> > > Alfvén, Hugo: Sämtliche sinfonischen Werke Vol. 1
Sonntag, 22. Juli 2018

Alfvén, Hugo - Sämtliche sinfonischen Werke Vol. 1

Schwerfälliger Auftakt


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter Lukasz Borowicz bringt die Sinfonie Nr. 1 von Hugo Alfvén und wird durch das Klangbild eingeschränkt.

Ob Hakon Börresen, Gerhard Schjelderup, Wilhelm Peterson Berger, Kurt Atterberg oder Rudolph Simonsen  – das auf eher unbekannte Werke spezialisierte Label cpo arbeitet sich hartnäckig durch die Musikgeschichte Skandinaviens beziehungsweise des hohen Nordens. Besonders Sinfoniker stehen dabei im Mittelpunkt. So war es nur eine Frage der Zeit, bis ein in Deutschland nicht allzu bekannter, in Schweden dafür naturgemäß umso berühmterer Vertreter an die Reihe kam. Vorliegende CD mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Lukasz Borowicz stellt den Auftakt zu einer Reihe mit den fünf Sinfonien von Hugo Alfvén (1872-1960) dar.

Den Anfang macht dabei die Sinfonie Nr. 1 op. 7 in f-Moll, die Alfvén nach einigen ersten kompositorischen Versuchen 1897 vollendete. Beigegeben sind dem 40 Minuten umfangreichen Werk zwei jeweils rund zehn Minuten lange Einsätzer, die sich seinerzeit großer Beliebtheit erfreuende 'Midsommervaka' op. 19 und die dem schwedischen König Oscar II in memoriam gewidmete 'Drapa' op. 27. Besonders die kurzweilige 'Mittsommerwache' op. 19 mit ihren eingängigen Tänzen und einem klar nachhörbaren Programm  verdeutlicht, warum Alfvén den Ruf eines schwedischen Nationalromantikers genießt. Die Anleihen bei der schwedischen Volksmusik sind in allen drei Werken stark ausgeprägt, wobei die am umfangreichsten besetzte 'Drapa' – laut Booklet ‚eine Form der altnordischen Ballade, die von den Barden zur Harfenbegleitung vorgetragen wurde‘ – nicht zuletzt dank ihrer ausgeprägten Harfensoli ebenfalls klangschön daherkommt.

Zwischen Zeit- und Personalstil

Der frühen Sinfonie Nr. 1 in f-Moll ist Alfvéns selbst gesetzter hoher Anspruch deutlich anzumerken, da diese vor allem in den ersten beiden Sätzen über einiges Pathos verfügt. Allerdings fällt es hier noch schwer, einen klaren eigenen Personalstil festzumachen. Vor allem im 15 Minuten langen Kopfsatz, der seinen Umfang hauptsächlich einer ausgedehnten dramatischen Introduktion und der wiederholten Exposition verdankt, erinnert manch musikalische Geste noch an Mendelssohn oder Schumann. Gleichwohl setzt sich Alfvén hier noch am deutlichsten von Zeitgenossen wie Grieg oder auch Halvorsen ab, da seine klar gegliederte, jedoch angenehm weitschweifende Melodik weniger regional klingt als im darauffolgenden effektvollen 'Allegro, molto scherzando' und im abschließenden Finale. Wer formal wie harmonisch keine großen Überraschungen erwartet – tonale Grenzauslotungen kommen nie auch nur annäherungsweise in Sicht –, dürfte hier aber nicht enttäuscht werden. Alfvéns Erste hat nicht nur im 'Andante' melodische Schönheiten zu bieten, sondern spielt auch höchst souverän mit den Volkstänzen und Rhythmen seiner schwedischen Heimat, darin sicher häufiger auf einer Höhe mit dem Norweger Grieg.

Schwerfälliges Klangbild

Die Aufnahme stammt aus der Berliner Jesus-Christus-Kirche, die bereits die ein oder andere Orchesteraufnahme miterlebt hat. Man denke nur an die nach wie vor spektakulären Karajan-Aufnahmen aus den 1960er Jahren mit den Sibelius-Sinfonien Nr. 4 bis 7. Leider kann die Klangtechnik der vorliegenden Aufnahme mit der damaligen Tontechnik aber nicht wirklich mithalten, denn die hallige Kirchenakustik macht sich vor allem bei den Holzbläsern negativ bemerkbar, da sie hier gegenüber Blech und Streichern klar vernachlässigt werden und zu stark in den Hintergrund treten. Zwar sorgt das Klangbild so für wunderbare Streicherfarben, auch die wuchtige 'Drapa' klingt so angemessen massiv. Insgesamt aber ist das Klangbild eindeutig zu hallig, sodass eine optimal ausgewogene Balance des Orchesterklanges nicht gegeben ist.

Zudem legt der ansonsten stets verlässliche und vielseitige Lukasz Borowicz gerade in Bezug auf die tänzerischen Passagen ein zu gemächliches Tempo vor, sodass vor allem in den letzten beiden Sätzen der f-Moll-Sinfonie der Eindruck eines leichten Verschleppens entsteht – man vergleiche dagegen nur Neeme Järvi und das Royal Stockholm Philharmonic Orchestra. Womöglich geschieht dies aber hier auch aus Rücksichtnahme auf die Akustik, damit möglichst kein Detail untergeht. Jedenfalls wäre es zu wünschen, dass für die kommenden Alfvén-Einspielungen dieser Umstand noch behoben wird, der eine ansonsten überzeugende Interpretation eintrübt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Alfvén, Hugo: Sämtliche sinfonischen Werke Vol. 1

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
22.01.2018
EAN:

761203504329


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
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