aufnahmen wurde das Label ICA bereits mit bedeutenden Preisen - wie dem Toblacher Komponierhäuschen, dem Internationalen Mahler Preis und mehreren Diapasons d'Or geehrt. Zu den besonders erfolgreichen Titeln gehören die 1986 entstandene Aufnahme von Mahlers Dritter mit Klaus Tennstedt und dem London Philharmonic Orchestra sowie die DVD mit dem Royal Philharmonic Orchestra und dem BBC Symphony Orchestra unter Rudolf Kempe mit Musik von Dvorak und Richard Strauss.

Das Team von ICA, dem auch die in der Musikindustrie erfahrenen Experten Stephen Wright und John Pattrick angehören, war in den vergangen Jahren am Erfolg von zahlreichen CD- und DVD-Produktionen beteiligt. Dazu gehören beispielsweise The Art of Conducting, The Art of Piano, The Art of Violin sowie die DVD-Serie Classic Archive. Darüber hinaus entstanden in Koproduktion Dokumentationen über Richter, Fricsay, Mravinsky und Toscanini. Das bereits 1998 gegründete BBC Legends Archiv-Label umfasst mittlerweile mehr als 250 CDs. Für EMI Classics entstand die CD-Serie Great Conductors of the 20th Century.


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