> > > En travesti: Arien von Händel, Vivaldi, Rossini, Donizetti, Mascagni u.a.
Freitag, 6. Dezember 2019

En travesti - Arien von Händel, Vivaldi, Rossini, Donizetti, Mascagni u.a.

Mehr als einfach Hosenrollen


Label/Verlag: BR-Klassik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


'En travesti' ist ein stilistisch breit gefächertes und kurzweiliges Album einer wandlungsfähigen Künstlerin.

’Das Spiel mit den Geschlechtern ist in der Oper seit jeher ein wichtiger Bestandteil. Sei es, dass Männer in Frauenrollen auftraten, sowohl in ernster wie in komischer Hinsicht, oder eben Frauen in Männerkleidern, als Tarnung oder als vollendeter Geschlechtertausch. Seit die Kastraten von der Opernbühne verschwunden sind, hat sich das Repertoire für Mezzosoprane und Altistinnen deutlich erweitert und trotz vieler Countertenöre in heutiger Zeit, hält sich die Besetzung so manch barocker Helden- oder Bösewichtpartie mit einer tiefen Frauenstimme. Die italienische Mezzosopranistin Anna Bonitatibus hat in ihrem aktuellen Album ‚En travesti‘ beim hauseigenen Label des Bayerischen Rundfunks mehr als 250 Jahre Musiktheatergeschichte im Hinblick auf Frauen in Männerrollen nachvollzogen. Das ausgewählte Repertoire reicht von Vivaldi bis Mancini. Begleitet wird sie dabei vom routinierten Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von Corrado Rovaris, der sich vor allem als umsichtiger und fast schon bescheidener Begleiter präsentiert.

Was besonders beeindruckt, ist die stilistische Bandbreite und das enorme Einfühlungsvermögen, das Bonitatibus in jede erklingende Partie zu legen versteht. Es geht ihr nämlich um viel mehr als um ‚bloße‘ Hosenrollen. Sie berührt immer wieder jene leicht irritierende, erotische Komponente, die den Geschlechtertausch so spannend macht – auf der Bühne, aber eben auch auf Tonträger. Ihr Romeo in Bellinis 'I Capuleti e i Montecchi' mag ein junger, schwärmerischer Mann sein, aber die Süße und Zärtlichkeit in Ton und Phrasierung, lassen auf faszinierende Weise die Realität hinter der Maske eben nicht gänzlich vergessen. Bonitatibus spielt mit dieser Grenzwanderung, nutzt sie effektvoll, ohne plakativ zu wirken.

Eröffnet wird das Programm mit einer Arie aus Händels 'Radamisto'. Forsch und virtuos wirft sich Anna Bonitatibus ins Zeug, um gleich mit der darauffolgenden Arie aus Vivaldis 'Farnace' eine starke Kontrastwirkung zu erzielen. Wo bei Händel noch furchtlose Koloraturketten beeindrucken, lässt Vivaldis 'Gelido in ogni vena' die Zeit förmlich stillstehen. Bonitatibus zeigt einen meisterhaften Umgang mit Farben und Emotionen, vom schmerzerfüllten Stimmhauch bis hin zum zaghaften Tonansatz. Dabei bleiben die Wärme und Innigkeit ihrer Stimme aber stets erhalten, selbst wenn sie im Dacapo nur noch einen klingenden Schatten des ersten Teils zaubert. Diese existenzielle Arie gehört fraglos zu den ganz großen Momenten dieser CD.

Was letztlich in allen hier vertretenen Arien auffällt, manchmal störend, manchmal weniger, ist das extreme Tremolieren von Bonitatibus’ Stimme. Fast könnte man annehmen, die Sängerin könne keinen ruhigen Ton mehr produzieren. Wie gesagt, manchmal stört es in keiner Weise, weil die bebende Unruhe der Stimme zum jeweiligen Rollenporträt zu passen scheint, manchmal stört es aber durchaus. So zum Beispiel im reich ornamentierten 'Voi che sapete' aus 'Le nozze di Figaro', wo es eben nicht jung und erregt klingt, sondern eher ältlich und zu reif. Auch der ansonsten betörend gesungene Romeo, mit flötengleichen Höhen und von Rovaris extrem langsam veranschlagt, mag zwar emotional aufgewühlt sein, aber gesund klingt das Dauertremolo nicht – eher enervierend. Bei der finalen Nummer des Album, 'Crazy World' aus dem Musical 'Victor/Victoria' von Henry Mancini ist die unruhige Stimmführung dann vollends deplatziert. Dieser Track ist nach einem ansonsten eigentlich überzeugenden Album nur noch als nicht ernst gemeinter Ausreißer zu hören.

Wunderbar gelingen Bonitatibus der furiose Gluck'sche Orphée in der Bearbeitung durch Hector Berlioz und das 'Di tanti palpiti' aus Rossinis 'Tancredi'. Manchmal erinnert der zaghafte Tonansatz für die Verzierungen an das affektierte Gehauche von Cecilia Bartoli, nur dass Anna Bonitatibus eben auch wirklich zupackt, wenn es vonnöten ist. Das zeigt sie auch in einem launig vorgetragenen, energetischen 'Non! non... vous navez jamais, je gage' aus Meyerbeers 'Les Huguenots' und als verführerischer Nicklausse in Offenbachs 'Les Contes d’Hoffmann'. Selten zu hörende Ausschnitte aus Mascagnis 'L’amico Fritz', Donizettis 'Maria di Rohan' und Puccinis 'Manon Lescaut' – wann findet man das Madrigal des Musikers sonst auf einer Solo-CD? –, das Kind aus Ravels 'L’enfant et les sortilèges' und ein klar artikulierter und leidenschaftlicher Octavian im 'Rosenkavalier' von Richard Strauss komplettieren das kurzweilige Album, das so manche Empfehlung für künftige Verpflichtungen ausspricht.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    En travesti: Arien von Händel, Vivaldi, Rossini, Donizetti, Mascagni u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
BR-Klassik
1
23.02.2018
066:42
2016
Medium:
EAN:
BestellNr.:
Booklet
CD
4035719003185
900318


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Bellini, Vincenzo
 - Tu sola, o mia Giulietta... - Deh! Tu bell'anima -
Donizetti, Gaetano
 - Son leggero è ver d'amore -
Gluck, Christoph Willibald
 - Qu'entends-je? Qu'a-t-il dit? -
Händel, Georg Friedrich
 - Ferite, uccidete, oh numi del ciel! -
Mancini, Francesco
 - Crazy world -
Mascagni, Pietro
 - O pallida che un giorno mi guardasti -
Massenet, Jules
 - Entr'acte (3. Akt) -
Meyerbeer, Giacomo
 - Non!... Non... Vous n'avez jamais, je gage -
Mozart, Wolfgang Amadeus
 - Voi che sapete che cosa è amor -
Offenbach, Jacques
 - Vois sous l'archet frémissant -
Puccini, Giacomo
 - Sulla vetta tu del monte -
Ravel, Maurice
 - Toi, le c ur de la rose -
Rossini, Gioacchino
 - Oh patria! - Tu che accendi questo core - Di tanti palpiti -
Strauss, Richard
 - Wie du warst! Wie du bist! -
Vivaldi, Antonio
 - Gelido in ogni vena -


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"Anna Bonitatibus ist eine der erfolgreichsten Mezzosopranistinnen unserer Zeit. Auf ihrem neuen Album mit dem Titel „en travesti“ präsentiert sie – zusammen mit dem Münchner Rundfunkorchester unter Leitung von Corrado Rovaris – die bekanntesten und bedeutendsten Arien, die in den vergangenen dreihundert Jahren für Frauen geschrieben wurden, welche auf der Opernbühne in Männerrollen auftreten: sogenannte Hosenrollen. Die fünfzehn Arien beginnen bei Händel und Vivaldi, reichen über Gluck und Mozart, die Italiener Rossini, Bellini und Donizetti sowie die französischen Opernkomponisten Meyerbeer, Offenbach und Massenet, die Veristen Mascagni und Puccini bis hin zu Ravel und Richard Strauss; das Programm schließt mit einem Song aus dem Filmmusical „Victor/Victoria“. Die Hosenrolle – die in Männerkleidung auftretende Frau – war und ist eine beliebte Erscheinung des Sprech- wie des Musiktheaters. Dass damit allmählich bloß die für Kastraten geschrieben Partien ersetzt worden wären, nachdem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts deren Tradition aus humanitären und ästhetischen Gründen endete, wird immer wieder angemerkt, ist aber nicht korrekt. Auch zu Zeiten der Kastraten wurden Männer immer wieder von verkleideten Frauen dargestellt, diese Partien von berühmten Sängerinnen interpretiert. Anna Bonitatibus singt auf ihrem Album ausschließlich Arien, die ursprünglich für Frauen geschrieben wurden (im Gegensatz zu zahlreichen Konzeptalben der vergangenen Jahre, auf denen etwa Countertenöre die für Kastraten geschriebenen Arien aufgenommen haben). Damit eröffnet sie einen ganz anderen, neuartigen Blickwinkel auf die Hosenrolle und erlaubt Höreindrücke von großartigen und ungemein abwechslungsreichen musikalischen Nummern aus drei Jahrhunderten Musik- und Operngeschichte. Es reihen sich berühmte und weniger bekannte Operntitel aneinander, beliebte Musiknummern und echte Wiederentdeckungen. Imponierend ist die Tatsache, dass die Hosenrolle, die man eher mit der Barockoper in Verbindung bringen mag, auch im 19. und sogar im 20. Jahrhundert sehr beliebt war. Der Octavian in Strauss‘ „Rosenkavalier“ ist eines der spätesten Beispiele. Den Hörer erwartet also Bekanntes wie neu zu Entdeckendes von virtuosen Arien der Barockoper über den italienischen Belcanto bis hin zum zeitgenössischen Musicalsong. Ein Konzept, das überzeugt und Freude bereitet. Die Studioaufnahmen des Bayerischen Rundfunks entstanden im Sommer 2016 und werden nun bei BR Klassik veröffentlicht. "


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BR-Klassik

Herausragende Musikaufnahmen der drei Klangkörper des Bayerischen Rundfunks werden unter einer gemeinsamen Marke den Musikfreunden angeboten. Das Label heißt BR-KLASSIK. Zum Start sind acht Tonträger sowie eine DVD am 18. September 2009 veröffentlicht worden. Mittlerweile umfasst der gesamte Katalog über 70 Aufnahmen.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das Münchner Rundfunkorchester und der Chor des Bayerischen Rundfunks genießen sowohl in der Region als auch international einen außergewöhnlichen Ruf in Bezug auf Qualität, künstlerische Kreativität und die Vermittlung von klassischer Musik. Im Konzertsaal und in Hörfunk- und Fernsehübertragungen sind die drei Klangkörper regelmäßig zu hören. Herausragende Konzerte, besonders gelungene Interpretationen und selten zu hörende Werke werden nun unter der gemeinsamen Marke BR-KLASSIK auf dem hauseigenen Label dokumentiert.

Das CD-Label BR-KLASSIK ist organisatorisch bei der BRmedia Service GmbH angesiedelt, dem für die Zweitverwertungen zuständigen Tochterunternehmen des Bayerischen Rundfunks, und wird von Stefan Piendl als Label-Manager geleitet. Mit ihm und Peter Alward als A&R-Consultant konnte der Bayerische Rundfunk zwei erfolgreiche, externe Experten mit umfassender, internationaler Erfahrung für die Mitwirkung an seinem neuen Label BR-KLASSIK gewinnen.

Als logische und konsequente Fortsetzung der Surround-Sound-Offensive im Hörfunkprogramm von Bayern 4 Klassik, das ausgewählte Sendungen im Mehrkanalton und mit erhöhter Datenrate überträgt, werden auch die Tonträger-Veröffentlichungen des Öfteren als audiophile SACD produziert. Die Hybrid-SACD-Tonträger lassen sich als herkömmliche CD abspielen, enthalten aber auch eine Stereo-Spur im hochauflösenden DSD-Format sowie eine Mehrkanal-Fassung in 5.0 bzw. 5.1-Surround.

In der Reihe BR-KLASSIK ARCHIVE bringt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks historische Aufnahmen des Labels zu Gehör. Z.B. war an zwei denkwürdigen Konzertabenden die Pianistin Martha Argerich zu Gast, 1973 unter Leitung von Eugen Jochum mit Mozarts Klavierkonzert KV 456 sowie zehn Jahre später mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 unter Seiji Ozawa.

Im Vertrieb werden die Neuerscheinungen von BR-KLASSIK weltweit durch NAXOS betreut. Damit ist eine bestmögliche Präsenz auf allen wichtigen internationalen Märkten gewährleistet. Neue Aufnahmen werden im Highprice-Segment veröffentlicht, die CDs der ARCHIVE- und WISSEN-Serie auf Midprice. Zu einer modernen Vertriebsstruktur gehört selbstverständlich auch die Möglichkeit des digitalen Downloads über Musikportale wie iTunes, Musicload u.a.. Auch dieser Vertriebsweg wird über die Firma NAXOS erschlossen. Die Naxos Music Library präsentiert zudem für Universitäten und öffentliche Bibliotheken via Internet einen ständig wachsenden Katalog mit Tausenden von Titeln weltweit führender Labels. Studenten, Lehrpersonal und andere Benutzer können sich jederzeit einloggen und in der Bibliothek, im Hörsaal, im Studentenwohnheim, im Büro oder zu Hause das komplette Repertoire abrufen - auch die Aufnahmen von BR-KLASSIK.


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