> > > Reformation und Romantik: Orgelwerke von Schellenberg, Töpfer, Fährmann u.a.
Freitag, 21. Januar 2022

Reformation und Romantik - Orgelwerke von Schellenberg, Töpfer, Fährmann u.a.

Gott ist deutsch


Label/Verlag: Querstand
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Meisterlich gespielte Musik von Kantoren aus der Zeit der frühen und späten Romantik: Choräle aus der Zeit der Reformation im Dienst der religiösen und nationalen Vergewisserung.

Die vorliegende CD stellt in vielerlei Hinsicht ein interessantes Stück Musikgeschichte dar. Erschienen zum 500-jährigen Jubiläum des Thesenanschlags in der Schlosskirche zu Wittenberg, versammelt sie Kompositionen zu Liedern der Reformation, vornehmlich 'Ein feste Burg ist unser Gott'. Die Komponisten sind der Tonsprache der Romantik verpflichtet. Die Orgeln stammen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert und sind nach einigen entstellenden Bearbeitungen in einen Zustand zurückversetzt, der dem Original möglichst nahekommt. Die älteste Orgel ist die in der Laurentiuskirche Trebur; sie wurde von Bernhard Dreymann im Jahre 1844 erbaut, Walcker aus Ludwigsburg errichtete 1905 die Orgel in der Französisch Reformierten Kirche in Wiesbaden und verwendete dabei Material aus einer Vorgängerorgel, und die Orgel in der Lutherkirche Wiesbaden wurde im Jahre 1910 ebenfalls von Walcker erbaut. Alle drei Orgeln sind bestens dokumentiert: Baugeschichte, Disposition und aussagekräftige Fotos sind im Booklet enthalten.

Das Interesse richtet sich jedoch vornehmlich auf die Stücke, die der äußerst versierte Bad Vilbeler Organist und Orgelsachverständige Thomas Wilhelm eingespielt hat. Sämtliche Komponisten sind eher Randerscheinungen der Musikgeschichte und bislang kaum auf CDs repräsentiert, geschweige denn in Konzerten. Es handelt sich also um Ersteinspielungen. Die Tonsprache ist einerseits, fast möchte man sagen: natürlich!, geprägt von Johann Sebastian Bach, andererseits von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Hermann Schellenberg (1816-1862) war Organist in Leipzig. Er arbeitete den Choral 'Ein feste Burg ist unser Gott' in eine ausführliche Improvisation ein. Er beherrschte die Fuge ebenso wie das ausgedehnte Pedalsolo. Der vollständige Choral erklingt erst nach Vollzug der Improvisation gleichsam als Coda.

Samuel de Lange (1840-1911) war der Sohn eines Rotterdamer Pianofabrikanten. Der Höhepunkt seiner Karriere war in Stuttgart erreicht, als er dort Leiter des Konservatoriums wurde. Von ihm sind sonatenartige Bearbeitungen von 'Ein feste Burg' und, als Referenz an die Genfer Reformation, des 66. Psalms 'Jauchzt alle Lande, Gott zu ehren' eingespielt. Er baut seine Stücke auf motivischen Schnipseln aus den Chorälen auf, die sich im Laufe der Komposition zu den gesamten Melodieverläufen entwickeln – ein durchaus reizvolles Verfahren.

Gott ist deutsch

Paul Friedrich Ernst Gerhardt (1867-1945) war in Leipzig-Plagwitz und in Zwickau tätig. Seine Bearbeitung von 'Ein feste Burg' ist von hohem formalen Reiz. Die Melodie wird nicht mehr in ihrem ursprünglichen Verlauf bearbeitet, sondern nach dem Inhalt der einzelnen Textzeilen. Das hat zu tun mit der politischen Situation des Entstehungsjahres; das Stück entstand im Jahre 1917, also während der Endphase des 1. Weltkrieges. ‚Der alt böse Feind‘, das sind die Alliierten, die Deutschland bedrängen. ‚Mit unsrer Macht ist nichts getan‘, das ist die schmerzvolle Einsicht in die Übermacht der Feinde. ‚Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen‘ ist schließlich die Hoffnung der kriegführenden Nation. Das alles wird in einer weit ausholenden Fantasie dargestellt, in der die Orgel mit allen ihren Stimmen und Registern zum Zuge kommt. Von Gerhardt stammen auch acht kurze Charakterstücke über Choräle aus der Reformationszeit, die für den Kirchenmusiker eine willkommene Bereicherung darstellen dürften. Sie sind als Präludien für den Gottesdienst wie als Choralvorspiele zur Einleitung des Gesanges geeignet. Zu nennen sind dann noch Johann Gottlob Töpfer (1791-1870) auf der Schwelle zwischen klassischer und romantischer Tonsprache und Hans Fährmann (1860-1940), der den Choral einer breiten Fantasie und einer Doppelfuge unterzieht.

Die Werke werden mit großer Virtuosität dargeboten; technische Probleme scheint der Organist nicht zu kennen. Das Pedal bedient er ebenso virtuos wie das Manual. Zudem versteht er es, die Klangcharakteristik der verschiedenen Orgeln und ihrer Register ohrenfällig darzustellen. Die musikalischen Verläufe werden dadurch kongenial dargestellt. Ein kleiner Einwand gilt für die Bindung vollgriffiger Akkorde, die wohl ein stärkeres Legato erfordern müsste. Da ich aber das Notenbild nicht kenne und Vergleichsaufnahmen nicht zur Verfügung stehen, bleibt es hier bei bloßen Mutmaßungen.

So hätte man es mit einer rundum gelungenen Novitä und einem interessanten Programm zu tun, wenn nicht zwei Umstände hinderlich wären. Es handelt sich bei den meisten Kompositionen um Musik der Gründerzeit, also um Klänge, die der nationalen Größe gewidmet sind. ‚Unser Gott‘, das ist deutlich hörbar der Gott der Deutschen. Das muss man mögen, um diese Musik zu goutieren. Der andere Umstand ist der, dass der Abstand zu den musikalischen Entwicklungen der Umwelt, in der diese Musik erklang, doch sehr groß ist. Von den Erschütterungen eines Gustav Mahler oder Max Regers, von der Klangpracht und Virtuosität der französischen Orgelromantik sind die Stücke weit entfernt. Es handelt sich um wirkungsvolle Kantorenmusik, die den Hörer nicht verunsichert, sondern ihn in seinem Glauben und seiner nationalen Identität bestärken will. So ist eine Einspielung entstanden, die man mit Interesse als musikwissenschaftliche Bereicherung hört, die auch Bewunderung für den Organisten abnötigt. Darin hat sie ihre Berechtigung. Die große musikalische Erschütterung oder Erleuchtung kann sie und will sie nicht leisten. Orgelfreunde werden ihre Freude daran haben.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Reformation und Romantik: Orgelwerke von Schellenberg, Töpfer, Fährmann u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Querstand
2
07.02.2018
Medium:
EAN:

CD
4025796017199


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Querstand

Mit viel Liebe zum Detail bringt das querstand-Label dem interessierten Hörer die Vielfalt und Schönheit der klassischen Musik auf wenig ausgetretenen Pfaden näher. Das Label hat sich seit 1994 durch die Produktion hochwertiger klassischer CDs einen ausgezeichneten Ruf erworben. Über 500 Produktionen werden weltweit vertrieben, wobei ein Augenmerk auf Orgelmusik liegt. Die Gesamteinspielung der Orgelwerke von Johann Ludwig Krebs (bisher 11 CDs) und des Kantaten- und Orchesterwerkes des berühmten Bachschülers bilden ein Glanzlicht des Labels, dem mit der Serie ?Die Orgeln von Gottfried Silbermann? (8 CDs) ein weiteres zur Seite gestellt wurde (Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2003). Auch im kammermusikalischen und sinfonischen Bereich wurden zahlreiche CDs veröffentlicht, etwa mit dem Gewandhausorchester Leipzig. Mit der Aufnahme des Passionsoratoriums ?Der Tod Jesu? von Carl Heinrich Graun mit dem MDR Rundfunkchor und dem MDR Sinfonieorchester unter Howard Arman gewann das Label 2005 einen ECHO Klassik-Award. Im Jahre 2013 erhielt die 9-CD-Box mit allen Sinfonien Anton Bruckners, eingespielt von Herbert Blomstedt mit dem Gewandhausorchester Leipzig, den ICMA (International Classical Music Award). Mit Verlagssitz im Thüringischen Altenburg kann querstand von der einzigartigen Vielfalt der mitteldeutschen Musiklandschaft profitieren, die sich auch im Verlagsprogramm niederschlägt. Neben den vielseitigen Einflüssen der fantastischen Orgellandschaft der Region, ist es auch die Nähe zur Musikstadt Leipzig mit ihrer wunderbaren Tradition und facettenreichen Szene, auf die das Label besonderes Augenmerk richtet.


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