> > > Rétrospective: Zeitgenössische Chorwerke österreichischer Komponisten
Sonntag, 21. Juli 2019

Rétrospective - Zeitgenössische Chorwerke österreichischer Komponisten

Gemäßigt modern


Label/Verlag: ORF
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die vorliegende Aufnahme bietet ein Spektrum österreichischer Chormusik von Anton Heiller und zweien seiner Schüler.

Florian Maierl gründete 2006 in Wien den Chor coro siami, der mehrere Preise gewann. Wie die vorliegende CD bezeugt, hat der Chor diese Auszeichnungen ganz und gar verdient. Er singt sehr durchsichtig, mit schmalem Vibrato, mit klangvollen Stimmen und einem hohen Grad an chorischer Verschmelzung. Ähnliches ist dem Chorus Viennensis zu berichten, der 1952 aus den Wiener Sängerknaben hervorging. Der Leiter beider Chöre, Wolfgang Sauseng, garantiert somit für einen hohen Grad an Authentizität in der Aufnahme der Werke.

Der Spiritus rector dieser Chorwerke ist Anton Heiller (1923–1979), der fast ausschließlich geistliche Werke für Orgel und Chor komponierte und eine österreichische Leitfigur geistlichen Musizierens war. Er verbindet eine polyphone Schreibweise mit wohlausgewogenen Elementen aus der Musik des 20. Jahrhunderts. Auf diesem Weg sind ihm Sauseng (geb. 1954) und dessen Schüler Florian Maierl (geb. 1985) gefolgt. Auch diese Komponisten spielen eine hervorragende Rolle in der geistlichen und der Kirchenmusik Österreichs.

Die Kompositionen sind das, was man ‚gemäßigt modern‘ zu nennen pflegt. Das heißt, sie verbinden durchweg traditionelle musikalische Formen mit einer oft dissonanten Klangsprache, ohne den Bereich der Tonalität zu verlassen. Den Auftakt macht ein humoristischer Chorsatz Anton Heillers über das Nörgeln. Seine weiteren Werke auf der CD beschäftigen sich mit Marienmystik und einem Text aus dem Neuen Testament. Auch ein Wiegenlied ist darunter. Sauseng steuert ein stimmungsvolles altindisches Gebet bei und zwei Kompositionen über Texte des herausragenden Lyrikers Erich Rentrow. Hier findet auch der Sprecher Cornelius Obonya seine Texte, die er intensiv rezitiert. Florian Maierl ist mit einer Messe vertreten.

Der Untertitel der CD, ‚Zeitgenössische österreichische Chormusik‘, scheint mir leicht übertrieben zu sein. Alle Kompositionen bedienen sich einer Tonsprache, die sich von Hugo Distler, Ernst Pepping und Paul Hindemith herleitet. Nur an einer Stelle flüstert der Chor; ansonsten singt er wie ein hoch motivierter Kirchenchor ersten Ranges. Von der Stringenz eines Ernst Krenek, von seiner avancierten Tonsprache ist diese Veröffentlichung weit entfernt; noch weiter von den Experimenten Roman Haubenstock-Ramatis, um nur zwei österreichische Komponisten zu nennen, die der zeitgenössischen Chormusik neue Impulse gaben. Wir haben es hier mit einer hervorragenden Aufnahme von Werken zu tun, die nicht ganz das einlösen, was der Titel verspricht.


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    Rétrospective: Zeitgenössische Chorwerke österreichischer Komponisten

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ORF
1
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EAN:

CD
9004629315959


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ORF

Wer hätte gedacht, dass sich die "ORF Edition Alte Musik" in wenigen Jahren zu einem international renommierten Label entwickelt. Mit vielen Plattenpreisen ausgezeichnet, umfasst die Edition nun hundert Titel. Künstler der Edition feiern mit Freunden und Gästen im Palmenhaus.

"Alte Musik - neu interpretiert"
Die ORF Edition Alte Musik feiert ihren 100. Titel
Zum Jubiläum der «ORF Edition Alte Musik» zu schreiben, heisst zuerst einmal, all denen zu danken, die mitgeholfen haben, die über 100 CD aus der Taufe zu heben, vor allem den Musikern, die ihre ganze künstlerische Kraft gaben und schließlich auch jenen, die die fertigen Produkte gekauft haben. Und das sind viele: so könnte im Schnitt jedes Ö1-Club-Mitglied zwei Titel der Edition besitzen. Ich bedanke mich herzlich!

Ziel dieser Edition ist es, musikalisches Neuland zugänglich zu machen (ich denke hier in erster Linie an die Unica-Reihe, in der bisher ungehobene Schätze veröffentlicht, werden oder die Serie "paradise regained - polyphonie der renaissance") und neben bereits renommierten Künstlern auch Newcomers der Szene zu präsentieren. Die Akzeptanz der Aufnahmen beim Publikum und der Presse ist hoch. Mit vielen internationalen Preisen - wie etwa dem begehrten "diapason d'or" in Frankreich oder den "5 stars" des Goldberg Magazine - ausgezeichnet, ist die Edition heute eines der weltweit führenden Labels für Alte Musik.
Glücklicherweise wurde das Projekt von Anfang an von leidenschaftlichen Menschen, Kollegen, Künstlern und Publikum mitgetragen und gefördert: Gerhard Weis, der als Generalintendant und Händel-Fan die Edition erst ermöglichte, Freunde und Stars wie Nikolaus Harnoncourt, Jordi Savall, William Christie, Marc Minkowski, Christophe Rousset, Ton Koopman, Philippe Herreweghe, Gustav Leonhardt, René Jacobs oder Giovanni Antonini, die das Einverständnis zur Veröffentlichung ihrer Aufnahmen in der Edition gaben und schließlich von den Aufnahmeleitern Wolfgang Sturm, Erich Hofmann und Wolfgang Racher. Ohne den Einsatz, das Interesse an neuen Formaten und unorthodoxen Aufnahmeverfahren und ohne eine große Portion Idealismus von Technikern wie Robert Pavlecka, Josef Schütz und Klaus Wachschütz hätte vieles nicht stattfinden können. So wurden in der Edition die ersten 5.1-surround Aufnahmen und die ersten SACD des ORF veröffentlicht.

Für mich ist freilich dieses Jubiläum ein Anlass, auch über die Zukunft der Edition, ja die Zukunft der sogenannten "Alten Musik" generell nachzudenken. Die medialen Entwicklungen der jüngsten Zeit lassen Böses erahnen. Praktisch jedem wird Werkzeug in die Hand gegeben, um sich mittels Video oder Audio z. B. per Podcast zu verwirklichen. Eine Informations- und Datenflut bricht auf uns herein. Eine gigantische Welle, die wohl zum Großteil zu entsorgenden Müll mit sich schwemmt.
Informationen, die auf allgemeines Desinteresse stoßen, niemanden - außer wenigen - interessieren. Freiheit und Möglichkeit für alle, sich zu produzieren. "Man muss ja nicht hinschauen oder -hören!" - Doch dazu muss der Mensch erst motiviert werden. Wenn ich darüber nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass gerade die Alte Musik mit ihren oft klaren Strukturen, Harmonien und Melodien den Menschen das gibt, was viele suchen: emotionelle Identifikation. Gerade diese Möglichkeit der Identifikation wird in Zukunft an Wert gewinnen, wenn auch Musikkultur immer mehr zur Eventkultur, wenn ganz individuell erkannte und gewonnene Inhalte durch global geprüftes, vorgekautes "Gourmet-Menü" in Frage gestellt werden. "Fast food" oder "Mainstream" wird Alte Musik nie sein! Dass sie weiterhin an Publikum gewinnt, zeigt sich auch an der Akzeptanz der ORF Edition Alte Musik.

Bernhard Trebuch
Herausgeber der ORF Edition Alte Musik


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