> > > Brahms, Johannes: Haydn-Variationen und Händel-Variationen (bearb. für Orgel)
Freitag, 21. September 2018

Brahms, Johannes - Haydn-Variationen und Händel-Variationen (bearb. für Orgel)

Brahms im Michel


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Variationen-Sätze von Brahms verorgelt im Hamburger Michel: ein reizvolles Unterfangen.

Orgelbearbeitungen sind stets eine faszinierende Angelegenheit, weil sie das sinfonische Potenzial der Vorlage auf der ‚Königin der Instrumente‘ zum Vorschein bringen und im besten Fall bislang ungeahnte Seiten am Original zum Klingen bringen. In gleich mehrfacher Hinsicht gilt dies für die vorliegende SACD-Aufnahme aus der Hamburger Hauptkirche St. Michaelis – für die Hamburger liebevoll einfach nur der Michel – mit Bearbeitungen aus fremder Hand von Variationssätzen von Johannes Brahms. Brahms wurde 1833 übrigens im Michel getauft, es handelt sich also gleichsam um ein ‚Heimspiel‘.

Da Brahms’ Orgelschaffen leider spärlich ausfällt - es passt auf eine einzige CD - sind die hier zu hörenden Beiträge umso willkommener. Dies zumal es sich trotz der Einheit des Genres Variationssatz um eine vielseitige Auswahl handet: Am Anfang stehen die bekannten "Variationen über ein Thema von Joseph Haydn" op. 56, es folgt das "Thema mit Variationen d-Moll nach dem zweiten Satz des Streichsextetts op. 18 (für alle ‚Star Trek‘-Fans: Das ist der Satz, mit dem Lt. Commander Data den vulkanischen Botschafter Sarek zum Weinen bringt). Den Abschluss bildet das umfangreichste Stücke auf der SACD: 'Variationen und Fuge über ein Thema von Händel' für Pianoforte op. 24.

Das Label MDG ist dafür bekannt, dass viele seiner Aufnahmen im Format 2+2+2 durchgeführt werden, wodurch räumliche Verhältnisse bei der Wiedergabe verstärkt miteingebunden werden können. Dies trifft hier in besonderer Weise zu, denn wie sich im Booklet nachlesen lässt, verfügt die erst vor kurzem erneuerte Orgelanlage des Michel über drei Orgeln, die sich über einen zentralen Spieltisch simultan anspielen lassen: Eine große Hauptorgel, die bis zur Decke ragt, eine romantische Konzertorgel an der Seite sowie ein Fernwerk auf dem Dachboden, dessen Klang durch ein Gitter in der Decke in den Kirchenraum strömt. Diese beeindruckende Gesamtverteilung der Orgeln wurde von Christoph Schoener, seit 1998 Kirchenmusikdirektor von St. Michaelis, für die vorliegende Aufnahme auch eingesetzt. Dementsprechend klingt die SACD je nach Wiedergabemodus anders. Der Effekt des Fernwerks als Klang von oben herab – vergleichbar mit dem Sound von Dolby Atmos – wird somit alleine im Modus 2+2+2 erreicht. Hört man die Einspielung in Stereo, wirkt das Fernwerk allerdings immer noch so ähnlich wie ein Fernorchester bei Gustav Mahler – der Klang ertönt tatsächlich wie aus der Ferne. Die beeindruckende Gesamtdispotion der Orgeln wird im Booklet übrigens auch aufgeführt.

Da die drei Orgeln intonatorisch laut Booklet-Text präzise aufeinander abgestimmt sind, der Gesamtklang also häufig so wirkt, als spiele nur ein einziges großes Instrument, entsteht weniger der Eindruck trennscharfer Register als der einer im besten Sinne wabernden Klangwolke, die eher an die späte französische Orgelromantik à la César Franck erinnert als ans Barock. Hinzu kommt, dass der weite Kirchenraum des Michel rund ist (52 Meter lang, 44 Meter breit, 27 Meter hoch) und der Klang ohnehin in die Breite geht. Womöglich hat Christoph Schoenert daher insgesamt eher gemäßigte Tempi gewählt, sodass durch den Hall keinerlei Töne ‚verschluckt‘ werden. Zu den Werken passt dieses Vorgehen aber ganz ausgezeichnet. Überhaupt kann von einer überaus gelungenen Einspielung die Rede sein. Alleine schon das Hauptthema der Haydn-Variationen, das ja ohnehin in Choralgestalt daherkommt, wirkt wie für die Orgel gemacht, und es fällt schwer, sich dabei keinen Hochzeitseinmarsch vorzustellen. Sanfte sakrale Begräbnisstimmung verstrahlt hingegen die Bearbeitung aus dem d-Moll-Streichsextett, dessen zum Teil harsche Gesten auf der Orgel nun abgedämpft und ins Tröstliche gewendet werden. Die Händel-Variationen hingegen sind auf der Orgel so vielgestaltig und abwechslungsreich registriert, dass das Zuhören reine Freude bereitet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Brahms, Johannes: Haydn-Variationen und Händel-Variationen (bearb. für Orgel)

Label:
Anzahl Medien:
MDG
1
EAN:

760623205168


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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