> > > Krieger, Johann Philipp: Musicalischer Seelen-Friede
Donnerstag, 19. Juli 2018

Krieger, Johann Philipp - Musicalischer Seelen-Friede

Interessante Nebenstimme


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Klaus Mertens engagiert sich kompetent für historische Nebenstimmen – nun für Geistliche Konzerte Johann Philipp Kriegers.

Johann Philipp Krieger (1649-1725), aus Nürnberg stammend und dort musikalisch früh gefördert, absolvierte als Jugendlicher eine fünfjährige Lehrzeit am dänischen Hof in Kopenhagen, lehnte im Anschluss daran ein Angebot aus Norwegen ab, um wieder in seine Heimat zurückzukehren. Er fand eine Stellung beim Markgrafen in Bayreuth, doch entpuppte sich diese als Sackgasse: Infolge kriegerischer Verwicklungen wurde das musikalische Leben so sehr reduziert, dass Krieger um seine Entlassung bat. Die wurde ihm zwar verwehrt, doch bewilligte der Markgraf eine Studienreise nach Italien. Die damit verbundenen Möglichkeiten nutzte Krieger voll aus: Er betrieb Kompositionsstudien bei Rosenmüller, pflegte vertrauten Umgang mit Cavalli, Carissimi und Legrenzi, reüssierte sogar als Organist in der päpstlichen Kapelle. Über Wien nach Bayreuth zurückgekehrt, fand er die Lage der Musik so trostlos wie zuvor – und erwirkte nun endlich seine Entlassung. Sein Weg führte ihn schließlich nach Halle und dann in die Residenz nach Weißenfels, womit Krieger seine Lebensstellung gefunden hatte. Ein großer Spannungs- und Traditionsraum ist es also, den dieser Weg umschließt und der in Kriegers Schaffen gespiegelt wird.

Er schrieb etwa 2.150 Kantaten – die Zahl wirkt selbst im Vergleich zu den etwas mehr als 1.400 Kantaten Christoph Graupners beeindruckend. Und er schuf Geistliche Konzerte; zwanzig davon, entstanden in den 1690er Jahren, wurden als 'Musicalischer Seelen-Friede' gedruckt. Aus dieser Sammlung präsentiert die aktuelle, auf dem Label cpo erschienene Platte, die Simone Eckerts Hamburger Ratsmusik gemeinsam mit dem Bass Klaus Mertens publiziert hat, fünf Konzerte, unterbrochen von einer handschriftlich überlieferten Sonate. Es sind Geistliche Konzerte reifen Zuschnitts, mit klar konturierten Soggetti und einer wunderbar plastischen Textausdeutung – oft sinnfällig in positivstem Verständnis, dabei nie flach oder vordergründig. Die beiden obligaten Violinen werden klassisch im Sinne ihrer Präsenz in den verwandten Werken der Zeit geführt – geschmeidig und eigenständig, aber doch funktional. Krieger fordert zuzeiten eine avancierte Geläufigkeit von der Vokalstimme, in den größer dimensionierten Halleluja-Schlüssen gar maßvoll virtuose Qualitäten. Und es sei angemerkt, dass in diesen Konzerten ein einkomponierter Übergang zur formal ausdifferenzierten Kantate steckt: Krieger bindet immer wieder quasi rezitativische Abschnitte in das ariose Geschehen ein.

Versiert

Der Bass Klaus Mertens zeigt sich in dieser schon 2015 realisierten Aufnahme souverän wie stets: Geistliche Musik der Zeit um 1700 ist einfach seine Musik. Das typische, auch bei Johann Philipp Krieger prägende Idiom – textgezeugt, extrem sprachgebunden, linear attraktiv und technisch mindestens fordernd – scheint Teil seines sängerischen Wesens geworden zu sein. Mertens‘ Stimme ist noch immer klangschön, sehr viril, in der Tiefe selten etwas trocken, ist geschmackvoll kontrolliert, in ausgeglichenen Registern: Brüche wird man vergeblich suchen. Mehr textgezeugte Artikulationsarbeit als bei Mertens ist schwerlich vorstellbar. In dieser Hinsicht ist der Vortrag vorbildlich wie immer. Eine in der Summe sehr überzeugende Präsentation.

Simone Eckerts Hamburger Ratsmusik ist eine glänzend harmonierende, eingespielte Formation. Im einzelnen sind es Christoph Heidemann und Gabriele Steinfeld auf den Violinen, Christian Walter auf dem Fagott, Sebastian Knebel auf der Orgel, Ulrich Wedemeier auf der Theorbe und natürlich Simone Eckert auf der Viola da gamba. Jedes der Instrumente leistet idiomatische, plastisch gezeichnete Beiträge. Es wird intensiv kommuniziert, die klar definierten Klangbilder ergänzen sich günstig. Die eingefügte Sonate wird für die gesamte Bandbreite der instrumentalen Möglichkeiten genutzt: Von ruhevoll-lyrischen Momenten bis zu hochlebendiger Bewegung. All diese Qualitäten kommen auch in den Konzerten zur Geltung, in gleichsam dienender Form. Das Klangbild ist konzentriert und gesammelt, leicht und durchscheinend, trotz der vokal-instrumentalen Bassdominanz. Alle Stimmen sind gut gefasst und plastisch abgebildet. Der Booklettext von Simone Eckert informiert mehr als verlässlich.

Bei Klaus Mertens denkt man natürlich an Bach und Buxtehude, auch an Telemann. Und was er für diese Komponisten geleistet hat, teils in Gesamteinspielungen, ist unbedingt eindrucksvoll. Zugleich hat er sich immer für historische Nebenstimmen engagiert, denen seine künstlerische Protektion in der Gegenwart durchaus nützt. So auch hier. Johann Philipp Krieger wird als interessante kompositorische Größe auf dem hohen Niveau jener Zeit präsentiert, in ebenso hochklassiger wie schlüssiger Deutung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Krieger, Johann Philipp: Musicalischer Seelen-Friede

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
22.02.2018
EAN:

761203503728


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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