> > > Bach, Johann Sebastian: Johannespassion (Fassung 1749)
Donnerstag, 19. Juli 2018

Bach, Johann Sebastian - Johannespassion (Fassung 1749)

Lyrische Passion


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine sehr schöne, vor allem atmosphärisch dichte Johannes-Passion, deren herausragendes Merkmal sicher eine auf hohem Niveau enorm ausgeglichene Solistenriege ist: Weniger Sorgen musste man sich in dieser Hinsicht selten machen. Eine stimmige Aufnahme.

Alljährlich liegt zur Passionszeit die Frage in der Luft, welche neue Interpretation der großen Bach-Passionen für sich einnehmen kann. Nicht, dass ein Mangel an hinreichend Maßstäblichem zu beklagen wäre, dass persönliche Listen von vermeintlichem Ewigkeitswert nicht längst angelegt wären. Doch gibt es zugleich immer wieder Konstellationen, die interessieren, sind Ensembles und Solisten zu hören, deren Ansatz und interpretatorisches Ziel man nur zu gern kennenlernen möchte. In diesem Jahr ist eine Johannes-Passion BWV 245 in der Version von 1749 zu verzeichnen, eingesungen und eingespielt von Bachchor und Bachorchester Mainz unter der Leitung von Ralf Otto. Beigefügt sind dieser Passion noch jene alternativen Sätze, die Bachs erster Überarbeitung der Passion für das Jahr 1725 entstammen und sämtlich überaus hörenswert sind. Fraglich bleibt, ob sie ihre Wirkung als Appendix entfalten oder ob man nicht stattdessen lieber zu einer kompletten 1725er Passion greifen sollte, um einen umfassenden Eindruck zu bekommen.

Doch wie auch immer es damit sei: Aus verschiedenen Gründen lohnt die Begegnung mit Ralf Ottos vorliegender Interpretation der Johannes-Passion deutlich. Da ist zunächst der mit 34 Stimmen nicht klein besetzte Bachchor Mainz, den Ralf Otto zu Präzision und Luzidität geformt hat, was die großen Chöre und etliche der Turbae maßgeblich bestimmt: Das ist stets gebändigte Größe, flexibel geführt. Sehr gelegentlich wirkt etwa rhythmische Präzision demonstrativ bis zum Artifiziellen – Beispiel dafür ist die Bass-Arie 'Eilt, ihr angefochtnen Seelen', in der die chorischen Wohin-Einwürfe so gestochen scharf kommen, dass die Wirkung von Perfektion überzeichnet wirkt. Zugleich aber: ein Beispiel, das deutlich macht, welch intensive Probenarbeit in dieser Produktion steckt.

Musikalisches wie spirituelles Kraftzentrum sind bei Ralf Otto die Choräle. Er fasst sie als in erster Linie lyrische Reflexionsräume auf, die dem Chor edle Linien in weich gefassten Registern ermöglichen. Auch die Instrumente artikulieren hier eher behutsam und auf Linie gedacht denn kleinteilig und strukturgebunden. Otto gewinnt aus intensiver Textdeutung gelegentlich knappe Tempoimpulse mit überraschenden Wirkungen, die selten überzogen oder gar erzwungen wirken.

Das Bachorchester Mainz überzeugt in sehr verschiedenen Konstellationen von voller kammerorchestraler Besetzung über verschiedene delikate Arien-Begleitungen bis zu den knackigen Secco-Rezitativen. Etliche feine Soli sind zu hören, zum Beispiel die Flöten von Leonhard Schelb und Rei Nakashima, die Oboen von Susanne Kohnen und Martin Letz, auch die Viola da gamba von Hille Perl. Der Basso continuo wird angenehm präzis in den Konturen entfaltet, mit vielen hörenswerten Impulsen von der Laute Joachim Helds.

Famose Solisten

Wenn man nur ein Wort zur Beschreibung des Solistenensembles verwenden dürfte, wäre es: beglückend. Das beginnt natürlich beim Evangelisten von Georg Poplutz, dem nicht weniger als eine Meisterleistung gelingt. Stimmlich ist sein Vortrag so souverän, dass in keinem Moment auch nur der leiseste Zweifel an seiner interpretatorischen wie erzählerischen Autorität aufkäme. Poplutz moduliert, schattiert, kostet das sich entfaltende Drama aus, singt, geschult am älteren Repertoire, sprechend im besten Sinne, zeigt sich zudem fulminant höhensicher.

Der Jesus von Yorck Felix Speer hat eine großartige Statur: Speer hat eine Stimme von einiger Fülle, wirkt dabei aber immer behände und in keinem Moment schwerfällig; vor allem kommt sein Vortrag ohne die Schärfen manches seiner englischen Fachkollegen aus, die gerade dem Jesus der Johannes-Passion oft zu viel demonstrative Dramatik aufbürden. Speers Jesus-Figur ist nicht ätherisch entrückt, eher eine, der die Herrscher-Geste vollkommen natürlich zuwächst. Mit dem Pilatus von Christian Wagner tritt ihm ein ebenso stimmgewaltiger wie präsenter Kontrahent gegenüber, der Jesus dramatisch und musikalisch auf Augenhöhe begegnet: Selten hat wohl ein Pilatus seine ja eigentlich knappe Partie glänzender zur klaren Profilierung genutzt. Auch die weiteren Soliloquenten agieren mehr als rollendeckend.

Das Arien-Quartett lässt keine Wünsche offen: Julia Kleiter lässt ihren Sopran von natürlichem Charme frei sich verströmen, mit einnehmender Qualität. Gerhild Romberger bringt ihren Luxus-Alt mit seiner großartigen lyrischen Präsenz und herausragend natürlichen Diktion und der voluminösen Tiefe ein. Daniel Sans setzt mit seinem Tenor lyrische Akzente, überzeugt zugleich mit kraftbegabten, elegant gesetzten Höhen und fein dosierter expressiver Kraft. In der Arie ‚Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken‘ gelingt ihm auch ein technisches Bravourstück. Schließlich rundet Matthias Winckhler das Bild mit seinem eleganten Bariton und – das ist keine Überraschung mehr- etlichen lyrischen Qualitäten.

Ralf Otto bringt all diese Ressourcen in ein tempomäßig wenig forciertes, stimmiges Tableau, das in den großen Diskurs-Szenen einen angemessen dramatischen Sog entfaltet. Die Mainzer Christuskirche, in der die Aufnahme entstanden ist, erweist sich als bewährter Aufnahmeort: Gebändigte Räumlichkeit verbindet sich mit struktureller Klarheit, feiner Balance und gelungener Staffelung: Das Aufnahme-Team um Peter Laenger wartet in der Summe mit einem erstklassigen Resultat auf.

Ralf Otto entfaltet ein lyrisches Drama, groß, aber nicht breitwandig, mit vielen Impulsen aus verschiedenen Traditionen zu einer stimmigen Deutung verbunden. Ergebnis ist eine sehr schöne, vor allem atmosphärisch dichte Johannes-Passion, deren herausragendes Merkmal sicher eine auf hohem Niveau enorm ausgeglichene Solistenriege ist: Weniger Sorgen musste man sich in dieser Hinsicht selten machen. Eine stimmige Aufnahme.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
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    Bach, Johann Sebastian: Johannespassion (Fassung 1749)

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
2
09.02.2018
EAN:

747313381777


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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